Nach dem Polizeieinsatz fordert die Basis der Südwest-SPD einen Untersuchungsausschuss. Die Sozialdemokraten kündigen einen neuen Politikstil an. von NADINE MICHEL

SPD-Spitzenkandidat fürs Ministerpräsidentenamt: Nils Schmid. Bild: dpa
STUTTGART taz | Die Basis der Südwest-SPD hat ihrer Parteispitze am Samstag eine Schlappe zugefügt. Auf dem Landesparteitag in Ulm sprach sich die Mehrheit dafür aus, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum massiven Polizeieinsatz im Schlossgarten vor knapp drei Wochen einzusetzen. Dem war ein entsprechender Antrag der Jusos vorausgegangen.
Zwar hatte auch die Partei- und Fraktionsspitze einen Untersuchungsausschuss des Landtags nicht ausgeschlossen, wollte aber zunächst versuchen, die noch offenen Fragen nach dem Strategiewechsel der Polizei und einem möglichen Einfluss der Landesregierung mit parlamentarischen Anfragen zu klären. Dies sei, so die offizielle Begründung, der schnellere Weg. Die Delegierten jedoch votierten mit 132 zu 130 Stimmen für einen Untersuchungsausschuss. "Wir wollten nach außen hin ein Zeichen setzen, dass dieser Polizeieinsatz nicht nur eine Lappalie war", sagte der stellvertretende Landesvorsitzende der Jusos, Dejan Perc, der taz. In so einem Fall müsse das Parlament die "schärfste Waffe" benutzen.
Bislang hatten nur die Grünen einen Untersuchungsausschuss gefordert. Für die Einsetzung aber bräuchten sie eine weitere Fraktion oder ein Viertel der Abgeordneten. Ende Oktober wird im Landtag über den Antrag der Grünen abgestimmt.
Ungeachtet der inhaltlichen Niederlage wurde SPD-Landeschef Nils Schmid mit 92 Prozent der Stimmen zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im kommenden März gewählt. In seiner Rede hatte er zuvor einen klaren Anspruch auf das Amt des Ministerpräsidenten erhoben. "Ich werde als Ministerpräsident nicht nur mehr Demokratie wagen, sondern wir werden mehr Demokratie machen", sagte er. Immer wieder begann er Sätze mit dieser Formel. In aktuellen Umfragen liegt die SPD allerdings klar hinter den Grünen.
Zur Diskussion einer möglichen SPD-Juniorpartnerschaft sagte Schmid in Richtung Grüne: "Wer dieses Land führen will, der muss mehr bieten, als nur einen Protest anzuführen." Zwar nahm auch bei Schmids Rede der Streit über das Bahnprojekt "Stuttgart 21" den größten Teil ein, doch in der zweiten Hälfte reihte er ein ganzes Bündel weiterer Themen - von Bildung über Integrationspolitik bis hin zu Energiefragen - aneinander, was bei den Genossen gut ankam. Viele ließen durchblicken, dass sie sich einen breiteren Wahlkampf wünschten als nur eine Auseinandersetzung um den Tiefbahnhof.
Insgesamt versuchte sich Schmid in einer sachlichen Rede von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) abzugrenzen. "Vertrauen" und "neuer Politikstil" waren die Vokabeln, mit denen er einen Akzent setzen wollte. Mappus hingegen attestierte er eine "durchgehende Politik der Bürgerferne".
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"Stuttgart 21" ist eines der teuersten Bahnprojekte aller Zeiten in Deutschland: Der Kopfbahnhof der Stadt soll durch einen unterirdischen Durchgangsbahnhof komplett ersetzt werden. Wo jetzt noch Schienen liegen, sollen künftig Wohn- und Gewerbebauten entstehen.
Der neue Bahnhof soll Ende 2017 fertig sein, der Probebetrieb 2019 aufgenommen werden. "Das neue Herz Europas" nennt die Bahn das Projekt im Netz. Ein breites Bündnis von Bürgern protestiert allerdings gegen den Umbau. Ihre Argumente: Der Tiefbahnhof sei betriebsschädlich, nicht bahnkundenfreundlich, umweltbelastend und viel zu teuer. Sie haben mit dem Projekt "Kopfbahnhof 21" ihre eigenen Pläne.
Trotzdem wurde der symbolische Baubeginn im Februar 2010 gefeiert, der Nordflügel des Kopfbahnhofs im September 2010 abgerissen. Ein Teil der Bauaufträge vergeben. Eine Schlichtung Ende 2010 schlug mögliche Verbesserungen unter der Bezeichnung "Stuttgart 21 Plus" vor. Das Protestbündnis hält jedoch an dem "Kopfbahnhof 21" fest.
Der Wechsel der Landesregierung in Baden-Württemberg sorgte für einen zeitweisen Baustopp. Im Koalitionsvertrag vereinbarten Grüne und SPD eine Volksabstimmung, in der die Bürger entscheiden, ob das Land die Co-Finanzierung von "Stuttgart 21" stoppen soll. Sie findet am 27. November 2011 statt.
Finanziert werden soll das Projekt von der Deutschen Bahn AG, dem Bund, dem Land Baden-Württemberg, der Stadt Stuttgart, dem Flughafen Stuttgart sowie dem Verband Region Stuttgart. Die Bauherren gehen offiziell davon aus, dass "Stuttgart 21" 4,1 Milliarden Euro kosten wird, halten sich aber eine "Risikoreserve" von 400 Millionen Euro zusätzlich offen. Unabhängige Bahnexperten haben allerdings wesentlich höhere Kosten errechnet.
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Leserkommentare
21.10.2010 12:31 | izn
schlagwort kennzeichnungspflicht
20.10.2010 10:28 | Sabine Bauer
Im Kern ist bei S21 nicht die Kommunikation das Problem, sondern es sind die unterschiedlichen Interessenlagen und Perspekt ...
20.10.2010 06:53 | vic
Ein Untersuchungsausschuss ist keine "scharfe Waffe". Das war er noch nie. ...