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Per Olov Enquists „Buch von Blanche und Marie“, eine bewegende Hommage an die innere Freiheit des Menschen

Blanche Wittman, eine durchschnittliche junge Frau aus einfachen Verhältnissen, ist als Hysteriepatientin des berühmten Arztes Jean M. Charcot in die Geschichte eingegangen. Charcot gilt als Begründer der modernen Neurologie, und er pflegte gelehrte Spektakel abzuhalten, bei denen die Patientinnen hypnotisiert und in diesem Zustand dazu angehalten wurden, vorgegebene Handlungen auszuführen. Blanche erwies sich als besonders expressiv begabte Hysterikerin und wurde mit diesen Vorführungen auf ihre Weise berühmt.

 Per Olov Enquist ist ein Romancier, der mit Vorliebe historische Fakten als Ausgangspunkt für seine romanphilosophischen Exkursionen in die menschliche Seele verwendet. Dabei hat er ganz nebenbei ein eigenes Genre begründet, das dem des historischen Romans zwar verwandt ist, ihm aber nur äußerlich ähnlich sieht. Nicht das Lebendigmachen des Historischen ist Enquist wichtig, sondern die Suche nach allgemein gültigen letzten Dingen in dem, was war, und in dem, was hätte sein können. „Amor omnia vincit – die Liebe überwindet alles“, so beginnt sein Roman „Das Buch von Blanche und Marie“. Es sind die ersten Worte von Blanches fiktivem „Fragebuch“, das den Roman strukturiert. Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass Blanche Wittman und Marie Curie, die beiden Frauen, von denen dieser Roman handelt, sich in Wirklichkeit kannten.

 Bei Enquist sind ihre Geschichten unauflöslich miteinander verzahnt: Blanche, nach dem Tod Charcots wieder gesund geworden, wird nun Laborassistentin der Curie. Durch den täglichen Umgang mit Pechblende, dem radioaktiven Material, das Marie Curie für ihre Forschungen benötigte, wird Blanche krank. Beide Frauen werden schließlich an den Spätfolgen sterben. Blanche werden nach und nach beide Beine und ein Arm amputiert. Als Torso lebt sie weiter, fährt in einem primitiven Holzkarren durch die Wohnung, die sie mit Marie teilt, und schreibt mit der verbleibenden Hand an ihrem „Fragebuch“, das auch ein Buch der Fragmente ihres Lebens ist und in dem es heißt: „Die Liebe kann man nicht erklären. Aber wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten?“

 Die Strahlung, das so überirdisch schöne „blaue Licht“ des radioaktiven Materials, wird im Roman zum Sinnbild der zerstörerischen Kraft der Liebe. Aus Blanche hat sie einen Krüppel gemacht, aus Marie macht sie eine gehetzte Frau. Im selben Jahr, in dem Marie Curie der Nobelpreis für Chemie (ihr zweiter nach dem für Physik) verliehen wird, kommt ihre Affäre mit einem verheirateten Kollegen ans Licht, was die französische Presse zu einer gnadenlosen Schmutzkampagne veranlasst. Marie, die auf ihr Recht, zu lieben, pocht, nimmt trotz öffentlicher Anfeindungen den Preis persönlich entgegen, flüchtet aber für einige Zeit nach England, wo eine Freundin, die Physikerin Hertha Ayrton, in der Suffragettenbewegung aktiv ist.

 Enquist ist sehr für seine feinfühligen Frauenporträts gelobt worden. Lob kann es für diesen Ausnahmeautor nicht genug geben, doch hier verhält es sich anders. Enquist ist kein Porträtist, keiner, der filigrane Charakterstudien anlegt. Was er fantastisch kann, ist, die Menschen, über die er schreibt, erzählend einzuweben in ein dichtes Netz wechselseitiger Bezüge, das sie – oft gegen ihren Willen – an ihrem Platz in der Welt festhält.

 Enquist interessiert das Individuum, das an diesem Netz zerrt und – sprechen die äußeren Umstände noch so sehr dagegen – sein Menschenrecht auf ein selbstbestimmtes Leben einfordert. So ist „Das Buch von Blanche und Marie“ nicht nur ein poetisch verrätselter Versuch über das Wesen der Liebe, sondern auch eine bewegende Hommage an die innere Freiheit des Menschen. KATHARINA GRANZIN

Per Olov Enquist: „Das Buch von Blanche und Marie“. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Carl Hanser Verlag, München 2005, 240 Seiten, 19,90 Euro