Der letzte Studentenprofi

Die beste Hompepage für StudentInnen wird nicht von Verlagen und nationalen Studentenvertretungen betrieben, sondern von einem Einzelkämpfer. Oliver Iost, Ex-Asta- und Ex-„Spiegel“-Mann, berät Studierende übers Bafög, klärt sie politisch über Studiengebühren auf – und tritt ihnen in den Arsch

Der Computer von Oliver Iost beherrscht den ganzen Schreibtisch. Der Apple G5 thront auf der Tischplatte und saugt leise Luft, um seine Prozessoren zu kühlen. Auf dem großen Bildschirm fetzt der Mauszeiger durch das Bild. Iost baut an den Internetseiten von www.studis-online.de. Fenster öffnen sich, schließen sich, zeigen Datenbanken, E-Mails und Grafiken. „Sieht nicht sehr aufregend aus“, sagt er, „aber damit verbringe ich meinen Arbeitstag.“

Iost hat 17 Semester Informatik studiert, kein Wunder, dass er am Computer sitzt. Mit seiner Homepage betreibt er das vermutlich umfassendste Internetangebot für Studenten in Deutschland. Zu seinen Hauptkonkurrenten zählt der etablierte Unicum-Verlag. Der hat zwar mehr Besucher – aber weniger Angebote auf seinen Seiten. Iosts Angebot ist professioneller, als man es von einer politischen Studentenhomepage erwarten würde. Fast alles findet sich dort, was StudentInnen zum Leben brauchen – von Erstsemestertipps bis zur Karriereplanung.

Oliver Iost ist jetzt 33. Aber das würde man ihm auf den ersten Blick genauso wenig zutrauen wie sein Einzelkämpfertum. Iost ist groß, wiegt sicherlich ein paar Kilos zu viel und hat ein freundliches Gesicht mit dunklen Augen. Mit endloser Geduld schildert er die Funktionsweise seiner Internetseiten. Allerdings muss man sich nicht lange mit ihm unterhalten, um zu merken, dass Iost gar nicht so gemütlich ist, wie er zunächst wirkt. „Manche Leute brauchen einfach einen Arschtritt in die richtige Richtung“, verrät er sein Rezept der Studentenbetreuung.

In einem orangefarbenen St.-Pauli-T-Shirt sitzt Iost vor seinem Computer. Was treibt ihn, Bafög, Sparzwang und Studiengebühren zu seinem Beruf zu machen? Darüber muss er erst mal lange nachdenken. „Ich kann mein Hobby mit Geldverdienen verbinden.“ Mit Hobby ist nicht etwa Computerkram gemeint, sondern Hochschulpolitik. Der Mann kann einfach nicht davon lassen. Vier Jahre lang war er als Studentenvertreter an der Uni Karlsruhe im Unabhängigen Studierenden Ausschuss (UStA). Darunter hat sein Studium gelitten. Mit Regelstudienzeit war da nichts mehr.

„Ich hab halt gemerkt, dass ich irgendeinen Ausgleich zur Informatik brauche“, sagt Iost. Andere gehen ins Kino oder fangen an zu joggen. Oliver Iost wird 1995 Öko-Referent im UStA und tritt den Grünen bei. Schon vier Jahre später tritt er aus der Partei wieder aus. Die Haltung der Grünen im Kosovokrieg und die von Matthias Berninger lancierte Studiengebührendebatte waren für ihn gute Gründe, der Partei den Rücken zu kehren. Mit seinem Studienende 2001 ist dann auch seine hochschulpolitische Karriere beendet. „Mir ist also nur die Möglichkeit geblieben, am Thema zu bleiben, wie ich das eben mache.“

Im August 1999 stellte er seine Idee von einer kritischen Plattform für Studierende online – und kann sich damit zu den Internetpionieren auf diesem Gebiet zählen. Gegenöffentlichkeit, Service und Fakten wollte er bieten. Vor fünf Jahren hat Iost dann die erste Version seines Bafög-Rechners im Internet veröffentlich. In drei Schritten erfahren die StudentInnen hier, wie viel Bafög ihnen vermutlich zusteht. Das Angebot war sofort ein Erfolg – auch wenn Erstbesucher Zeit brauchen, um sich auf der Homepage zurechtzufinden. Aber schließlich ist Iost Verfechter studentischer Interessen und Informatiker und kein Webdesigner. Leser hat er trotzdem genug. Im Durchschnitt 200.000 Menschen surfen im Monat auf studis-online.de. 75.000 Beiträge haben sich in den letzten Jahren in den Foren angesammelt. Entsprechend viel Zeit widmet Iost dem Internetangebot. 200 redaktionelle Artikel und mehr als 100 statische Internetseiten erfordern viel Pflege.

Bevor er sich im Herbst 2004 mit seiner Homepage selbstständig machte, hat Oliver Iost bei Spiegel Online gearbeitet. Den Job hat er nach drei Jahren wieder geschmissen – seine Arbeitszeit wollte der Mann doch lieber in sein eigenes Projekt investieren. „Nur als Techniker zu arbeiten, ging mir auf den Sack, ich wollte mich mehr den Inhalten widmen“, sagt Iost. Mittlerweile verdient er durch die Werbung auf seinen Seiten fast so viel wie bei seinem ehemaligen Arbeitgeber.

Oliver Iost hat sich komplett dem Studentenleben verschrieben. Er selbst studiert zwar schon seit fünf Jahren nicht mehr, aber in seiner Altbau-WG in Hamburg-Altona ist das Studi-Feeling noch sehr präsent. Fahrräder im Flur, Che-Guevara-Bilder und Trainspotting-Filmplakate an der Wand. In der Küche liegt der aktuelle Ikea-Katalog. In Iosts Zimmer stehen Fantasy-Romane neben Informatik-Büchern und Studentenratgebern ordentlich im Regal. In einer Ecke schnurrt der Apple auf einem Schreibtisch. Iosts Arbeitsplatz ist sein Zuhause.

Am Anfang seiner Homepage stand Iosts Internetbegeisterung – und die Liebe zum Detail. Als einen der ersten Beiträge erstellte er ein ganzes Uni-Lexikon mit Begriffen, Abkürzungen und Organisationen rund ums Studium, Hochschulen und studentisches Leben. 367 Einträge umfasst die Glossar-Datenbank mittlerweile. Irgendwann hat er sich hingesetzt und alle deutschen Hochschulen mit sämtlichen Studienfächern und Abschlüssen in seinen Computer gehämmert.

„Etwas Vergleichbares gab es halt noch nicht“, sagt er und macht mit der rechten Hand eine abwinkende Handbewegung. 6.220 Studiengänge an 341 Hochschulen hat Iost in die Datenbanken eingegeben. Als er das letzte Fach online stellte, war der erste Eintrag schon wieder ein Jahr alt. „Aktualität gibt's im Internet nicht“, sagt Iost, und das klingt bei ihm mehr wie eine Entschuldigung als wie eine Feststellung.

„Der Oli ist alles andere als eitel“, sagt sein Ex-Kollege Jochen Leffers, der als Redakteur bei Spiegel Online arbeitet. Was seine kleine, tapfere Seite angeht, sei er aber überaus pedantisch. „Da gibt es eigentlich niemanden anderen, der auch bei ganz speziellen Fragen ganz spezielle Antworten weiß“, meint Leffers. „Oli berät die Leute wirklich. Die schreiben ihm eine Mail und bekommen prompt Ratschläge zu ihrem Bafög-Bescheid oder zu anderen Dingen.“

Für Oliver Iost, den Informatiker, ist die Informatik inzwischen nur noch Mittel zum Zweck, um seine Ziele umzusetzen. Zu diesen Zielen gehört auch ein gebührenfreies Studium. Die anstehenden Bundestagsneuwahlen sieht er dafür erstaunlich gelassen. „Vielleicht besinnt sich die Gegenseite dann wieder auf die Alternativen, die es zum Bezahlstudium gibt.“ Auf seiner Homepage haut er dafür Studienbefürwortern schon mal ihre eigenen Argumente um die Ohren. Was ihn dazu veranlasst, ist eine offenbar sorgfältig gepflegte Abneigung gegen Ellenbogentypen und Nur-an-sich-Denker. „Ich finde es wichtig, dass Hochschulen einen gewissen Bildungsanspruch erfüllen und sich die Leute in Ruhe ihre Gedanken machen können. Und das ist eben eher an der Hochschule möglich“, sagt Iost. Studiengebühren würden dazu führen, dass die Studenten nur noch gewinn- und karriereorientiert studieren. „Und das kann's doch nicht gewesen sein?!“