Ohne Worte

BREIVIK Jeder Artikel über den Massenmörder von Utøya ist einer zu viel. So auch dieser. Wer ihn beachtet, adelt seinen Wahn. Das Arschloch ist unseren Hass nicht wert

VON ULI HANNEMANN

Seine selbst ersonnene Ikonografie irgendwo zwischen „Space Balls“, „Leben des Brian“ und „Der große Diktator“ kann das Arschloch sich hübsch in sich selbst rein-schieben. Und genau da soll sie auch bleiben. Unbeachtet, im Dunkeln, in der Scheiße

„Stell dir vor, es ist Breivik-Prozess und keiner schaut hin.“ Mit diesem reichlich frommen Wunsch bin ich offenbar nicht allein: So bietet das norwegische Dagbladet in seiner Internetausgabe einen Button an, der es dem genervten Leser ermöglicht, sämtliche Nachrichten über Anders Breivik auszublenden. Dem Konkurrenzblatt Aftenposten zufolge sollen etwa 5 Prozent der Leserschaft von diesem Angebot Gebrauch machen.

Es ist kaum anzunehmen, dass hinter dem Willen nach Verweigerung in der Mehrheit blankes Desinteresse steht, sondern vielmehr das instinktive Bedürfnis, dem selbstverliebten Auftritt eines rechtsradikalen Massenmörders komplett das Podium zu entziehen. Ein Podium, das ihm der gigantische Medienauflauf bietet. Aufgeregt kreisen die Reporter und Kamerateams um ihn herum wie die Fliegen um die Scheiße. Womit wir bereits genau beim passenden Vergleich sind. Denn beim mutmaßlich zurechnungsfähigen Täter handelt es sich nicht um einen „Teufel“ (Bild-Zeitung), ein „Monster“ (ebenda) oder sonst eine zwar negative, aber dadurch leider umso erkennbarer erhöhte Sagengestalt, sondern schlicht um ein – Arschloch.

Und diesem Arschloch sollte man am besten einfach keine weitere Beachtung schenken. Natürlich ist es völlig in Ordnung, direkt nach der Tat den Blick darauf zu werfen, was eine Kombination aus Fremdenfeindlichkeit, Misogynie und regelmäßigem Geschlechtsverkehr mit zotteligen Langhornrindern bei einem solchen Arschloch bewirken kann, nicht zu unterschlagen auch die Lektüre einschlägiger Schriften von Broder bis Sarrazin. Denn sobald das Arschloch merkt, dass es in seiner Arschlochwelt alles andere als allein dasteht, fühlt es sich gestärkt und inspiriert. Sich diese Zusammenhänge von Zeit zu Zeit ins Gedächtnis zurückzurufen ist notwendig und gut.

Doch damit sollte es dann genug sein. Auch den Klarnamen des Arschlochs brauchen wir hier nicht mehr – wir haben ja nun zum Glück einen weitaus treffenderen Arbeitsbegriff. Die Arschlochkarte, auf der das Arschloch sich seine Arschlochtheorie notiert hat, kennen wir inzwischen längst. Sie langweilt zu Tode. Es ist nicht nötig, dass sie uns vor Gericht wieder und wieder vorgelesen wird, dass das Fernsehen das überträgt und für wichtig hält, dass die Zeitungen darüber schreiben. Dass Gehalt in jede der pseudobedeutungsschwangeren Gesten des Arschlochs hineininterpretiert wird, die doch nur an einen betrunkenen Fünfzehnjährigen vor einer uckermärkischen Dorftankstelle erinnern. Dass diese Posen auch noch auf irgendeinen diffusen Symbolgehalt hin analysiert und über die Krokodilstränen des Arschlochs Worte verloren werden. Dass überhaupt irgendetwas, was das Arschloch tut, sagt oder denkt, mit irgendeiner Relevanz geadelt wird. Es, das Arschloch, ist unseren Hass nicht wert.

Seine selbst ersonnene Ikonografie irgendwo zwischen „Space Balls“, „Leben des Brian“ und „Der große Diktator“ kann er sich hübsch in sich selbst reinschieben. Und genau da soll sie auch bleiben. Unbeachtet, im Dunkeln, in der Scheiße. Eine Art umgekehrter Flashmob wäre wünschenswert: Alle Welt verabredet sich, dem Medienereignis einfach fernzubleiben – ein Anti-Shitstorm, der unöffentlich ignoriert, anstatt sich öffentlich zu empören. Dann säße es nämlich da, das Arschloch, allein im Gerichtssaal, nur mit den Richtern, Staatsanwälten, Schöffen und Arschlochverteidigern. Von dort aus ginge es unbemerkt und unter Ausschluss der Öffentlichkeit direkt in den Knast. Dann wäre auch kein Zeitungsartikel mehr nötig, in dem unerfreulicherweise sechzehnmal das Wort „Arschloch“ vorkommen muss. Ein frommer Wunsch.