Die glamouröse Note

JUBILÄUM Keine Lust auf Geburtstage, trotzdem gibt es das Kumpelnest seit 25 Jahren. Queer war es dort schon, bevor das Wort die Runde machte. Und nicht nur wegen der vielen Künstler ist es kulturhistorisch bedeutend

Eine Weile bin ich oft ins Kumpelnest gegangen. Wir waren damals, am 30. April 1987, sogar bei der Eröffnung dabei. Der 2007 verstorbene Freund und taz-Kollege Harald Fricke hatte uns in die Lützowstraße geschleppt. Cord Riechelmann, der Schreiber und damalige Philosophiekommilitone, stand hinter dem Tresen. Wir waren nicht so lange geblieben, die sich anbahnenden 1.-Mai-Krawalle in SO 36 waren aufregender.

Oliver Koerner von Gustorf, der jetzt die September-Galerie macht und zehn Jahre lang im Kumpelnest arbeitete, schreibt im Tagesspiegel, sein erstes Bild vom Kumpelnest sei der blutende, wasserstoffblonde Kopf von Max Müller gewesen. Während der Plünderungen hatte der geniale Sänger der Band Mutter einen Schlagstock über den Schädel bekommen. „Er sah toll aus.“ Später stand der hinter dem Tresen und machte ein Lied: „Wir stehen hier jeden Tag / ganz egal wie das Wetter ist / die Welt ist schlecht und wir sind es auch.“

Lange bevor das Wort die Runde machte, war das Kumpelnest „queer“. Das Publikum bestand aus Künstlern, Studenten, Strichjungen, Schwulen, Transen, Huren von der Potsdamer Straße, jungen Männern, die sich dies Männerding nicht so überstreifen wollten, ohne notwendigerweise schwul zu sein, und Trinkern von nebenan. Kulturgeschichtlich war es unglaublich wichtig, ein transitorischer Ort zwischen 80ern und 90ern, zwischen Disco und Techno. Als Gast hatte man dies Gefühl kulturhistorischer Wichtigkeit natürlich nicht, auch weil sich dies gewöhnlich erst im Nachhinein einstellt. Also jetzt.

Die meisten Szenekneipen jener Zeit, das Risiko, das Ex’n’Pop, das KOB usw., waren arg heterosexuell, punkig aggressiv-depressiv, gern ein bisschen kaputt; das Andere Ufer oder der berühmte Rosa Salon in der Uni waren eindeutig schwul, auch wenn wohl ein Drittel der Besucher heterosexuell war. Das in den plüschigen Räumen eines ehemaligen Puffs beheimatete Kumpelnest war nicht so genau definiert, mit glamouröser Note, und schloss keinen aus.

Entstanden war es als HdK-Abschlussarbeit von Mark Ernestus, der später als „Hard Wax“-Betreiber und Labelchef von Basic Channel weltberühmt werden sollte. Zum Kumpelnest gehörten außerdem Wolfgang Müller, Käthe Kruse und der 1996 an Aids gestorbene Nikolaus Utermöhlen von der Performancegruppe Die Tödliche Doris, der Künstler Mark Brandenburg, der taubstumme Gunter Puttrich-Reignard, der die Sex Pistols liebte und 2008 verstarb, Sabina von der Linden, die mit ihrem Freund Alex zuvor das Risiko gemacht hatte und irgendwann mit den Wochenendeinnahmen nach New York durchbrannte, die transsexuelle Sabrina mit den großen Brüsten, die als Domina auf der Potsdamer Straße anschaffte.

Es ist früher Abend, als ich jetzt hingehe. Das Kumpelnest sieht aus wie immer, veränderte Details fallen nicht auf. Ich spreche mit Kai Kämmerer, der die Geschäftsführung 1999 von Mark Ernestus übernahm, und Reinhard Wilhelmi, der seit Anbeginn dabei ist. Im Hintergrund läuft Demis Roussos, dann Detroit-Techno, dann Bebop und später irgendwas aus den 50ern.

„Die ersten Tage war es so ein Familiending“, erzählt Reinhard. „Wir saßen alle hier und niemand kam. Nach drei, vier Wochen ging es dann richtig los.“ Ein paar Jahre lang war das Kumpelnest ein Riesenerfolg. Anfang der 90er gingen dann viele eher in den Osten zum Feiern, inzwischen läuft es wieder gut. Auch wenn die weltweiten Reiseführerberichte zuweilen für Irritation sorgen. „Manchmal kommen zum Beispiel Reisegruppen, die wollen Musik vom European Song Contest hören, weil in irgendeinem Reiseführer steht, das solche Musik hier gespielt wird. Und sind dann total empört, dass ich so was nicht spiele.“

Das Flaschensammeln

Die weitverbreitetste Kumpelnest-Geschichte handelt vom Nacktkellnern. Reinhard ist gleich lustig genervt, als ich ihn darauf anspreche. „Nö, das war jemand anders! Ich hab mich noch nie ausgezogen! (Pause) Ja, um mir die Leute vom Leib zu halten, hab ich mal eine Schicht am Wochenende nackt gearbeitet. Da hatte ich dann immer viel Platz zum Flascheneinsammeln.“ Andere Geschichten handeln von Prominenten; von Max Goldt, der in den Anfangsjahren hier oft saß und beleidigt guckte, von Heiner Müller, von dem Fotoshooting, das Karl Lagerfeld einmal im Kumpelnest veranstaltete. „Und Wolfgang Müller sagte zu Lagerfeld: ‚Das ist Gunter, der ist taubstumm und arbeitet hier.‘ Und Lagerfeld antwortete: ‚Warum nicht.‘ Und Sunshine war auch hier.“

Die im letzten Jahr verstorbene Dagmar Stenschke, genannt Sunshine, hatte das Nachtleben in den späten 80ern mitgeprägt; eine spindeldürre, unvergessliche Krawallnudel und Trinkerin mit krähender Stimme. „Die hat zu Lagerfeld gesagt: ‚Hau doch ab nach Paris!‘, und sich dauernd in die Fotos gedrängt. Sie hatte so eine Zweiliterflasche Rotwein dabei. Und dann hat er von ihr auch ein paar Fotos gemacht, bis sie Ruhe gab.“

Ob ihn der 25-jährige Geburtstag wehmütig stimmt? „Ich bin nicht sentimental“, sagt Reinhard. „Ich fahr weg. Ich bin froh, dass ich das nicht mitkriege. Ich bin sowieso kein Freund von Feiern. Ich hab noch nie in meinem Leben Geburtstag gefeiert. Und ich werd auch nicht den Kumpelnestgeburtstag feiern.“ – „Aber du bist doch auch hier, wenn andere feiern?“ – „Da bin ich froh, dass ich hinterm Tresen bin, da brauch ich ja nicht mitzufeiern.“