das ende des kreuzberger csd ist ausdruck des zeitgeists

Noch einmal politisch korrekt feiern

Die kaum achtjährige Geschichte des Kreuzberger CSD soll dieses Jahr zu Ende gehen. „Begonnen hat sie 1997“, erzählt Fatma Souad. In jenem Jahr beschlossen die Verantwortlichen des großen CSD, dass, wer mit einem Wagen an der Parade teilnehmen will, eine Gebühr zu entrichten habe. Dies schließe kleinere Gruppen aus, argumentierten AktivistInnen der schwul-lesbischen und sonstig queeren Szene. Aus Protest wurde ein so genannter Rattenwagen gestaltet: Darauf saßen rattenartige Schmarotzer, die im Dreck wühlten.

Der Wagen vom Club SO 36 gesellte sich zu dieser Mit-uns-nicht-Fraktion. Die beiden Prachtgefährte mussten sich, wie für Nassauer üblich, am Schluss des CSD einreihen. Die im Dreck wühlenden Ratten bewarfen hin und wieder Leute, die ihnen nicht gefielen. „Eine Tunte im Nazi-Outfit etwa“, berichtet Souad. „Leider traf es auch einen Mercedes, was endlosen Ärger nach sich zog.“ Bis ins Detail rekonstruieren lassen sich die Ereignisse nicht mehr, weil es zu viele verschiedene Aussagen dazu gibt.

Auf jeden Fall wurde aus Protest gegen die Kommerzialisierung des Berliner Christopher Street Day 1998 der Kreuzberger CSD ausgerufen. Beim SO 36 liefen die Fäden der verschiedenen Gruppen zusammen. Ein Zusatzangebot sollte es sein, noch sprach man miteinander. Um 15 Uhr startete der Zug am Oranienplatz, um die Strecke bis zum Heinrichplatz zurückzulegen. So konnten einige der Wagen am großen CSD beginnen und später von dort, wo sich neben Clubs, Bars und Politikern auch McDonald’s, die Zigarettenmarke West und Heineken politisch gaben, ausscheren, um – in ihrem Sinne glaubwürdig – gegen Diskriminierung von Menschen nicht nur schwul-lesbischer Provenienz zu demonstrieren.

Fatma Souad war von Anfang an die Zeremonienmeisterin des Kreuzberger Events. „Wir wollen nicht das Anpasserische haben. Wir lassen keine Parteien und Politiker auf die Bühne, die uns mit ihrem Toleranzgelaber vollseiern. Wir lassen auch keine großen Firmen ran“, sagt Souad. Der erste Kreuzberger CSD war ein Erfolg. Die Fete hatte mehr Herz.

Im Laufe der Jahre wurde die Kommunikation zwischen dem großen und dem Kreuzberger CSD schlechter. Aus einem Sowohl-als-auch wurde ein Entweder-oder. Wo die einen die Ehe für Homosexuelle forderten, meinten die anderen: „Die Ehe taugt nur zum Schein.“ Wo die einen, wie in diesem Jahr, „unser Europa gestalten wir“ sagen, meinen die anderen, „wir ist alle“. Souad liebt das Zweideutige nicht nur bei sich, sondern auch bei Parolen.

In den vergangenen zwei Jahren wurde es immer schwieriger, Leute zu finden, die die ganze Organisation des Kreuzberger CSD auf sich nahmen. Ehrenamtlich wohlgemerkt. Deshalb haben sich Souad und die Handvoll Aufrechter entschlossen, ihn zum letzten Mal zu stemmen. „Wir brauchen zu viel Zeit, um das Geld fürs tägliche Überleben aufzutreiben. Unsere brüchigen Biografien passen nicht zu Hartz IV.“ Fair ist, dass sie das Ende ankündigen. Es ist Ausdruck der Zeit.

WALTRAUD SCHWAB

Der Kreuzberger CSD beginnt um 15 Uhr am Hermannplatz. Abschlusskundgebung ist um 17.30 Uhr am Heinrichplatz. Ab 21 Uhr ist CSD-Party im SO 36