Erinnerung teilen ist schwer

GESCHICHTSPOLITIK Im Streit um die Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ stellen sich Migranten und Wissenschaftler hinter die Leiterin der Werkstatt der Kulturen

„Es ist schon erstaunlich, was für Emotionen da hochkochen“, sagt Mark Terkessidis. Kurz zuvor hat der Migrationsexperte mit Fragen zur Erinnerungskultur des Zweiten Weltkriegs den Historiker Götz Aly um seine Ruhe gebracht. Der hatte erklärt, die Bearbeitung des „Traumas Zweiter Weltkrieg“ sei zu frisch, um nicht manchmal „täppisch“ zu sein.

Die beiden Wissenschaftler diskutierten bei einer Pressekonferenz in der Amadeu-Antonio-Stiftung über die Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“, die seit Tagen für heftige Debatten sorgt. Die von dem Journalisten Karl Rössel konzipierte Schau würdigt den Beitrag von Afrikanern, Asiaten, Arabern im Kampf gegen den Nationalsozialismus, geht aber auch auf Kollaborateure aus deren Reihen ein. Seit Dienstag ist sie in den Weddinger Uferhallen zu sehen.

Dabei sollte die Ausstellung eigentlich in der Werkstatt der Kulturen gezeigt werden. Deren Chefin, Philippa Ebéné, sagte jedoch kurz vor der Eröffnung ab: Sie habe zum 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges eine Ausstellung zeigen wollen, die den Anteil von „People of Colour“ am Sieg über die Nazis würdigt. Dies mit der Geschichte der Kollaborateure zu verbinden, sei falsch: „Es geht hier um Menschen, deren Beitrag 70 Jahre lang nicht zur Kenntnis genommen wurde“, so Ebéné. Deren Würdigung müsse man nicht mit dem gleichzeitigen Hinweis auf ebenfalls vorhandene Kollaboration „relativieren“.

„Es geht um Menschen, deren Beitrag 70 Jahre lang nicht zur Kenntnis genommen wurde“

PHILIPPA EBÉNÉ

Dass diese Ablehnung hohe Wellen schlug, liegt auch an der Pressemitteilung, mit der Ausstellungsmacher Rössel auf die Absage reagierte. Es sei insbesondere der Ausstellungsteil über arabische Kollaborateure gewesen, den die Werkstatt nicht zeigen wollte, heißt es da. Ebéné bestreitet das. Welche Ausstellungstafeln Ebéné beanstandet habe, habe er „konkret nicht gewusst“, sagte Rössel vergangene Woche der taz. Dass es sich um die über arabischen Kollaborateure handele, sei eine „Vermutung“ gewesen.

Der Schaden ist da: Die Werkstatt habe sich „als Hort feiger Intoleranz“ erwiesen, heißt es etwa im Tagesspiegel. Die Verantwortlichen der Werkstatt, die auch Träger des Karnevals der Kulturen ist, sollten diesen in „Karneval der entarteten Kultur“ umbenennen.

„Müssen wir das aushalten?“, fragt auf der Pressekonferenz Shermin Langhoff, Leiterin des Theaters Ballhaus Naunynstraße. Wie von ihr bekommt Ebéné vor allem von MigrantInnen Unterstützung: Nach der Initiative Schwarzer Deutscher hat sich auch der Berliner Migrationsrat hinter die Werkstattleiterin gestellt und kritisiert sowohl die Ausstellung, die Rassismus reproduziere, wie auch den Umgang mit Ebénés Kritik.

Es gehe ihr bei den Veranstaltungen in der Werkstatt darum, die Perspektive derjenigen abzubilden, die sonst kein Gehör finden, sagt Ebéné: Einwanderer und deren Kinder, Flüchtlinge. Diese Haltung, einst als Kompetenz bewertet, werde ihr jetzt zum Vorwurf gemacht, sagt Langhoff: „Das zeigt, wie wenig Berücksichtigung die Perspektive von MigrantInnen hier findet.“ Es fehle an Verständnis für die Befindlichkeiten von schwarzen Deutschen oder Menschen mit Migrationshintergrund, meint auch Terkessidis.

Heute gibt es die nächste Pressekonferenz: zur Eröffnung einer kleineren Version der Ausstellung in der Werkstatt der Kulturen, die deren Trägerverein gegen den Willen Ebénés erzwungen hat.