Bis das Blut gefriert

Eine gespenstische Nacht auf der gruseligen Gozzoburg im österreichischen Krems

Durch Zufall – oder war es ein Ruf aus dem Jenseits? – stieß ich neulich auf eine Internetseite, die mich sofort magisch in ihren Bann zog. Von Gespenstern war dort die Rede, und zwar von sehr vielen Gespenstern, die sich, wenn man den alten Legenden Glauben schenken darf, auf der alten Gozzoburg in dem österreichischem Städtchen Krems an der Donau tummeln sollen. Ein unheimlicher Mönch zum Beispiel spukt dort angeblich herum: „Man sah dessen unheimliche Gestalt des Nachts in einer Mauernische sitzen. Er verließ auch diesen Platz des öfteren und wandelte schlürfenden Schrittes gespensterhaft durch die Burg.“ Und auch verschiedenfarbige Frauen sollen dort auftauchen: „Sie erschienen oft den Bewohnern des alten Hauses um Mitternacht. Je nachdem, ob sich die weiße oder die schwarze Gestalt zeigten, war man frohen Mutes oder banger Sorge.“

Ferner erzählen die Legenden von einer gefürchteten Nonne, die zuweilen durch den Burggarten wandelt, von einem rauchenden Burggeist, einem unheimlichen Gespenst mit einem sehr großen Hut, einer roten Gespensterkatze und von wimmernden Unerlösten sowie einem mitternächtlichen Kegelspiel, verschiedenen Rittern, Schwertergeklapper und Todesschreien, die die Burg nächtens in Unruhe versetzen. Alles in allem scheinen sich die Gespenster in der Gozzoburg beinahe gegenseitig auf die Füße zu treten.

Ehrensache, dass die Wahrheit es sich zur Aufgabe gemacht hat, den schauerlichen Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Eilig haben wir ein wissenschaftliches Team zusammengestellt: der Parawissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Weber und die Diplomparapsychologin Corinna Stegemann, die sich nicht vor Tod und Teufel fürchten und sich also unerschrocken auf den Weg ins weit entfernte Krems aufmachen. Als Profiausrüstung für Gespensterjäger haben wir im Gepäck: zwei Taschenlampen, mit denen man notfalls auch zuschlagen kann, ein paar Seile, die immer zu etwas nütze sind, ein Schweizer Taschenmesser, mehrere Kerzen, zwei Flaschen Weißwein, Schlafsäcke, Streichhölzer, Trillerpfeifen, Schnarren und einen Fotoapparat. Eine Nacht auf der Gespensterburg verbringen und Geister jagen, das ist der Plan! Und der freundliche Walter Hofbauer, der das alte, leer stehende Gemäuer zurzeit verwaltet, findet diesen Plan gut und gestattet uns die Expedition.

Krems liegt eine Autostunde von Wien entfernt und ist eine wunderschöne, kleine Stadt, beinahe schon kitschig. Das Zentrum der idyllischen Altstadt beherrscht seit dem Jahr 1275 die imposante Gozzoburg. Der damalige Stadtrichter Gozzo hat das Gemäuer erbauen lassen, seither hat es verschiedene Verwendungen erfahren, und nun steht es seit einiger Zeit leer.

Verwalter Hofbauer führt das Wahrheit-Team durch die ganze Burg, und es wird uns schon etwas mulmig. Von innen ist das Haus etwa zehnmal so groß, wie es von außen aussieht, es scheint rund 500 steinerne Wendeltreppen zu haben, tausende Gänge, die nirgendwo hinführen, Gemächer, Säulen, wieder Treppen, einen sehr tiefen Keller, der in den Fels geschlagen ist und bis unter den Marktplatz reicht, und wir wissen ganz genau, dass wir uns ohne Herrn Hofbauer furchtbar verirren werden. „Ich selbst“, sagt Walter Hofbauer, „ich selbst bin esoterisch sehr unbegabt, aber selbst ich spüre von Zeit zu Zeit, dass in dieser Burg irgendetwas umgeht.“ Jetzt wird uns noch mulmiger, das hätte Herr Hofbauer nicht unbedingt sagen müssen. Dann drückt er uns sechs Schlüssel in die Hand und verabschiedet sich mit den Worten: „Ihr könnt hier machen, was ihr wollt, ihr dürft überall hin und alles durchstöbern. Viel Spaß!“ Weg ist er – wir sind allein.

Wir machen uns auf, einen gemütlichen Schlafplatz zu suchen, aber das Gemäuer ist nicht besonders wohnlich. Schließlich breiten wir unsere Schlafsäcke auf einem großen Tisch unter einer alten, pittoresken Deckenmalerei aus und setzen uns auf einen Balkon mit Blick auf den Burghof, spielen Karten, trinken etwas Wein und warten auf die Nacht. Langsam wird es dunkel. Plötzlich schallt ein Krachen und Rumpeln aus dem Burghof! Wir schreien auf: „Das mitternächtliche Kegelspiel!“ Wir merken, wie unsere Haare vor Entsetzen schlohweiß werden! Doch es war nur ein Generator im Hof, es ist ja auch noch nicht Mitternacht. Zum Glück haben sich unsere Haare schnell wieder normal gefärbt.

Nun ist ein Knarren aus dem Stockwerk über uns zu hören. Es ist ganz dunkel, nur unsere Kerzen werfen einen flackernden Schein an die Wände und in den Hof. Ein Schatten huscht vorbei! Waaahhh!! Der rauchende Burggeist? Oder die schwarze Frau? Oder die gefürchtete Nonne? Wir zittern, und Gänsehaut lässt uns am ganzen Körper frieren. Es miaut aus dem Burggarten auf der anderen Seite, aber die rote Katze jagt uns keine Angst ein. Katzen sind niedlich, egal, ob Gespenst oder nicht.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht beginnen wir mit der Gespenstersuche. Nach ein paar Minuten haben wir uns hoffnungslos verlaufen. Wir würden gern die Nische finden, in der der unheimliche Mönch am liebsten sitzt, aber andererseits fürchten wir uns erbärmlich. Mit den Taschenlampen und dem Messer bewaffnet durchsuchen wir den alten Weinkeller. Dazu müssen wir eine sehr steile und brüchige Treppe hinabsteigen. Die Taschenlampen werfen ein gruseliges Licht. Der Keller ist kalt und feucht und groß, aber offensichtlich gespensterfrei, wie wir erleichtert feststellen, als Punkt Mitternacht eine der Taschenlampen versagt! Das kann kein Zufall sein, die Lampe ist funkelnagelneu und mit frischen Batterien versehen. Will die Gozzoburg uns Angst einjagen? Das schafft sie perfekt.

Mittlerweile wären wir eigentlich ganz froh, kein Gespenst zu sehen und möglichst bald wieder die liebe Sonne begrüßen zu dürfen. Vielleicht lassen uns ja die Gespenster in Ruhe, wenn wir uns schlafen legen … – aber wo ist nur dieses verfluchte Schlafgemach? Wir finden es nicht mehr und leuchten mit der verbliebenen Taschenlampe in Zimmer und Säle hinein, und da – da ist eine Nische! Da sitzt eine Gestalt! Es ist der Mönch! Er starrt uns an! Laut schreiend laufen wir davon, den Gang entlang, um ein paar Ecken, wir wissen nicht mehr, wo wir sind, haben keine Lampe mehr.

Als wir uns wieder gefasst haben, bemerkt Professor Weber, dass er recht cool den Mönch fotografiert hat, als dieser durch eine Halle entwischte. Wie durch ein Wunder finden wir nun auch unser Schlafgemach wieder. Es ist jetzt 1.15 Uhr. Draußen rieselt warmer Regen, und wir trinken bei Kerzenschein etwas Wein für die Nerven. Die rote Katze maunzt noch etwas, auch die Unerlösten wimmern ein wenig, aber die anderen Gespenster sind wohl zur Ruhe gekommen, wie wir nun auch.

Am nächsten Morgen zeigt sich die Gozzoburg im unschuldigsten Lichte. Fast ist es so, als ob wir die Nacht nicht erlebt hätten. Wäre da nicht das Foto des Mönchs. Wir überprüfen die Kamera – und auf dem Bild der Burghalle ist nichts zu sehen! Das ist der Beweis! Die Gespenster existieren. Denn wie die Legende sagt, lässt sich der unheimliche Mönch von niemandem fotografieren. Also auch nicht von uns.

Dennoch: Diese Nacht war besser als die weltbeste Geisterbahn. Danke, Herr Hofbauer! Danke, Gozzoburg!