Botschaft von Wilhelm

SELBSTBEFRAGUNG Dein Gespenst ist immer an deiner Seite: Sten Nadolnys charmantes Alterswerk „Weitlings Sommerfrische“

Eigentlich mag der pensionierte Richter Weitling das Segeln gar nicht so sehr. Verständnis hat er jedenfalls für all diejenigen, die mehr Zeit damit verbringen, ihr Boot in Schuss zu halten, als es auf dem Chiemsee zu bewegen. Aber heute ist so ein Tag; die Stimmung ist gut, das Wetter allem Anschein nach auch. Also zieht er die Jeans und ein paar alte Turnschuhe an, begibt sich auf den See und schweift sowohl in den Gedanken als auch im Kurs ab. Ein Fehler, der sein Leben verändern wird. Ein Unwetter folgt; Weitling kämpft um sein Leben – und ist plötzlich in einer ganz anderen Welt und doch auch wieder nicht: Als Geist ist er in das Jahr 1958 zurückgeworfen; an die Seite eines 16-jährigen Jungen namens Wilhelm Weitling, der niemand anderes ist als er selbst.

Ist man erst einmal mit diesem Szenario einverstanden, entfaltet es sofort Charme

Das ist die Grundidee von Sten Nadolnys neuem, nur rund 200 Seiten umfassenden Roman, und die erste Frage, die sich stellt: Wie löst er diesen abenteuerlichen Spagat rein technisch? Nun, auf denkbar simple und auch recht unelegante Weise: indem er das Ungeheuerliche einfach geschehen lässt, ohne weitere Erklärung. Wie sollte man die Existenz eines Geistes auch erklären? Doch hat man sich erst einmal mit diesem Szenario einverstanden erklärt und abgefunden, entfaltet es sofort seinen Charme. Die Konstellation ist nicht völlig neu, und Nadolny gibt freimütig zu, dass er sich hierfür auch von der Populärkultur hat inspirieren lassen: Botschaft von Wilhelm statt „Nachricht von Sam“.

An der Seite seines jugendlichen Ich geistert das Erzählgespenst durch das Elternhaus, saugt sich an den Details fest, begleitet den Jungen bei der Dostojewski-Lektüre, beim Lateinunterricht und, nun ja, beim Onanieren. Das wird aber doch höchst dezent geschildert. Überhaupt ist „Weitlings Sommerfrische“ ein in jeder Hinsicht altmodisches Buch, mit allen Vor- und Nachteilen. Sicher, die Sprache Nadolnys, der mit seinem Helden nicht nur das Alter teilt, hat einerseits hin und wieder etwas Erzählonkelhaftes. Andererseits aber entwickelt sie passagenweise eine erstaunliche Dichte, vor allem dann, wenn es darum geht, die Atmosphäre und den Geist der späten 50er Jahre einzufangen: die Debatten, die im Hause Weitling geführt werden; der Schriftstellervater, der überall die Nachwehen des Nationalsozialismus wittert; die geradezu aristokratische Mutter, die sich noch nicht daran gewöhnt hat, dass wieder alle wählen dürfen. Oder aber auch nur die Unterscheidung zwischen „Abendessen“ und kaltem „Abendbrot“: „Wurst und Käse, harte Eier, ein paar Perlzwiebeln, Gürkchen und Tomaten. Alles ist auf einer Drehscheibe, dem sogenannten Cabaret angeordnet, und das Drehen macht Spaß.“ Der Geist muss, so will es der Roman, eng an der Seite seines Alter Ego bleiben, solange der Junge wach ist. Die Schlafpausen nutzt er, um sich mit dem vermeintlich tattrigen Großvater zu unterhalten; der einzige Mensch, der ihn wahrnimmt, versteht und zu verstehen gibt, dass er nicht der Erste ist, dem jene Aufspaltung widerfährt.

Welchen Erkenntniswert aber hat eine derartige Konstruktion außer dem Reiz des Spielerischen? Das wird erst am Ende deutlich. Schon zuvor hat der Geister-Wilhelm mit Unbehagen festgestellt, dass dem Vater in der Parallelwelt der Erfolg als Schriftsteller verwehrt bleibt, während nun die Mutter plötzlich zur Bestsellerautorin wird, ganz im Gegensatz zur Realität, wie Weitling sie erinnert. Etwas hat sich verändert; die Vergangenheit weicht von sich selbst ab. Als Weitling schließlich nach einigen Monaten zurückgeschleudert wird in sein körperliches Dasein, stellt er fest, dass Vieles anders, aber nicht unbedingt schlechter geworden ist: Seine Familie ist nicht nur noch da, sondern hat sich sogar erweitert, und aus dem Richter Weitling ist ein Schriftsteller geworden – einer, dessen Biografie der von Sten Nadolny auffallend ähnelt.

Letztendlich lässt sich hinter dem „Was wäre, wenn...“-Spiel der Versuch einer Selbstbefragung ausmachen. Nadolny, in den frühen Achtzigern mit „Die Entdeckung der Langsamkeit“ beinahe zu so etwas wie einem Autor seiner Epoche geworden, reflektiert nun in einem milden Alterswerk die Wege von Identitätsfindung und Künstlerwerdung. Dass er dabei ganz nebenbei seine Autobiografie auf eigenwillige Weise ausbreitet – das spricht für ihn und eine vornehme Bescheidenheit, die der Roman ausstrahlt.