Ohne Überlieferung

FILM 70 Jahre nach der Zerstörung einer gemeinsamen Musikkultur von Juden und Roma suchen Musiker in „Der zerbrochene Klang“ nach dem Verlorenen

Bessarabien galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Schmelztiegel der Kulturen. Musiker aus jüdischen Gemeinden und Roma-Familien etablierten eine Musikkultur zwischen Klezmer und Lautari, die durch den Zweiten Weltkrieg, durch Holocaust und Porajmos (Romanes-Wort für den Völkermord an den europäischen Roma) vernichtet wurde. Die Musik entwickelte sich auseinander. 70 Jahre später machen sich 14 international bekannte Musiker aus den USA und Europa auf die Suche nach dem verlorenen Klang.

Dies beschreibt „Der zerbrochene Klang“, ein dokumentarisches Roadmovie von Wolfgang und Yvonne Andrä. Das erste Treffen findet 2008 in Krakau statt. Die Klezmer und Lautari-Gruppen spielen zunächst getrennt, finden ihren Stil. Dann suchen sie in Tonaufnahmen aus den 20ern das Gemeinsame.

Die Entwicklung der Musiker und der Musik, die sie spielen, zeichnet der Film minutiös nach. Mitsamt der Konflikte. Die Klezmer-Gruppe ist begeistert, spielt alte Aufnahmen nach. Doch schnell kippt die Stimmung: Alan Bern, der Leiter des Projekts, bleibt akademisch. Die Musiker sind frustriert, ihr Spiel wirkt hölzern. Tränen fließen. Anders die Lautari-Musiker. Zwar gibt es Sprachprobleme – Russisch spricht der eine, der andere Französisch, einer Rumänisch –, die musikalische Kommunikation jedoch funktioniert. Alte Lautari-Aufnahmen gibt es zwar nicht. Aber die Musiker improvisieren. Sie blicken einander an, wandeln mit Cimbalon, Geige, Akkordeon und Trompete gegenseitig ihre Melodien ab. Ein eigener Stil entsteht, allerdings einer der Jetztzeit.

Schnell wird klar, wie stark Musik im sozialen Kontext verankert ist. Mit dieser Erkenntnis kommen auch die Klischees. Mark Rubin, Kontrabassist aus Austin, sagt über die Lautari-Musiker: „Es geht nicht lauter, nicht schneller, nicht besser.“ Er nimmt es sportlich. „Also müssen wir jüdischer sein.“

Da sich in moldawischen Dörfern bis heute eine jüdische Roma-Musik erhalten haben soll, reisen die Musiker nach Edinet. 7.000 Juden lebten dort vor dem Zweiten Weltkrieg. Heute sind es 37. Da es keine Überlieferungen der Edineter Orchester gibt, versuchen die dortigen Musiker zu spielen, an was sie sich erinnern. Und tatsächlich ist es etwas anderes als der zeitgenössische Swing von Klezmer und Lautari: Der Stil ist klar, es gibt kaum Ornamente.

Dass im Jahrhundert der Genozide viel mehr als nur eine transnationale Musikgeschichte verloren gegangen ist, wird immer wieder deutlich. Ein nach Israel ausgewanderter Musiker zeigt das Foto eines Edineter Orchesters aus den 20ern. „Roma? Moldawier? Klezmer?“, fragt Bern. „Musikanten!“, antwortet der Mann.

Monate später treffen sich die Musiker wieder. In gemeinsamen Proben herrscht Chaos, aber das erste Konzert begeistert das Publikum. Zwei weitere folgen. Als alle zusammen spielen, entfaltet sich eine überraschende Dynamik. Die Musiker sind hervorragend – allen voran Káláman Balogh am Cimbalon und Marin Bunea an der Geige. Ihre verspielten Improvisationen geben dem gesamten Orchester Drive.

Die Urvariante von Klezmer/Lautari finden die Musiker auf ihrer Reise allerdings nicht. An der Überlieferung dieser funktionalen Musik der „anderen Europäer“ hatte niemand Interesse. Dieses Vergessen bezeichnet Alan Bern als „Teil der Geschichte von Exklusion und Diskriminierung dieser Kultur“. Zu dieser Erkenntnis zu kommen, war für die Teilnehmer ein schmerzhafter Prozess. Der Qualität der Musik tat dies keinen Abbruch.