Kuckensema

Der Junge, vor dem alle Angst haben: „Mean Creek“, Debütfilm von Jacob Aaron Estes

Auf jedem Schulhof gibt es ihn, und die meisten von uns können ihm auch gleich ein Gesicht aus unserer eigenen Schulzeit geben: den Jungen, vor dem alle Angst haben. Er ist größer, stärker, rücksichtsloser als seine Klassenkameraden, die er quält und demütigt. Er weckte in vielen von uns die ersten Rachefantasien, und wir erkennen ihn auch heute noch sofort in anderen Kindern. Etwa in George, dem massigen, aggressiven Zehnjährigen, der in der ersten Einstellung von „Mean Creek“ den viel kleineren Sam auf dem Schulhof verprügelt, bis dieser sich auf dem Boden windet, nur weil er es wagte, die Videokamera seines Peinigers zu berühren. Die Identifikationsfalle schnappt sofort zu: dafür soll dieser unförmige, hässliche Täter büßen. Zum Glück hat der zierliche, bei allen beliebte Sam einen großen Bruder, der sich einen raffinierten Racheplan ausdenkt.

George soll auf eine Bootsfahrt mit Sam, dessen Bruder Rocky und zwei von seinen Freunden gelockt werden, wo diese ihn dann nackt ins Wasser stoßen wollen. Er hat es nicht besser verdient.

Dieser erste Akt des Films wird ganz aus dem Blickwinkel von Sam erzählt. Wir lernen seine kleine Freundin Millie kennen und sehen, dass er auch von den viel älteren Freunden seines Bruders akzeptiert wird. Doch dann ändert sich die Perspektive, und wir sehen George allein zu Hause in seinem Zimmer dabei zu, wie er mit seiner Kamera spielt und auf ihr das Selbstportrait eines einsamen Kindes dreht, das nicht viel mehr als seine teuren Spielsachen und seine Wut hat. Jetzt ist die Situation schon nicht mehr so eindeutig, und wenn sich dann George auch noch mit einer erschreckend kindlichen Dankbarkeit darüber freut, dass er auf die angebliche Geburtstagsparty von Sam eingeladen wird, beginnt man Angst um ihn zu haben. Denn er schätzt nicht nur die ganze Situation völlig falsch ein, er kann auch dann seinen großen Mund nicht halten, wenn es wirklich gefährlich für ihn wird.

So wird die Geschichte, die der amerikanische Regisseur Jacob Aaron Estes in seinem souverän inszenierten Debütfilm eher durch kleine Gesten, Blickkontakte und authentisch klingende Wortwechsel als durch die genreüblichen Effekte und Spannungsbögen erzählt, erstaunlich komplex. Mit dem Zuschauer erkennt etwa auch Sam, dass George letztlich der Schwächere ist und beschützt werden muss. Er bittet seinen Bruder, den Racheplan aufzugeben, aber in der Gruppe hat sich inzwischen eine Eigendynamik entwickelt, die ein schlimmes Ende unausweichlich erscheinen lässt. Die sommerliche Flusslandschaft an der Grenze zwischen Oregon und Washington ist so idyllisch fotografiert, als wäre dies ein ähnlich romantisches Jungenabenteuer wie einst der thematisch ähnliche „Stand by me“, aber schon der Titel („bösartiger Fluss“) deutet darauf hin, dass hier eher John Boormans höllische Flussfahrt in „Beim Sterben ist jeder der Erste“ Pate stand. Natürlich wird man unwillkürlich auch an William Goldings „Herr der Fliegen“ erinnert, aber zum Glück baut Estes seine Geschichte nicht wie dieser als eine Parabel mit universellem Gültigkeitsanspruch auf, sondern hat statt dessen genau die Menschen beobachtet, sodass keine von seinen Filmfiguren reine Funktionsträger sind. Statt dessen entwickelt er ein ungewöhnlich tiefes Einfühlungsvermögen. Bei jedem Einzelne sind die Handlungen und Entscheidungen nicht nur glaubwürdig, sondern auch mit ungewöhnlicher Intensität nachvollziehbar, und so gibt es keine einfachen Lösungen, keine eindeutigen Opfer und Täter. So besteht auch das Ende des Films nicht aus einem dramaturgischen Knalleffekt, der alles auflöst und uns beruhigt aus dem Kino gehen lässt. Die Protagonisten setzen sich ernsthaft mit ihrer Schuld und den Konsequenten ihrer Taten auseinander und treffen dabei eine Entscheidung, die unerwarteter und dramatischer ist, als es ein genretypischer Showdown je sein könnte.

„Mean Creek“ ist übrigens der erste Spielfilm, der in Deutschland nicht mehr auf Zelluloid, sondern nur noch als digitale Information auf Festplatte oder DVD verliehen wird. Und die Bildqualität der Projektion ist auch auf der großen Leinwand der Schauburg erstaunlich gut.

Wilfried Hippen

Im Atlantis und in der Schauburg