Seit fünf Monaten ist das Tempelhofer Feld geöffnet - tagsüber. Vor allem der Zaun hat am Anfang für Proteste gesorgt. Nun haben sich die Besucher daran gewöhnt. Sie sträuben sich jetzt gegen die Bebauung.von Konrad Litschko
Ein sonniger Septembertag auf dem Tempelhofer Feld: Kite-Skater preschen neben Radlern und Inlinern über die Landebahnen, auf den grünen Wiesen verteilen sich Picknicker, Wasserpfeifenblubberer und Drachensteiger. Eine Band probt open air Ska, Sonnenbader applaudieren nach jedem Stück. Im Biergarten lümmeln Ausflügler mit Weizenbier in Liegestühlen, nebenan lassen Anwohner ihre Hunde in Gattern toben. Munterer könnte die Koexistenz kaum sein - ermöglicht durch die fast baum- und strauchlose 300 Hektar-Weite des größten Berliner Parks.
Ein knappes halbes Jahr nach seiner Eröffnung avanciert das Tempelhofer Feld zum wuseligsten Park der Stadt. Die Berliner haben sich das frühere Flughafenarreal angeeignet. Von dem Zaun, den der Senat allabendlich schließen lässt, lassen sie sich nicht stören. Wichtiger ist ihnen, ihren Neu-Park so zu behalten, wie er ist - als weites Wiesenfeld.
Michael Krebs kann von seinem Container-Büro am Parkrand direkt aufs Gewimmel blicken. "Der Park wird fantastisch angenommen", schwärmt der Parkmanager von der Grün Berlin GmbH. Rund 1,1 Millionen Besucher habe das Tempelhofer Feld seit der Öffnung am 8. Mai angezogen. Im Schnitt 7.400 Menschen kämen täglich, an sonnigen Samstagen auch mal 50.000. Vor allem sportlich werde der Park genutzt, alles eigeninitiativ. "Unser freiheitliches Konzept hat sich bewährt."
Auch beim Senat nur Zufriedenheit. "Die Resonanz ist beeindruckend, das war so nicht unbedingt abzusehen", sagt Mathias Gille, Sprecher von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). "Offenbar schreckt die Weite nicht ab, sondern zieht an."
Noch vor einem halben Jahr schien der Senat dem Tempelhofer Frieden nicht recht zu trauen. Erst ließ Junge-Reyer den Zaun verschlossen, um "unkontrollierte Zerstörungen" zu verhindern. Dann öffnete sie ihn, aber nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang - um einen "friedlichen Park" ohne Vermüllung zu gewährleisten. Aktuell schließt der Park um 20.30 Uhr, bis Dezember wird dies auf 17 Uhr gesenkt. Im Frühjahr geht's wieder bergauf.
Für Parkchef Krebs hat sich das Konzept bewährt: Auf dem Feld gebe es fast keinen Vandalismus, kaum Müll, selten unangeleinte Hunde, wenig liegengelassene Grillreste. "Das läuft alles erstaunlich friedlich. Das Meiste regeln die Leute selbst."
Theo sitzt in der Lunte, einem zuplakatierten linken Stadtteilladen, zwei Straßen hinter dem Neuköllner Haupteingang zum Feld. Er gehört zur Initiative "Tempelhof für alle", die schon im Juni 2009 mit einer Großbesetzung die Öffnung des Flughafenzauns forcieren wollte - und an der Polizei scheiterte. Theo interpretiert Krebs' Bilanz anders. "Nichts" sei von dem eingetreten, womit Junge-Reyer den Zaun gerechtfertigt habe. "Der Zaun ist einfach überflüssig. Warum also steht der immer noch?"
Auch die grüne Stadtentwicklungsexpertin Franziska Eichstädt-Bohlig plädiert nicht unbedingt dafür, den Zaun abzubauen, wohl aber ihn nachts zu öffnen. "Der Senat könnte das ja mal vier Wochen probieren und schauen, ob sich ein großes Drama ergibt." Eichstädt-Bohlig glaubt das jedenfalls nicht. "Der Berliner ist viel normaler, als mancher denkt."
Senatssprecher Gille räumt ein, dass man auch andere Szenarien befürchtet habe. "Die sind glücklicherweise nicht eingetreten." Auch wegen der Schließzeiten. Deshalb werde daran festgehalten. Der Zaun schrecke etwa Kriminelle ab, da diese nicht so einfach fliehen könnten. Zudem sei es nachts stockfinster, Beleuchtung gebe es nicht, es bestehe Verletzungsgefahr.
Theo vermutet hinter dem Zaun noch einen anderen Grund: "Die wollen sich die Option offen halten, doch irgendwann Eintritt zu nehmen." Dies verneint Gille: Der Eintritt für den Park bleibe garantiert kostenlos.
Zwölf Wachleute habe er im Einsatz, sagt Parkchef Krebs. Radelnd oder mit Auto. Einige auch nachts. "Vielleicht zehn" Zaunkletterer seien bisher erwischt und der Polizei übergeben worden, so Krebs. Auch die Sicherheitsleute nicken. Im Sommer hätten einige Leute die Schließzeiten "etwas ausgereizt". Inzwischen würden aber nur noch wenige über den Zaun klettern, um den Weg von Tempelhof nach Neukölln abzukürzen. "Ist hier ja auch rabenschwarz nachts und ganz schön frisch", meint ein Securitymann.
Sven Kapuszik sitzt in einer großen, roten Info-Büchse am Osteingang des Parks, auf seinem Dach steht eine Frau mit Fernglas. "Für die Schließzeiten habe viele Verständnis", sagt Kapuszik. Auf seinem Beschwerdezettel stehen andere Wünsche: Wassertröge für Hunde, mehr Beschilderung, ein Spielplatz. Was die Leute wirklich bewegt, sei die Zukunft des Feldes, sagt Kapuszik. "Fast jeder will, dass der Park so bleibt, wie er heute ist. Mit viel Weite und wenig Bebauung."
Das weiß auch Senatssprecher Gille. Die heutige Weite werde selbstverständlich "konstituierend" bleiben. Bebauung sei nur für die Ränder angedacht. Selbst die 2017 geplante Internationale Gartenschau werde nur einen Randbereich ausfüllen, so Gille.
In der Lunte will man das nicht so recht glauben. Man sei da ganz bei den Leuten, sagt Theo. Gegen eine Bebauung. Der Senat sollte den Zaun einfach wegnehmen und sehen, was die Leute aus dem Park machten. "Was soll das ewige Warten auf die Idee für Tempelhof? Das Offene ist hier das Einzigartige, dabei sollte man es belassen."
Michael Brenncke ist Travestiekünstler und Intendant der kleinsten Showbühne Berlins in Neukölln. Ein Gespräch über Tunten und Türken - und über Licht und Schatten.

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Leserkommentare
28.09.2010 17:48 | Feuerbohne
Von so einem großartigen Park, dem man seine Flughafenvergangenheit ansieht, kann jede andere Stadt doch nur träumen! Townh ...
26.09.2010 19:04 | flohserver
Auch in der Los Angles Times sieht man die Besucherresonanz in der Weise, dass eine jegliche Bebauung unerwünscht ist: ...