Ärzte-Sänger Farin Urlaub als Fotokünstler

"Danach bin ich erschöpft"

Farin Urlaub von der Band "Die Ärzte" ist jetzt auch Fotograf - mit professionellem Anspruch. Erstmals stellt er in Berlin aus. Ein Gespräch über Neuanfänge, Geduld und optische Weltmusik.Interview: PAUL WRUSCH

Geduldsspiel Fotografie: Farin Urlaub braucht für manche Aufnahmen ein paar Stunden.  Bild:  farin urlaub

Im Lumas-Programmheft steht "Farin Urlaub - New Artist". Sie sind seit bald dreißig Jahren Musiker. Fangen Sie jetzt als Künstler noch einmal von vorn an?

Farin Urlaub: Ein Neuanfang ist das ja nicht, eher ein Quereinstieg. Aber New Artist stimmt schon, ich fotografiere ja erst seit vier bis fünf Jahren ernsthaft, und eigentlich kenne ich mich auch noch gar nicht aus mit Fotografie.

Ich war überrascht, als ich die Bilder zum ersten Mal sah.

Weil kein Elend in Pakistan zu sehen war?

Zu erst einmal wegen der Professionalität …

Pah, was soll denn das heißen, Alter? Und jetzt fragen Sie gleich. "Glauben Sie, dass Sie mit dem Scheiß Erfolg haben werden"?

Das kommt später. Ich hatte nette Reisefotografien erwartet, war also überrascht von den Motiven. Auf den Bildern aus Japan und Australien sind kaum Menschen zu sehen, sondern weite Landschaften, Skulpturen, Pagoden. Fast alles ist unbewegt. Sind Sie als Fotograf auch am realen Leben interessiert?

Ja klar. Aber Lumas wohl nicht so. Mir wurde gesagt, Porträts funktionieren hier nicht. Ich habe mich gefragt, ob ich auch so etwas Kontemplatives könnte, und - selbstbewusst, wie ich bin - mit ja geantwortet. Dann bin ich losgegangen und hab die Fotos gemacht. Diese unbewegten Motive, das ist nur eine Seite von mir, ich bin schon an Menschen interessiert.

Die Bilder wirken ästhetisch, zurückgenommen und ruhig, manche auch kitschig.

Die Natur, wenn man sie auf zwei Dimensionen zusammenpresst, ist kitschig. Wir bewegen uns in einer von plakativen Motiven übersättigten Umwelt. Alles, was mit Weite, Freiheit, Schönheit in Verbindung gebracht werden kann, wird von der Werbung usurpiert. Man kann die Sachen gar nicht mehr losgelöst sehen. Ich lehne mich dagegen auf.

Eines seiner Lieblingsfotos: Mit Moos bewachsene Rakan-Figuren.  Bild:  farin urlaub, www.lumas.de

Wann ist die Ausstellung ein Erfolg?

Ich bin ja bei der Musik schon mit Erfolg sehr gesegnet. Für mich ist das ein Erfolg, dass ich hier sitze und Lumas so viele Bilder von mir aufhängt und davon ausgeht, dass die jemand kauft.

Bei der Musik gibt es direktes Feedback, bei Konzerten, über Plattenverkäufe. Wo gibt es Feedback bei der Fotografie?

Bei meinem ersten Fotobuch über Reisen in Indien und Bhutan kam Feedback zum großen Teil von Ärzte-Fans, die finden das oft einfach aus Prinzip gut. Das ist nicht so befriedigend, man will ja Kritik. Und jetzt warte ich mal ab, was die anderen so sagen.

Soapstars nehmen Singles auf, Comedians schreiben Bücher. Und Farin Urlaub fotografiert jetzt auch noch. Keine Angst, sich lächerlich zu machen?

Gegenfrage: Darf ich jetzt nichts anderes mehr machen, weil ich mit einer Sache so viel Glück hatte?

Warum drängen Sie mit den Bildern überhaupt in die Öffentlichkeit?

Warum bin ich Musiker geworden? So ein bisschen bin ich schon Exhibitionist. Wenn man jahrelang mit einer Sache beschäftigt ist, will man sich eben in anderen Sachen ausprobieren. Und da auch noch mal total erfolgreich sein.

Von Ihrer Musik her kennt man Sie als ironisch, lustig, böse. Ihre Bilder dagegen sind zurückgenommen. Ist das ein Widerspruch?

Ich finde den Punkrock hier jetzt auch nicht wieder, aber muss ich den hier wiederfinden, muss jetzt mein Leben lang Punkrock das Bestimmende sein?

Ist die Fotografie auch eine Art von …

… Erwachsenwerden?

Na ja, eher ein weiterer Teil Ihrer Persönlichkeit?

Ja, das trifft es besser.

Können Sie sich mittels der Fotografien besser ausdrücken als mit Musik?

Fotografie braucht eine ganz andere Art von Schaffensprozess als Musik. Bei Musik habe ich etwas im Kopf und muss es nur so aufnehmen, dass andere es hören. Hier ist es umgekehrt. Die Welt existiert, ich sehe einen kleinen Ausschnitt und muss ihn so fotografieren, dass sich das Gefühl, das ich empfunden habe, auf den Betrachter überträgt. Ohne Vorgeschichte, ohne Umfeld. Das ist gar nicht so einfach. Darin besteht für mich die Herausforderung.

Gibt es auch Parallelen?

Na ja, beides sind künstlerische Ausdrucksformen. Wir sehen hier gewissermaßen Meditationsmusik.

Oder Weltmusik.

Genau, optische Weltmusik.

Warum Fotografie als weitere künstlerische Ausdrucksform, warum nicht Film, Theater, Zeichnen?

Fürs Schauspielern fehlt mir jedes Talent. Filme dauern auch so lange. Ich habe mich ja bei der Musik für Dreiminutensongs entschieden. Fotografie ist da ähnlich. Den Aufwand, den ich für ein Foto betreibe, das ist das Maximum an Aufmerksamkeit das ich zustande kriege. Danach bin ich erschöpft.

Sie sagen von sich, Sie seien ungeduldig. Dann aber warten Sie für ein Foto schon einmal sechs Stunden auf das richtige Licht. Ein Widerspruch?

Nö, das ist die Lektion in Demut, wie Thomas D. es so schön genannt hat. Wenn ich Musik mache, kann ich das auch schnell machen, ein bisschen pfuschen. Beim Fotografieren geht das nicht. Da muss alles stimmen, damit das Bild gut wird.

Hat der Schaffensprozess auch etwas Meditatives?

Ja, bei manchen Bildern. Bei dem Foto von den Rakan-Figuren musste ich einfach warten, bis die Sonne so durch die Wolken kam, bis das beleuchtet war, was beleuchtet sein sollte. Das dauert dann Stunden und ist meditativ.

Wo holen Sie sich Inspiration für die Bilder?

Durch die Reisen. Ich sehe was, es gefällt mir, ich fotografiere es.

Sie reisen oft mehrere Monate im Jahr, meist allein, waren in über 100 Ländern. Was reizt Sie an der Ferne?

Was mir gefällt, ist das In-Bewegung-Sein. Das geht zwar auch in Deutschland, lieber ist mir aber die Fremde. Wobei, ganz so fremd sind mir viele Länder gar nicht mehr, aber immer noch aufregend. Das sind die Dinge, die mich immer wieder hinausziehen.

In Ihrem Bildband ist eher spontane Reisefotografie zu sehen, in der Ausstellung wirken die Bilder inszeniert.

Nein, inszeniert nicht. Ich benutze ja nur vorhandenes Licht, bearbeite kaum nach. Das ist einfach was Schönes, was man sich hinhängen kann. Jetzt gönnen Sie mir das doch mal.

Mache ich doch. Und was macht Ihnen dann mehr Spaß? Spontane Reiseschnappschüsse oder die langwierige Panoramafotografie?

Mehr an Spaß ist da nicht. Ich darf ja beides machen. Gerade war ich unterwegs, da habe ich fast nur Porträts gemacht. Und zwischendurch hab ich die Panoramakamera aufgebaut, weil ich atemberaubende Landschaften gesehen habe. Das geht auf Reisen beides zusammen. Das ist toll.

Sind Sie als Fotograf noch in Ihrer künstlerischen Findungsphase?

Wenn die Musik ein Indikator ist, dann eher nicht. Ich mache mit der Zeit immer unterschiedlichere Musik. Bei der Fotografie ist es ähnlich. Panoramafotografie macht Spaß, ich werde noch mal Schwarz-Weiß probieren. Mal gucken, wohin die Reise geht. Aber mich selbst beschränken und sagen, jetzt mache ich nur noch Industrieanlagen von vor 1945, nein. Da gibt's schon so viele Leute, die so was machen. Da ist es einfach zu schwer, sich zu profilieren.

Bis 2. November: "Farin Urlaub - Kuroboshi". (Fotos von Farin Urlaubs Asienreise aus dem Jahr 2009). Galerie Lumas, Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40/41. Mo.-Sa. 11-20 Uhr, So. 13-19 Uhr

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