Fatale Tage von Halberstadt

VON JAN KÜHNEMUND

Als ich in Halberstadt ankomme, schreit es mir nicht gerade entgegen, dass hier eines der kühnsten Musikprojekte der letzten Jahrzehnte stattfindet. „Modellstadt Aufbau Ost“ verkünden große Tafeln, pittoreske Fachwerkhäuser in Orange, Rosa, Grün und Blau schmiegen sich aneinander entlang kopfsteingepflasterten Straßen, ein Kirchturm überragt den anderen. Die Menschen schauen ein bisschen mürrisch drein. Hier also liegt das Mekka der Avantgarde? Kaum zu glauben. Überhaupt, Avantgarde. Warum sollte sich irgendein Halberstädter dafür interessieren?

Weit gefehlt. Bereits der zweite Einheimische, den ich nach dem Weg frage, erweist sich der Sache kundig. John Cage, klar. Diese verrückte Geschichte. In der St.-Burchardi-Kirche ist das, ganz einfach zu finden. An den zahllosen Kirchen Halberstadts vorbei lotst er mich zur kleinsten. Bescheidensten. Einem vom Zahn der Zeit arg angegriffenen Zisterzienserkloster, ohne Blattgold und bunte Fenster, ganz und gar nicht protzig. Daneben ein ungleich beeindruckenderes Herrenhaus. Die John-Cage-Orgelstiftung residiert hier, wie an der Tür zu lesen ist. Führungen Dienstag bis Sonntag zwischen elf und vier. Ich klingle. Warte. Und werde dann begrüßt, als wäre ich der erste Besucher seit Wochen. Was ich nicht bin, im Haus haben sich bereits sechs Personen versammelt, alle brennend interessiert an „dieser verrückten Geschichte“.

Margot Dannenberg ist die Betreuerin des Projekts vor Ort, zuständig für eigentlich alles; meistens führt sie Besucher durch die Kirche und erläutert das Projekt. Professionelle Distanz scheint ihre Sache nicht zu sein, und so transportiert sie noch die trockensten Fakten mit einer Begeisterung, derer man sich nur schwer erwehren kann. Und eigentlich gar nicht will. Mit ausufernden Bewegungen und voll Emphase malt sie das Projekt aus. „Seit dem 5. September 2001 läuft hier ein Orgelprojekt. Damals begann die Aufführung des Stückes ‚As Slow As Possible‘ des amerikanischen Avantgardekomponisten John Cage.“ Eines Stückes, dessen Uraufführung 1987 in Metz rund dreißig Minuten dauerte. Die Initiatoren der neuen Aufführung – ein Orgelsymposium in Trossingen 1997 – nahmen die titelgebende Anweisung des Komponisten zur Gelassenheit ernster, als er sich das selbst wohl ausgemalt hatte. So ernst, dass sie der wahnwitzig anmutenden Idee verfielen, in ihrer Definition von Langsamkeit weit über das menschlich Erlebbare hinauszugehen. 639 Jahre soll die Aufführung dauern, Unterbrechungen sind nicht vorgesehen, nicht nachts, nicht am Wochenende.

Ein Ort hierfür war schnell gefunden: Halberstadt drängte sich geradezu auf, schließlich wurde dort im Jahr 1361 die erste Großorgel der Welt gebaut. Für diese Orgel wurde erstmals eine Klaviatur verwendet, weshalb die Stiftung heute in ihrer Broschüre stolz befindet: „Die Wiege der modernen Musik stand damit in Halberstadt.“ Die Legende besagt, dass mit nur einem Telefonanruf alles geregelt war, die Stadt war einverstanden, die Musikwissenschaftler waren begeistert. Eigentlich sollte es im Jahr 2000 losgehen, zum 88. Geburtstag des 1992 verstorbenen Komponisten. 639 Jahre waren vergangen seit dem „fatal day of Halberstadt“ (Harry Partch), in 639 Jahren soll mit dem Ende des Stückes der nächste „fatale“ Tag von Halberstadt begangen werden.

Der Ton ist sofort da. In dem Moment, als Margot Dannenberg die Tür der Kirche aufschließt, umfängt er uns. Ob dieser penetrante Ton nicht irgendwann nervt, fragt eine Besucherin. „Der Ton? Ach der, den höre ich gar nicht mehr. Der ist mir schon so ins Blut übergegangen, dass er mir schon gar nicht mehr auffällt.“ Der Ton ist genau genommen ein Klang aus mehreren Tönen: e, g und h. Zu sehen ist nichts. Besucher müssen sich im Klang zurechtfinden, bevor sie überhaupt einen Blick auf die Orgel werfen können, schließlich geht es hier ums Hören. Die Kirche besteht aus einem Kreuzgang, irgendwo rechts oder links muss die Orgel stehen. Ein bisschen düster ist es hier, karg und kalt, nur ein Teil der Kirche hat überhaupt einen Steinboden. Als Schweinestall wurde das Gebäude genutzt, vorher.

Entlang der gesamten Innenwand der Kirche verläuft eine Leiste, an die in unregelmäßigen Abständen edle Stahlplatten geschweißt sind. „Irgendwie müssen wir den Leuten ja ein bisschen Geld aus der Tasche locken“, kommunale oder staatliche Unterstützung gibt es nicht, das gesamte Projekt wird aus Spenden finanziert. Ab einer Spende von tausend Euro dürfen die Spender sich ein Klangjahr aussuchen und ihren Namen in eine der Tafeln gravieren lassen. Philipp Rolef feiert laut Tafel 2008 seinen 20. Geburtstag, Jutta und Klaus Röhring begehen 2015 ihre goldene Hochzeit, Dr. Maren Taubert hat 2636 ihren 700. Geburtstag. Rund vierzig der Klangjahre sind so bereits belegt. Für das Jahr 2003 legten die Halberstädter Wibke Bruhns und Alexander Kluge sowie Dietrich Kober, Christina Weiss und Jens Reich zusammen. Fast ein bisschen knickerig, zu fünft.

Dann die Orgel. Sie ist kleiner, viel kleiner als erwartet. Hinten links um die Ecke steht sie, unauffällig, fast ein bisschen versteckt. Vielleicht anderthalb Meter hoch ist sie und steht auf einem Podest, in dem sich das elektrische Gebläse befindet. Drum herum ein Plexiglaskasten. „Der Kasten schützt nicht die Orgel, sondern die Anwohner. Es gab hier in der Nachbarschaft zwei Beschwerden. Eine Orgel leiser drehen geht nun leider nicht, deswegen mussten wir den Ton dämmen.“ Schade drum, stimmen alle ein. Keine zehn Minuten sind wir in der Kirche, der Ton ist längst in uns übergegangen.

Das nun also ist die Orgel, die hier über 600 Jahre ausharren soll, fragt ein sichtlich enttäuschter Besucher. Nur ein Provisorium sei sie, erläutert Margot Dannenberg, das Geld für die richtige Orgel sei eben noch nicht zusammen. Ein maßstabgetreues Provisorium immerhin. Und die Orgel wächst. „Für jeden neuen Ton, den wir brauchen, wird eine neue Pfeife eingebaut.“ Ein Architekt hatte einen Entwurf eingereicht: eine pilzartige Orgel mit Orgelpfeifen in Wendeltreppenform. „Das war auch schön, aber einerseits mit rund 1,2 Millionen Euro natürlich viel zu teuer. Und andererseits sind wir hier in dieser Kirche nur zu Gast, da können wir nicht so etwas Monströses einbauen.“ Die Orgel, die nun von Romanus F. Seifert & Sohn gebaut wird, hat dagegen zwei entscheidende Vorteile: Sie fügt sich durch ihre Bauart hervorragend in die Kirche ein, ihre Maße sind „ad quadratum“ den Maßen der Zisterzienser nachempfunden, und sie kostet „nur“ 200.000 Euro. Trotzdem, auch das ist eine Menge Geld – bislang ist ein kleiner Teil davon zusammengekommen, die laufenden Kosten zu decken ist manchmal schon schwierig genug.

Dass es auch eine mathematische Höchstleistung war, ein gerade mal acht Partiturseiten umfassendes Stück auf eine so lange Zeit umzurechnen, erläutert Margot Dannenberg. Eine Viertelnote ohne Stakkato dauert 4 Monate. Selbst die Bewegung eines Fingers von einer Taste zur anderen galt es mit mehreren Monaten zu berücksichtigen. Und die Pause, mit der John Cages Stück – wie viele andere Orgelstücke – beginnt. Was bei jeder traditionellen Aufführung allerdings kaum mehr als ein von der Audienz unbemerktes Luftholen ist, das Heben der Hände des Organisten, bevor er sie auf die Tastatur gleiten lässt, dehnte sich in Halberstadt auf siebzehn Monate. „Fast anderthalb Jahre war hier nur das Fauchen des Gebläses zu hören, das hat viele Besucher doch sehr überrascht, für die gehörte das nicht richtig zum Stück. Die waren dann enttäuscht, dass es noch gar nicht losgegangen war.“ Sie verstanden offenbar nicht, dass man sich vor einer so großen Aufgabe ruhig mal ein paar Monate der Kontemplation, des Luftholens gönnen kann.

Genau genommen aber war auch damals nicht „nichts“ zu hören. Das Gebläse arbeitete von Anfang an, die Luft entwich allerdings, ohne eine Pfeife zu passieren. Es muss also ein seltsames Bild gewesen sein, damals bei der Eröffnung. Zahlreiche geladene Gäste aus Politik und öffentlichem Leben waren anwesend, um so etwas wie Ohrenzeugen zu werden, wie das Gebläse in Betrieb genommen wurde. Aber Cage machte sie zu Komplizen: Jedes Geräusch in der Umgebung gehört für ihn zum Stück dazu. So also zur Eröffnung beispielsweise das leise Tuscheln der Kulturstaatsministerin Christina Weiss und die Schritte der Journalistin Wibke Bruhns.

Nach vier Monaten reinen Gebläseklangs stieß Margot Dannenberg zu dem Projekt. Über eine Maßnahme des Arbeitsamts bekam sie die Aufgabe, das Projekt zu betreuen. Gehört hatte sie davon schon vorher, als einzige Bewerberin wusste sie überhaupt, worum es ging. „Ich dachte damals, meine Güte, ich muss doch etwas erfahren über dieses abgefahrene Projekt, bin dahin gefahren und war begeistert. Und plötzlich war ich dabei, betreute Besucher.“ Weder Logistik noch Infrastruktur existierten, schnell wurde aus der Aufgabe eine Lebensaufgabe.

Erst viel später erklangen die ersten Orgeltöne. Am 5. Februar 2003, wiederum vor geladenen Gästen. Ein Dreiklang aus gis', gis'' und h'. „Ich rief meinen Mann an von hier aus, mit Tränen in den Augen, und er sagte nur, das klingt ja wie eine Mercedes-Hupe.“ Am 5. Juli 2004 kamen e und e' hinzu, am 5. Juli 2005 werden sich gis' und h' verabschieden. Für lange Zeit. Das gis' wird 2030 wieder angeschlagen, das h' 2046. Und 2072 wird der erste von acht Teilen des Stückes abgeschlossen sein.

Ob sie sich selbst nicht klein vorkomme im Verhältnis zu diesen jedes menschliche Maß überschreitenden fast 640 Jahren, frage ich. „Nein, nein. Das ist doch ein unglaublich optimistisches Projekt.“ Aber niemand könne sich doch eine Vorstellung davon machen, wie es in 600 Jahren aussieht auf der Welt? „Natürlich weiß ich nicht, ob das zu Ende geführt wird. Aber stellen Sie sich mal vor, Sie würden nur etwas in die Tat umsetzen, wofür sie eine hundertprozentige Garantie haben. Kreative Menschen sollten einfach daran glauben, dass das, was sie begonnen haben, auf irgendeine Art eine Anerkennung findet.“ Und, ergänzt sie, schließlich habe man am Kölner Dom auch 630 Jahre gebaut. So ähnlich sei es bei diesem Projekt: Viele Baumeister, viele Generationen, außer den letzten weiß niemand, ob es zu Ende geführt wird.

Die Erfahrung, mit ihrer eigenen Begeisterung andere anstecken zu können, hat Margot Dannenberg früher nie gemacht. „Ich habe immer Bürojobs gehabt und nach der Pfeife des Chefs getanzt. Da kam nie etwas zurück, ich konnte lieb und nett zu den Leuten sein. Aber hier habe ich die Möglichkeit, den Leuten das zu vermitteln, was mein Herz mir sagt.“ Spricht’s, lacht laut und wirkt selbst verblüfft. „Das kann ich immer selber nicht verstehen, ich habe doch nie eine Fähigkeit gehabt, Menschen mitzureißen. Aber ich merke es jetzt eben, dass ich diese Gabe anscheinend doch habe. Und das erfüllt mich.“

Ein mutiges Projekt sei es, befindet einer der Besucher, vor allem in einer so schnelllebigen Zeit. Und muss selbst schon wieder weiter. Vorher kommt er noch der Bitte um eine Spende nach. Es klimpert nicht, ein gutes Zeichen. Die Besucher tröpfeln hier so ein, „eigentlich kommt jeden Tag jemand“. Richtig viel los sein wird beim Tonwechsel, am 5. Juli. Um Punkt 16.33 Uhr wird der Wechsel feierlich begangen, vorher wird es eine Aufführung des Stücks im Herrenhaus geben – in einer siebzigminütigen Schnellversion.

Reinkarnation wäre praktisch. Findet Margot Dannenberg auch. „Ja! Falls es das gäbe, würde ich mich sofort als Fledermaus in diese Kirche stürzen. Und mal schauen, wie weit sie jetzt sind. Denn es war ja, wenn auch nur ein Lebensabschnitt, in dem ich das hier begleite, doch ein sehr wichtiger für mich persönlich.“ Spricht‘s und entlässt uns in eine Welt, in der wir uns an den Ton allenfalls erinnern können. Eine seltsame Vorstellung, fällt mir im Zug auf, dass der Ton jetzt gerade immer noch da ist. Viel später höre ich mir eine CD des Stücks von John Cage an. Schön ist das nicht, eher disharmonisch. Aber das fällt natürlich nur auf, wenn man zu wenig Zeit hat.

JAN KÜHNEMUND, 29, lebt in Oldenburg und gibt das Magazin Clubsessel heraus. Auf den taz-Kulturseiten erscheint in der nächsten Woche eine Rezension des Halberstädter Tonwechsels