Von der Faszination der Dinge

KONSUMTHEATER Nur für Erwachsene: Das Künstlerkollektiv MS Schrittmacher schickt in seiner Performance „Alice im Wunderland“ Darsteller wie Zuschauer quer durch das Warenwunderland im Karstadt am Hermannplatz

VON JESSICA ZELLER

Einst war die Falsche Suppenschildkröte echt, das lehrt uns der Autor des Kinderbuchklassikers „Alice im Wunderland“ Lewis Carroll. Heute sitzt die mit „tränenfeuchten Augen“ auf einem Felsvorsprung und erzählt dem Mädchen Alice von ihrer ruhmreichen Vergangenheit. Ein Motiv, das sich auf die Gegenwart übertragen lässt? Doch!

Das Wunderland ist der Traum eines Erwachsenen: ein riesiges Einkaufsparadies

Am Mittwochabend sitzt die Falsche Schildkröte als ehemaliger Star aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ verkleidet in der Buchabteilung von Karstadt am Hermannplatz und liest aus ihren „schicksalsreichen“ Memoiren. Tag eins: Die Producerin will die Rolle ausbauen. Tag 20: Nun will sie doch nicht. Tag 50: Der Star ist tot (Herzinfarkt) und die Kollegen drehen das Außenset „Beerdigung“. Währenddessen betrinkt sich der Verflossene allein im leeren Studio.

Das Berliner Künstlerkollektiv MS Schrittmacher hat nicht nur die Falsche Schildkröte, sondern, wenn man dem Szenenverlauf genau folgt, praktisch alle Geschichten und Figuren aus „Alice im Wunderland“ ins Hier und Jetzt übertragen – die Raupe, das Kaninchen, die köpfende Herzkönigin und viele mehr. Wichtigster Unterschied: Das Wunderland ist nicht der Traum eines Kindes, sondern der einer Erwachsenen. Und was könnte der anderes sein als ein riesiges Einkaufsparadies? „Karstadt am Hermannplatz war für mich die erste Wahl als Bühne. Hier gibt es einfach alles und anders als beim Shoppingcenter sind keine Türen zwischen den Verkaufsräumen. Man kann sich einfach von einem zum nächsten Versprechen treiben lassen“, erzählt Regisseur und Stückentwickler Martin Stiefermann.

Wer bin ich? Was brauche ich? Und was kann ich mir leisten? Diese Fragen bewegen die erwachsene Alice (Antje Rose), „Mittvierzigerin und Mutter dreier Kinder“, und die Zuschauer mit ihr. Anderthalb Stunden geht es durch die Kellerräume des Kaufhauses, in denen sich die Weihnachtsdeko stapelt, in den Kaninchenbau (den Lastenaufzug), ab ins Perfetto-Paradies und nach und nach durch sämtliche Abteilungen. Es fliegen Klamotten und Accessoires, auf den Auslagen tanzt die „Hummerquadrille“, und Alice und die Grinsekatze veranstalten ein Wettrennen auf der Rolltreppe.

Langweilig wird es dabei nie. Allein schon deshalb nicht, weil nie hundertprozentig klar ist, was zum Stück dazugehört und was nicht. Als Alice beispielsweise mit mehreren Schuhkartons bewaffnet zu Boden fällt, fährt ein älterer Einkäufer die knapp dreißig Theaterbesucher an: „Nun helft doch mal!“ Ist das noch das Drehbuch oder schon das Leben? Konsumkritik wollen Stiefermann und seine Gruppe, die sich in ihren Stücken stets mit gesellschaftlichen Reibungsprozessen auseinandersetzt, dabei nicht als Grundthema der Inszenierung ausgemacht haben. „Das wäre ja in einem Warenhaus wirklich langweilig.“ Vielmehr gehe es ihm um Identitätssuche und Imagedesign, um permanente Verführung und Veränderung. Enttäuschung, wie im Fall der Schildkröte, bleibe da natürlich nicht aus.

Die Faszination der Dinge, die Alice schließlich mit unzähligen Einkaufstaschen bepackt auf die Dachterrasse führt, färbt auch auf die Zuschauer ab. Kann man noch schnell dieses einzigartige Sonderangebot erwerben, bevor die nächste Szene beginnt? Oder steckt man die Ware einfach so ein – merkt ja doch keiner?

Der Karstadt-Schaugewerbeleiter, Herr Gähler, der die Vorstellung ständig begleitet, scheint Gedanken lesen zu können: „Wir beobachten jeden Besucher ganz genau mit unserer Video-Überwachungsanlage. Hier kommt nichts weg!“, lauten seine warnenden Worte. Fragt sich nur: Sind sein Namensschild und sein Anzug auch wirklich echt?

■ „Alice im Wunderland“, Karstadt am Hermannplatz (Eingang über den U-Bahnhof). Weitere Aufführungen 29. und 31. März, 2., 5. und 7. April, jeweils 15 Uhr und 18 Uhr; 30. März, 11 Uhr und 15 Uhr