Bombast für die Welt

POMPÖS Sogar in Großbritannien gefragt: Das Berliner Duo Me And My Drummer macht romantischen Pop ohne Elfenhaftigkeit

Berlin ist schon geil. Immer noch. Daran glaubt man zwar nicht mehr unbedingt, seit das Nachtleben in ganzen Stadtvierteln verödet. Aber von Tübingen oder Köln aus betrachtet, sieht Berlin noch ziemlich gut aus. So gut, dass da jemand auf die Idee kommt, er müsse dementieren, Berlin sei ihm bloß Ausgangspunkt für eine Weltkarriere. „Wir sind nicht hierhergezogen“, sagt jedenfalls Matze Pröllochs, „weil wir dachten, hier wird man Popstar.“

Doch jetzt könnte genau das eintreten. Denn Me And My Drummer, der Band von Pröllochs und Charlotte Brandi, wird allgemein bescheinigt, alle Voraussetzungen zu solch einer Popstarkarriere zu besitzen. Als da wären: Songs, die gut ins Ohr gehen. Ein Sound, der in die Zeit passt. Und – nicht zuletzt – auch das Aussehen, ohne das man so ein Popstar nicht wird. Selbst in England, wo man sich bekanntlich gut auskennt, wenn es um das Starten von Popstarkarrieren geht, ist man anlässlich von „The Hawk, The Beak, The Prey“, dem nun erscheinenden Debütalbum von Me And My Drummer, schon aufmerksam geworden.

Bis es so weit kommen konnte, mussten sich Brandi und Pröllochs aber erst einmal kennenlernen. Und zwar in Tübingen. Dort arbeiteten beide am örtlichen Landestheater. Schrieben und spielten Musik zu Stücken wie dem „Sommernachtstraum“ oder „Fünf im gleichen Kleid“ von Alan Ball, standen auf der Bühne als Statisten, und wenn sie Zeit fanden zwischen den Proben und vor den Aufführungen, dann stellten sie fest, dass sie gut zusammenpassten, sie und ihre Vorstellungen von Musik, auch jenseits des Theaters.

Diese Mischung aus theatralischem Pomp und einem gesunden Sinn für die eingängige Popmelodie hat man tatsächlich hierzulande noch nie so souverän umgesetzt gehört

Im Sommer 2010 dann, so Pröllochs, wagten sie „den klassischen Sprung ins kalte Wasser“, den Umzug nach Berlin – „um auch mal hier gewohnt zu haben“, sagt Pröllochs. Aber auch, um sich ganz der Musik zu widmen. Und das geht dann in Berlin doch einfacher als in Tübingen oder Köln, wo Brandi aufgewachsen ist und wo sie mit 15 Jahren angefangen hat, als Singer/Songwriterin aufzutreten. Die mittlerweile 26-Jährige schreibt die Songs, sie singt und spielt Keyboards, der fünf Jahre jüngere Pröllochs, der schon mit zehn seine erste Band gründete, sitzt am Schlagzeug und übernimmt den organisatorischen Teil.

Die Rollenverteilung funktioniert, die Auftritte lassen Großes erahnen, die spartanische Grundkonstellation aus Synthesizer, Schlagzeug und Stimmen entwickelt ihren Reiz. Findet auch ein durchaus renommiertes Indie-Label, das Me And My Drummer mit dem erfahrenen Produzenten Tobias Siebert zusammenbringt. Der arbeitet aus dem limitierten Klangbild Erstaunliches heraus: Exemplarisch dafür mag die erste Single „You’re A Runner“ stehen, die sich schon zu einem kleinen Hit entwickelt hat. Ein stahlblau pulsierender Electro-Beat wird denkbar geschmackvoll mit modischen Synthies verknüpft, bevor pünktlich zum Refrain die donnernden Trommeln, der große Hall und das angemessene Pathos ausgepackt werden, während Brandi die Kate Bush rauslässt. Oder wahlweise deren Nachfolgerin Florence And The Machine.

Florence and the Machine, darauf legt Brandi Wert, hat sie erstmals gehört, als ihr eigener Sound schon feststand. Und Pröllochs gibt sich immer noch erstaunt über den immer wiederkehrenden Referenzpunkt. Aber dass solch ein Klangentwurf gerade in die Zeit zu passen scheint, das haben die beiden auch bemerkt. „Die Welt will anscheinend im Moment diesen Bombast“, sagt Brandi und hat überhaupt kein Problem zuzugeben, dass auch „der Sound unserer Platte bombastisch ist“.

Zum Glück aber stoppen Me And My Drummer vor den gefährlichsten Untiefen. „Wir versuchen das Elfen- und Märchenhafte weg zu nehmen“, sagt Brandi, „aber es gibt nun mal Schmerz, Liebe, Tod, es gibt die ganze Scheiße.“ Und der Mensch braucht Musik, um besser mit der ganzen Scheiße umgehen zu können. Musik wie die auf „The Hawk, The Beak, The Prey“, die zwar immer romantisch ist, aber nicht immer so großspurig wie auf der Single. Fast noch schöner ist das verträumte „Phobia“, und nicht nur in „Mother Shell“ kann man dann doch wieder recht deutlich hören, dass Brandi und Pröllochs am Theater gelernt haben, zusammen Musik zu machen.

Diese Mischung aus theatralischem Pomp und einem gesunden Sinn für die eingängige Popmelodie hat man tatsächlich hierzulande noch nie so souverän umgesetzt gehört. Wohl deshalb haben Me And My Drummer für eine Band, die bislang offiziell nur einen einzigen Song herausgebracht hat, schon überraschend viele Liebhaber in Großbritannien gefunden. Die Website „The Recommender“ ist besonders begeistert: Me And My Drummer seien „ein Duo, das perfekt für den englischen Markt geeignet ist“. Das wollen Charlotte Brandi und Matze Pröllochs nun selbst überprüfen: Gestern und heute treten sie in London auf.