Es ist alles wieder geil!

Zum Glück hat der WDR einen Narren an Klaus Lemke gefressen – und widmet dessen spektakulären Fernsehfilmen eine fünfteilige Retrospektive, von „Rocker“ (1971) bis zum neuen „3 Minuten Heroes“

Mit einem einzigen Nebensatz. Es ist sensationell: Gerhard Schröder schafft es, unser aller Leben, ganz Deutschland, diese beschissene Situation zu verändern. Mit einem einzigen Nebensatz. Das muss man sich mal vorstellen, sagt Klaus Lemke: „Ich brauche dafür einen ganzen Film!“ Und darum geht es doch gerade auch, um seine Filme also, darum, dass der WDR ihm ab heute eine fünfteilige Reihe widmet. Eine Retrospektive, sagt Lemke. Schon toll, klar, „schalten Sie ein“, was Lemke selber nicht machen wird, noch nie gemacht hat bei seinen Werken, weil er auch gar keinen Fernseher besitzt, er hört daheim, in diesem kleinen Apartment an der Leopoldstraße lieber die Vögel zwitschern. Dann ruft er wieder in den Hörer: „Mit einem Nebensatz!“ Stellt sich nach der NRW-Klatsche vor die Journalistenfressen und kündigt Neuwahlen an. Hossa! „Über Nacht hat das nur verbessert, das ganze Land“, jubelt Lemke. Schröder ist eine dermaßen coole Sau – und hat gerade mal eben Deutschland aufgeweckt. Und ihre Filme, Herr Lemke? „Die sind genau diese Stimmung!“

So rau, so warm. Jeder einzelne der unzähligen, der hochprozentigen, verschnupften Exzesse ist Klaus Lemke anzuhören und anzusehen. Klaus Lemke war es schon immer: übercool. Wie seine zahlreichen Fernseh- und Kurzfilme, die er seit den Sechzigerjahren auf die ganz eigene Art gedreht hat. Solche Streifen sind besseres Dogma, schärferes Milieustudieren. Sie sind simpel, dreist, billig, echt und, das macht sie wohl zur Ausnahme, nie peinlich in ihrer Dialogpointiertheit, obwohl doch deutsch. „Ich habe schon immer gezeigt, dass wir gegen die Amerikaner bestehen können“, sagt Lemke.

Wenn er reichlich stoned in Schwabing hockte, damals, an großen Kneipentischen, mit jungen Kreativen, Gierigen, auch Wim Wenders war dabei, dann wusste Lemke, was er suchte: Authentizität. „Eines Tages würden wir auch solche antiintellektuellen Filme machen; und das Leben und der Film würden uns vor lauter Begeisterung aus der Hand fressen“, beschrieb Lemke später einmal das Gefühl als Avantgardist im Wartestand, im Rauschzustand.

Ein Antiintellektueller

Das, sagt Lemke, ist sowieso die Grundvoraussetzung: Antiintellektueller zu sein. Er, der gebürtige Düsseldorfer, studierte sechs Semester Philosophie, saß in Seminaren von Heidegger, zwischen all den Verstockten, und war der Einzige, der kapierte, „dass Heidegger die Sprache selbst sprechen ließ“.

Spätestens 1968 war Lemke so weit, nur die Bilder sprechen zu lassen, er wollte kein großes, er wollte Lebenskino machen. Ohne ausgearbeitetes Drehbuch und mit Laiendarstellern, bis heute. Es sind diese Mädchen, ungeschminkt, ungezügelt, die Lemke auf der Straße findet, in Cafés und dann in seiner knallharten Eigensinnigkeit zu Heldinnen macht. Natürlich spricht Lemke seine Darstellerinnen nicht einfach an, nein, er spioniert ihnen nach.

Ein schlechter DJ

Iris Berben entdeckte er so, oder Ingeborg Maria Kretschmer, die in den Siebzigern mit Wolfgang Fierek immer wieder Lemkes fatales Paar spielte. Fierek war zuvor in München ein hoffnungslos miserabler DJ gewesen.

„Dann bin ich dem Alkohol verfallen.“ Mehr sagt Klaus Lemke nicht. Erzählt nicht vom Kokainprozess, von der Leere in seinem Leben, von den zehn Jahren, die er ab 1982 pausierte. München hatte er totgefilmt, er hatte mit einem RAF-Film polarisiert, war von Rainer Werner Fassbinder geadelt worden. Vielleicht wäre mehr drin gewesen. „Aber meine Filme sind doch so groß“, sagt Lemke, „weil sie so klein geblieben sind!“

Klein, das heißt sie kosten auch heute nicht mehr als 50.000 Euro, am Set sind nur Lemke, der Kameramann, der Tonassistent. Und die Laien. Die Hälfte des Jahres ist Lemke Pleite, weil er auf Pump produziert, danach reicht es gerade so zum Schwabing-Schwofen. „Diese langweiligen deutschen Schaukelstuhlregisseure, diese scheiß Filmförderung“, ruft Lemke. Kleiner ist krasser.

Dennoch: „Amore“ von 1978, mit dem heute die WDR-Reihe beginnt, war seinerzeit der quotenreichste Fernsehfilm. Es gab die Privaten noch nicht, die Wedels, die Spießer. Es ist die Geschichte von Maria, die sich an Frauenbenutzer Pietro rächt. Ein „Working Class“-Püppchen, plötzlich am Ausrasten, am Gerechtigkeit Herstellen. „Ja, Working-Class, das sind meine Filme“, sagt Lemke. Und feminine Ausrufezeichen. „Von Mädchen, die ihr Leben ändern.“ Auch „Last Exit Jamaika“ von 2003 (13. Juni) zelebriert den Aufstand zweier Fickfreundinnen gegen den Machismo im Karibikurlaub.

Auf und Ab der Libido

Letztes Jahr dreht Lemke „Träum weiter, Julia“ (20. Juni, Erstausstrahlung), ebenfalls ein komisches Auf und Ab der Libido, der Gefühle.

Das sind die Themen von Klaus Lemke: kleine Leute, arme Männer, große Frauen. Und Hamburg. Etwa in „Rocker“ (27. Juni), Lemkes Kultfilm, der einen eigenen Fanclub hat und dessen Dialoge in Sondervorführungen mitgegrölt werden. Es ist der wohl intensivste Lemke-Film, gedreht 1971, ein zurückhaltend aggressiver Zeuge des Rotlichtmilieus, der Kämpfe zwischen Motorradrockern und Zuhältern.

Lemke würde am liebsten nur noch in Hamburg filmen, auf keinen Fall dort leben, aber die Stadt erzählt seine Geschichten von allein. Vor allem in „3 Minuten Heroes“ (4. Juli), Lemkes neuster WDR-Produktion, in der er episodenhaft den Alltag junger Menschen in der Hansestadt zeigt. Auf das Wesentlichste reduziert, aber ganz groß in der Wirkung, in den improvisierten Begegnungen. Der Film verdeutlicht, was Klaus Lemke so bemerkenswert macht. „Ja, eine Bombe ist das“, sagt er. Von der ersten Sekunde habe sich der Film so gut angefühlt, sich einfach so ergeben. „Wie ein kleiner Nebensatz! Ach, es ist alles wieder geil.“