Pressevielfalt im Abwind

Stichtagssammlung der deutschen Tagespresse belegt weiter schleichenden Rückgang der Zeitungsdichte

BERLIN | taz ■ | Wer im vergangenen Herbst Walter J. Schütz in Bonn besuchte, musste sich über Zeitungsberge kämpfen. Denn weil die offizielle Pressestatistik Ende 1997 eingestellt wurde, findet die „Stichtagssammlung der deutschen Tagespresse“ heutzutage bei Schütz zu Hause statt. Der ehemalige Leiter des Medienreferats beim Bundespresseamt und heutige Honorarprofessor für Journalistik lässt sich alle zwei bis drei Jahre eine Woche lang alle – wirklich alle – Zeitungen mit allen – wirklich allen – lokalen Unterausgaben ins Reihenhaus nach Bonn-Lessenich kommen. Und zählt nach.

1.584 Ausgaben waren es in der Testwoche 2004 täglich. Ergebnis des jetzt in den Media Perspektiven veröffentlichten 14. Durchgangs: Die Zeitungsdichte nimmt weiter ab, die Zahl der Einzeitungskreise, in denen nur noch eine (Monopol-)Zeitung mit lokaler Information erscheint, dagegen weiter zu. Waren bei der letzten Erhebung „nur“ 246 der rund 440 Kreise und kreisfreien Städte solche Einzeitungsgebiete (55,9 Prozent), stieg die Zahl um 10 auf 256 (58,3 Prozent). Rund 35 der insgesamt 82,5 Millionen BundesbürgerInnen haben also nur noch eine Wahl. Betroffen sind vor allem ländliche Regionen.

Bundesländer, in denen mehr als drei Viertel des Landes Einzeitungskreise sind, sind längst kein ostdeutsches Phänomen mehr: Niedersachsen (76,1 Prozent) und Rheinland-Pfalz (75 Prozent) kamen 2004 auf dieselbe Liste wie Sachsen (75,9 Prozent), Sachsen-Anhalt (79,2 Prozent) und erst recht Mecklenburg-Vorpommern (94,4 Prozent). Brandenburg (72,2 Prozent) liegt auch nicht mehr weit darunter, den Vogel schießt nun endgültig das Saarland ab: Mit der Einstellung der Ausgabe des Trierischen Volksfreunds im Kreis Merzig-Wadern ist nun das ganze Bundesland ein Einzeitungskreis. Den niedrigsten Wert meldet Schütz weiterhin für Nordrhein-Westfalen: 13 Prozent „Zeitungsdichte 1“ – auch wegen der Einführung der täglichen taz-NRW Ende 2003. Die Zahl der so genannten „publizistischen Einheiten“, also voneinander unabhängiger Kernredaktionen, ist mit aktuell 138 sogar leicht gestiegen (2001: 136). Grund sind die neuen Tabloid-Formate wie Springers WeltKompakt oder Holtzbrincks News.

Auch wenn sich die Pressekonzentration insgesamt weiter verstärkt hat, zieht Schütz ein eher optimistisches Fazit: Trotz Zeitungskrise und Werberückgang habe „sich der deutsche Zeitungsmarkt als außerordentlich stabil erwiesen“. Nur zwei Verlage gaben ihre Tätigkeit auf, „ohne dass andere Unternehmen diese Zeitungen weitergeführt haben“: Das Emsdettener Tageblatt und die Honnefer Volkszeitung gibt es nicht mehr.