In Berlin diskutieren taz-LeserInnen und -GenossInnen über die Perspektiven neuer Anti-Atom-Kämpfe. Längst nicht mehr jeder vertraut noch den Grünen. von MARTIN KAUL

Sind bei der Anti-Atombewegung nicht mehr die Spitze, sondern nur noch Teil des Spektrums: Die Grünen. Bild: dpa
BERLIN taz | Hier sitzt sie, die kollektivierte Hassliebe. Sie können nicht ohneeinander. Aber miteinander können sie auch nicht so recht. Es ist 10.30 Uhr, Samstagmorgen, und die Links-Grünen sind da und die Grün-Bürgerlichen. 150 Menschen und alle eint dieselbe Wut: Die Atompläne der Bundesregierung, die Chuzpe der Angela Merkel, noch mehr Atommüll zu produzieren als ohnehin schon geplant war.
Schumannstraße 8, im Chique der Berliner Mitte sitzen die taz-LeserInnen und -GenossInnen und fragen sich mit den Menschen auf dem Podium: „Keiner will's, keiner braucht's, trotzdem kommt's: Wie lassen sich die Atompläne noch stoppen?“ Bärbel Höhn sitzt da oben, die Umweltstimme der grünen Partei. Campact-Vorstand Christoph Bautz, der Mobilisierungsmeister der Online-Demos und Transparent-Aufhänger.
Und Hanna Poddig, die „radikal-mutige“ Buchautorin, Straßenaktivistin, Gleis-Anketterin. Drei gegen Atomkraft. Aber es sind drei Gesichter des Anti-Atomkraft-Spektrums, die auch dessen Gespaltenheit zeigt. Denn wenn heute Zehntausende in Berlin gegen die Atomkraft auf die Straße gehen, haken sich nicht alle unter. Viele von ihnen sind enttäuscht von den Grünen. Und andere wollen nun endlich auch schwarze und gelbe WählerInnen gegen Atomkraft auf die Straße bringen.
In ihrer Mitte sitzt Bärbel Höhn, die Umweltpolitikerin aus Nordrhein-Westfalen, die heute wieder für den gemeinsamen Kampf antritt. „Wir sind in den Parlamenten nur so stark“, sagt sie, „wie es die Bewegung ist.“ Sie wirbt für den Schulterschluss, den gemeinsamen Kampf. Aber sie muss heute auch sehen: Links auf der Straße wollen im November AktivistInnen zu den Schottersteinen unter den Gleisbetten im Wendland greifen und rechts von ihr will Christoph Bautz eine klein-, mittel-, großbürgerliche Bewegung auf die Straße bringen. „Wir müssen die Bündnisse in die Breite der Gesellschaft weiter ausbauen“, sagt er. „Wir müssen tief hinein in die bürgerlichen Schichten. Wir können gemeinsam an der Seite der Stadtwerke kämpfen. Und wir wollen ruhig auch FDPler und CDUler in unseren Reihen haben, wenn es gegen Atomkraft geht.“
Christoph Bautz ist der Mailverschicker der Nation. Mit seinem Online-Netzwerk Campact mobilisiert er seit Monaten für die heutige Anti-Atom-Demo heute. Und wenn er von Mobilisierung redet, dann sagt er immer wieder das Wort „niedrigschwellig“. „Niedrigschwellig“ heißt: JedeR kann einen Appell unterschreiben, jedeR kann irgendwas tun. Und jedeR kommt heute aus allen Parteien. Wenn es um Atomkraft geht, dann geht es nicht mehr nur um die Grünen.
Auf der anderen Seite sitzt Hanna Poddig. Hanna Poddig, strafbewährte Daueraktivistin, vertraut nicht auf die Parlamente. Sie sagt: „Der Hoffnungsträger Rot-Grün hat doch glasklar bewiesen, dass der vermeintliche Atomausstieg gar keiner war. Der Parlamentarismus hat bewiesen, dass es nicht funktioniert.“ Sie ist eine Stimme derjenigen, die heute über die Handwerkskünste der Grünen schimpfen, die es verpasst hätten einen sattelfesten Ausstieg zu beschließen. „Ich muss nicht mehr an die Politik appellieren. Ich muss nicht daran glauben, ich muss mich nicht darauf einlassen. Ich muss einfach selbst tätig werden. Direkt und ganz konkret.“ „Atomkonsens“ heißt bei ihr nur „Atomnonsens“.
Bärbel Höhn sitzt gut in ihrer Mitte. Sie ist die, die ein bisschen die Bewegte ist, aber doch auch die Partei. Natürlich will sie der Kitt sein im Kampf gegen die Kraftwerke: „Ich verstehe nicht, warum wir uns jetzt gegenseitig angreifen“, sagt sie. Sie will eine funktionale Arbeitsteilung. Die Grünen in den Parlamenten, die anderen doch bitte auf der Straße. „Gemeinsam können wir stärker sein, als jeder alleine. Die ganz starke Stärke der Linken ist auch, dass wir immer gegeneinander rumkritteln müssen. Das bringt den Misserfolg anstatt den Erfolg“, sagt sie. „Jetzt müssen wir Schwarz-Gelb richtig auf den Kopf hauen.“
Doch heute muss sie auch sehen: Die Grünen haben ihren Alleinvertreteranspruch auf Atomkritik in den Parlamenten verloren. „Wann kommt endlich die Einsicht von Spitzengrünen, die sagen: Unser Ansatz war falsch“, fragt Christoph Bautz. Und Bärbel Höhn muss eingestehen: Als sie damals auf den Konsens mit der Atompolitik vertrauten, vielleicht haben sie da etwas falsch gemacht. „Wir werden jetzt auch darüber nachdenken müssen, mit welchen Strategien wir in die nächste Bundestagswahl ziehen.“
An diesem Tag wird klar: Die Grünen sind nicht mehr die große Spitze einer immer breiter werdenden Bewegung. Sie sind ein Teil des Spektrums. Aber in der Breite radikalisieren sich LinksaktivistInnen, die im Rahmen der Kampagne „Castor schottern“ im November im Wendland zu aktivem zivilem Ungehorsam aufrufen wollen, und diejenigen, die die Tiefen des bürgerlichen Lagers erobern anpeilen.
„Wer ist bereit für eine neue Republik freies Wendland?“ fragt eine Frau am Ende in die Runde. Es wäre sicher eine bunte Republik. Aber auch eine mit einem sehr gespaltenen Herzen.
In ihrem Videocast fordert Kanzlerin Merkel einen schnellen Ausbau der deutschen Stromnetze. Um den Windstrom von den Norden in den Süden zu schaffen, sind Tausende neue Netzkilometer nötig.

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Leserkommentare
20.09.2010 02:41 | vic
Regenerative Energie wartet nur darauf eingespeist zu werden. Das kann sie aber erst, wenn die atomstromverstopften Netze e ...
18.09.2010 21:21 | joe burger
angeblich sollen es ja 100 Mrd € sein, die durch die verlängerung der akw-laufzeiten zusätzlich erwirtschaftet werden. von ...
18.09.2010 16:58 | Waage
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