An die Einsamkeit gewöhnt

Karge Kulissen, leblose Farben: Jun Ichikawa ist der erste Filmemacher, der sich an eine Erzählung des Schriftstellers Haruki Murakami wagt. Das Ergebnis, „Tony Takitani“, ist wunderbar stimmig

Sein Blick geht nach unten. Der Stuhl ist so niedrig geschraubt, dass sich Tony Takitani über seinen Schreibtisch beugt wie ein Kind. Er scheint völlig in seine Zeichnung versenkt. Tony Takitani ist eine der traurigsten Figuren von Haruki Murakami, dem in aller Welt kultisch verehrten japanischen Autor. Und der gleichnamige Film von Jun Ichikawa, der ersten Verfilmung einer Erzählung des Autors, dreht sich nur um diese Melancholie.

Tony Takitani ist an Einsamkeit gewöhnt. Als einziges Kind eines Jazz-Musikers, der viel auf Reisen ist, wächst er auf – seine Mutter starb bei der Geburt. Er lernt früh, allein zu kochen und allein zu Bett zu gehen. Am liebsten zeichnet er mit nadelspitzem Bleistift präzise Maschinen nach. Er wird Illustrator, verdient gutes Geld, sein Leben fließt genauso ereignislos dahin, wie er sich das wünscht. Doch dann verliebt er sich. Er heiratet und fühlt zum ersten Mal, wie einsam er gewesen ist. Seine Frau Eiko und er leben harmonisch zusammen, auch sie scheint zunächst keine besonderen Eigenschaften zu haben, doch langsam stellt sich heraus, dass sie – anders als er – eine Leidenschaft pflegt: Sie liebt Kleider. Sie ist süchtig danach, immer neue zu kaufen.

Es gibt sicher viele Möglichkeiten, einen Film über eine kurze, reduzierte und wehmütige Geschichte wie diese zu machen, die hier übrigens gerade als sehr bibliophiles und mit blaugrauen Filmaufnahmen verziertes Buch erschienen ist (aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, Dumont Verlag, Köln 2005, 64 Seiten, 14,90 €). Man könnte diese Erzählung ausschmücken, mehr Handlung in sie legen. Jun Ichikawa hat sich fürs Gegenteil entschieden: Sein Film ist 75 Minuten lang und genauso reduziert wie die Erzählung.

Immer wieder rücken Untersichten den unendlich leeren Himmel in den Vordergrund. Dem ganzen Film ist die Farbe entzogen, es bleibt viel lebloses Braun und Grau. Die Kulissen, die Jun Ichikawa für den Film gebaut hat, wirken karg. Zugleich wird dadurch eine entrückte Stimmung erzeugt, in der der Einzelne nur einsam sein kann – und sie kommen dem Bedürfnis der meisten männlichen Ich-Erzähler in Haruki Murakamis Geschichten entgegen: Die Oberflächen müssen klar sein, damit man sich an ihnen festhalten kann, der Alltag muss überschaubar bleiben, damit er einen davor schützt abzustürzen.

Doch ist es nicht nur die Leere, die diesen Film so besonders macht, es sind auch seine Techniken der Distanzierung. Die beiden in Japan bekannten Hauptdarsteller Issei Ogata und Rie Miyazawa spielen sowohl Tony Takitani als auch seinen Vater beziehungsweise sowohl Eiko als auch eine junge Frau, die am Ende des Films auftaucht. In manchen Dialogen schaut die Kamera den Sprechenden von hinten über die Schulter. Eine Stimme aus dem Off, die Teile von Murakamis Text wortgenau nacherzählt, reißt einen manchmal weit von den Bildern weg. Einige Male sprechen die Schauspieler diesen Text zu Ende. Das Seltsame ist: Je harscher man immer wieder daran erinnert wird, dass man sich in einem Film befindet, desto näher geht einem diese Geschichte. Man kann sich auf einmal in diese Figuren hineinversetzen, die nie wissen, was sie empfinden sollen.

Nur manchmal, da nervt er, der Wille zu Kunst und Verfremdung in diesem Film. Zum Beispiel die horizontalen Kamerafahrten von links nach rechts, die scheinbar ohne Schnitt von einem Schauplatz zum nächsten führen: Man möchte die manierierte Bewegung anhalten und die Geschehnisse in Ruhe betrachten. Da wundert es nicht, dass der Regisseur bisher mit Werbefilmen Erfolg hatte.

Aber dann bleibt die Kamera ja wirklich stehen, und man hat wieder Zeit, sich in die zurückgenommene Art der Schauspieler zu verlieben. Das Einzige, was man diesem Film vielleicht wirklich vorwerfen könnte, ist: Eine Seite von Haruki Murakamis Erzählungen vernachlässigt er vollkommen. Die Männer in Murakamis Geschichten sind immer einsam, sie stehen neben der Welt und sich selbst – trotzdem besteht kein Grund, darüber bestürzt zu sein. Es hat etwas von Demut, wie gelassen sie das Unglück nehmen. Aber andererseits ist es natürlich unzulässig, einen Film an seiner literarischen Vorlage zu messen – manchmal ist es sogar besser, wenn er sich löst.

Und da nimmt man plötzlich auch die schüchterne Klaviermusik von Ryuichi Sakamoto wahr und ist wieder zufrieden. Gut, dass die erste Verfilmung einer Erzählung von Haruki Murakami nicht in Hollywood versucht wurde.