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Russische Tattoos

Irgendwann in den frühen Achtzigerjahren gab es in Westdeutschland den Versuch, Andy Warhols Zeitschrift Interview in deutscher Variante zu etablieren. Werbung, schicke Models und Lifestyle – alles farblich gedämpfter und unüppiger als das amerikanische Original. Das Imitat scheiterte bereits mit der zweiten oder dritten Nummer. Irgendwo gab es aber in einer Ausgabe eine einzelne Seite, die vollkommen herausfiel. Das waren Zeichnungen der Schauspielerin und Künstlerin Tabea Blumenschein.

Sie wurde bekannt als mystische Schönheit, die durch die Filme Ulrike Ottingers traumwandelte, als Madame X, Dorian Gray oder namenlose Trinkerin. In Blumenscheins „Modeentwürfen“ posierten plötzlich einbeinige Models mit Irokesenfrisur, ungeheuer dick oder viel zu dünn, am Körper verziert mit brutalen Knast-Tattoos, Männer wie Frauen – offensichtlich aus den Proportionen sämtlicher Schönheitsraster und Ideale geraten. Diese wunderbaren Zeichnungen veranlassten mich seinerzeit, Tabea anzusprechen. „Das freut mich aber. Die Redaktion war ja ganz entsetzt und fragte, ob der Beitrag ein Scherz sei. Die Zeichnungen könnten sie – falls überhaupt – nur extrem verkleinert auf eine Seite packen, auf keinen Fall aber wie ursprünglich vorgesehen auf mehrere.“

Bevor sich Tabea Blumenschein Anfang der Neunzigerjahre fast völlig aus dem Kulturbetrieb zurückzog und einige Jahre im Obdachlosenheim verbrachte, veröffentlichte sie das wunderbare kleine Buch „Das Kreuz der Erfahrung“. Ihre Zeichnungen graben sich dort in das Papier wie Tätowierungen ein. Dazwischen heißt es: „Warum so revolutionär? Warum so modern? Die Welt besteht aus Molekülen!“

Nun ist ein bemerkenswertes Buch bei Steidl erschienen, dessen Cover bereits geradewegs aus der Bilder- und Motivwelt von Tabea Blumenschein stammen könnte: ein Zigarre rauchender Totenkopf, dessen Schädel von einer fünfzackigen Krone mit mysteriösen Symbolen bedeckt wird, eine Enzyklopädie der unbekannten Tattoosymbolik aus russischen Strafgefangenenlagern und Erziehungsanstalten. Ein Wachmann namens Danzig Baldaev hat über Jahrzehnte hinweg fast viertausend Tätowierungen von Inhaftierten abgezeichnet und dabei ihre Bedeutungen zum größten Teil dechiffriert und notiert. So wurde er zum wohl einzigen Ethnographen dieser „Körpersprache“.

In diesem Lexikon werden nun die in jeder Hinsicht extremen Motive und Symbole, die Akronyme und die damit verbundene Geschichte des Trägers oder der Trägerin erläutert. Es finden sich Kennzeichnungen der Hierarchie des Häftlings, seiner Tat und seiner Gesinnung. Dabei gibt es sehr viel Antisowjetisches, Sexistisches, Pornografisches, Rassistisches und Antisemitisches. Immer wieder tauchen Hakenkreuze auf, nicht nur von deutschen Kriegsgefangenen, die im Lager lebten. Ein ganzes Horrorkabinett spiegelt sich in diesen Tattoos, ein Arsenal brutaler Zuordnungen, Abgrenzungen und Kategorisierungen.

In der Einleitung betont Sprachforscher Alex Plazer-Sorno, dass der mit Tattoos übersäte Körper eines „rechtmäßigen Diebes“ für ihn in erster Linie ein linguistischer Gegenstand sei. Und so behandelt Plazer-Sorno, der 2001 ein Wörterbuch russischer Vulgärausdrücke veröffentlichte, das Thema in kühler, wissenschaftlicher Diktion. Die Tätowierung im Knast sei so viel wie eine Uniform mit entsprechenden Abzeichen. „Fälschungen“ verletzten die Knastehre und können das Todesurteil bedeuten. Die meisten der antikommunistischen Motive haben nichts mit klassischem Dissidententum zu tun, und einige erfolgten unfreiwillig. So werden dem Spieler, der seine Schulden nicht bezahlt, Kopulationsszenen eintätowiert, jüdische oder homosexuelle Strafgefangene durch Zwangstattoos gezeichnet und erniedrigt. Ein furchtbares, aber spannendes und interessantes Dokument aus einer brutalen Welt.