Kein Ort der Macht

Ein offener Raum des Austausches soll das erste Bremer Sozialforum sein, kein Sprachrohr gemeinsamer Forderungen. Bis zu 500 Teilnehmer werden erwartet

Bremen | taz ■ | Am Wochenende steigt im Lagerhaus das erste Bremer Sozialforum. Motto: „Eine andere Welt ist möglich – ein anderes Bremen auch!“ Gestern erklärten die Initiatoren, worum es den mehr als 60 beteiligten Initiativen geht – und hatten es dabei nicht leicht. Was denn das Ergebnis sein solle, wollten die Journalisten immer wieder wissen. Dass es keines gebe, oder zumindest kein vorhersehbares, war einer auf Vermeldbares fixierten Branche nur schwer klarzumachen.

„Ist das also einfach nur ein Brainstorming?“, fragte eine Journalistin und hätte sie das „einfach nur“ gelassen, hätte Marianne Carl von den Veranstaltern wohl schlicht Ja sagen können. So aber sprach sie von Veränderung, die mit „Nachdenken, Analysen, Gesprächen“ beginne. Ein „offener Raum“ und „kein Ort der Macht“ will das Sozialforum sein, in Anlehnung an die Charta des Weltsozialforums und in Abgrenzung zu der Rolle eines Akteurs. Als offener Raum will das Forum Platz geben für alle möglichen Initiativen, Ansätze, Ideen und will der Vernetzung dienen. Das bedeutet aber zugleich den Verzicht auf gemeinsame Forderungen, auf die man sich einigen müsste. „Keiner darf im Namen des Sozialforums eine Erklärung herausgeben“, erklärt Carl dann auch folgerichtig die Spielregeln.

In 37 Workshops sowie vier Podien geht es von Freitagabend bis Sonntagmittag ums Große wie ums Kleine: Um die Frage „Wieviel Markt vertragen Demokratie und Sozialstaat“, um Alternativen zu Karriere und Aussteigertum, um Studiengebühren, die Privatisierung der Krankenhäuser, um Lebensqualität im alten und neuen Sozialstaat, um den Zustand der Wohlfahrt in Bremen, um das Bildungssystem in Schweden oder um Utopien nach dem Kapitalismus.

Einige altbekannte Bremer tauchen im Programm auf: Erika Riemer-Noltenius spricht über die Regionalwährung „Roland“, Armin Stolle über „die verfasste Militarisierung Europas“, Robert Bücking über „Globalisierungskritik und Stadtteilzentren“, Helmut Spitzley über Arbeitszeitverkürzung oder Johannes Steffens über Hartz IV. Dass alte Linke das Forum dominieren, weisen Marianne Carl und Mit-Initiator Christian Möllmann zurück. Es habe anfangs viel Widerstand gegen die Idee des Forums gegeben, erzählt Carl, gerade bei manchen Alt-Engagierten. „Doch wir haben es hingekriegt, dass sie sich bewegt haben.“

Etwas absurd wird es allerdings, wenn der Ingenieur Klaus Rainer Rupp mit dem Juristen Jan Köhler über Sanierungspolitik diskutiert. Tatsächlich reden hier PDS und Grüne, weil beim Sozialforum aber ausdrücklich keine Parteien zugelassen sind, treten sie als Privatpersonen auf. Wird Offenheit hier zum Vehikel für Parteiparolen? Nein, so Carl und Möllmann: „Diese Personen bieten einen Workshop an mit einer Idee, und die ist in Ordnung.“ Auf dem Forum solle jeder Alternativen vorzustellen können, „außerhalb seines Mandats.“

Die Veranstalter erwarten zwischen 200 und 500 Besucher. Am Samstag um 15 Uhr startet das Forum zu einer Demo, Titel: „Die Stadt gehört uns“.