Mit der Plastikpistole auf Mörderjagd

BUCH Alper Canigüz’ Roman „ Söhne und siechende Seelen“ ist eine Krimikomödie mit Seitenhieben auf die türkische Gesellschaft

Ein Hobbydetektiv, der gern Raki trinkt, „Nietzsche zum Frühstück“ liest, Erfahrungen im Vernaschen von Plastikpuppen und „magic mushrooms“ hat? KrimileserInnen werden sich jetzt gelangweilt abwenden. Aber: Der Protagonist in Alper Canigüz’ gerade auf Deutsch erschienenen Roman „Söhne und siechende Seelen“ ist ein Kind von gerade mal fünf Jahren. „Mit fünf Jahren befindet sich der Mensch auf der Höhe seiner Reife, danach beginnt er zu faulen.“ Sätze wie diese sondert dieser Junge mit dem Namen Alper Kamu – in Anlehnung an den Existenzialisten Albert Camus – ab. Sein Nachname bedeutet auf Türkisch „öffentlich“. Der Junge denkt und fühlt, was viele in der Türkei denken, aber sich nicht trauen auszusprechen. Ein Intellektueller im Untergrund quasi. Ein kluger Schachzug des Autors, dies durch ein Kind sagen zu lassen.

Gleich zu Beginn wird die Versetzung seines Vaters, eines ehemals linken Beamten, nach Erzurum angeordnet. Für viele westliche Türken wie Alpers Vater ein Albtraum. Aus der Metropole Istanbul ins kleingeistige Erzurum zu ziehen, das versucht der Familienvater dann doch nicht zu verhindern, sondern besäuft sich lieber im Stillen.

Als Alper den Rest aus den Bierflaschen trinkt, schreit er seinen Frust über den Wegzug aus dem Fenster. „Erdogan, du Doppel-Arsch!“ Genial, dass der Vorgesetzte des Vaters ein Namensvetter des türkischen Ministerpräsidenten ist. Alper Canigüz, der ebenfalls den Vornamen mit seinem Protagonisten teilt und auch den Wohnort Istanbul, gehört zu der neuen Riege von türkischsprachigen Autoren, die sich der realistischen Darstellung der türkischen Verhältnisse verschrieben haben. Bevorzugtes Genre in der Türkei dafür: der psychoanalytische Krimi.

Alper Kamu ist hochbegabt, ein Kind noch und schon so klug, dass es auf den ersten Seiten tierisch nervt

Der 43-Jährige, der in Istanbul erst Psychologie studierte und dann als Texter für renommierte Werbeagenturen arbeitete, wird von LeserInnen und LiteraturkritikerInnen innig geliebt. Seine bisher erschienenen drei Bücher erreichten Kultstatus. Sein Stil ist einfach und deshalb wirkungsvoll. Die Sprache ist durchsetzt mit derben Ausdrücken, eben alltäglich. Breit gestreut sind philosophische und psychoanalytische Passagen, traumhaft anmutend, wie Szenen aus einem Kubrick-Film.

Der Protagonist seines zweiten Romans, Alper Kamu, ist zweifellos hochbegabt, ein Kind noch und schon so klug, dass es auf den ersten Seiten tierisch nervt. Er hört Schostakowitsch, liest wie ein Weltmeister türkische Klassiker und hält nicht viel von Erwachsenen. Bissig kommentiert er die großen und kleinen Kreaturen aus seinem Viertel. Da er bereits schreiben und lesen kann, sieht er keinen Anlass dafür, auch noch die Schule zu besuchen. Seinen Eltern zeigt er durch eine Kotzorgie am ersten Schultag, dass dies nicht der geeignete Ort für ihn ist. Seine Schule sind die Bücher und sein Viertel mit den Menschen, die dort leben.

Bisweilen zeigt sich aber auch seine kindliche und lustige Seite. Er spielt für sein Leben gern Fußball mit den Jungs aus dem Viertel und liefert sich Gefechte mit den Älteren. Als Alper eines Nachts einen Mord an seinem älteren Nachbarn, einem pensionierten Polizeidirektor, entdeckt, lässt ihn der Fall nicht los.

Die behäbigen Polizisten und der mürrische Staatsanwalt versuchen, den Fall schnell ad acta zu legen, indem sie den „Verrückten“ einbuchten. Alper aber macht sich eigenständig daran, den Mord aufzuklären. Dabei sind andere Krimidetektive ein Dreck gegen ihn. So viel, manchmal zu viel Charakter und Weltwissen trägt Alper mit sich. Frauen und andere große Themen des Lebens greift er in inneren Monologen auf und setzt in ein paar Sätzen bittere Feststellungen an: „Ich glaube, das Leben ist gegen die Natur des Menschen. Zumindest gegen meine.“

Klar, dass Alper Kamu am Ende den Mörder findet. Dass er sich dabei wie James Bond en miniature aufführt, ist urkomisch. „Ich erlebte die aufregendsten Tage meines Lebens. Ich war umgeben von Feinden, die vernichtet, und Frauen, die vernascht werden sollten. Wobei, meine Waffe war aus Plastik. Und meine Frauen auch. Dennoch war das immer noch besser als gar nichts.“