KIRSTEN FUCHS über KLEIDER

Mama, komm vom Müll weg!

Oh ja, auch wir werden eines Tages wieder große Mützen mit Teddyohren tragen

Die Alten sind die Kinder der Zukunft. Das hört sich erst mal komisch an, aber wenn ich konsequent drei, vier Generationen weiterdenke, wird es so kommen: Die Alten werden die Kinder sein. Und die Kinder?

Die Kinder werden vereinzelt auch noch geboren und müssen zur einzigen Schule im ganzen Land nach … zum Beispiel Bonn. Die Industrie wird sich auf dieses neue Familienmodell einstellen müssen, es werden größere Schlitten gebraucht, größere Kuscheltiere und größere Schaukelpferde. Ikea wird ein Elternzimmer im Angebot haben mit gut gepolsterten Möbeln, denn alte Menschen gehen immer gleich kaputt, wenn sie herumtoben und sich stoßen. Kinder sind da viel stabiler, aber – Kinder?

Kinder, dafür hat keiner Zeit. Wenn wir weiter so machen, dass wir immer später Kinder bekommen, uns erst kurz vor der Zeugungsunfähigkeit fragen: „War da nicht was?“, dann sind die Eltern dieser spät gezeugten Kinder schon pflegebedürftig, wenn ihre Kinder die Schule verlassen. Der Staat wird kein Geld dafür haben. Der Staat wird auch für gesunde alte Menschen kein Geld haben. Darum müssen die Eltern zu ihren Kindern ziehen, da bekommen sie wenigstens Taschengeld. Wenn ein Ehepaar Pech hat, hat es vier Eltern an der Backe, die wollen beschäftigt werden, gefüttert und sauber gehalten, sonst plärren sie wie nix Gutes.

Die Mädchen müssen gleich nach der Schule zu Hause bleiben und sich um die Eltern kümmern. Dadurch könnte sich das Problem mit der Arbeitslosigkeit ganz schnell erledigen. Männer arbeiten, Frauen gehen mit Papas und Mamas in die Elternspielgruppe. Das Wort „Elternspielgruppe“ klingt sehr utopisch, aber wenn die Menschen keine Kinder mehr haben können, weil sie ihre Eltern pflegen müssen, dann fehlt ja doch was: der Spaß an der Sache, rodeln, spielen, abkitzeln, vorlesen.

Darum bekommen die Eltern große bunte Latzhosen angezogen, mit großen bunten Taschen, in denen Pillen und Brillen Platz haben. Es wird große gestreifte Ringelstützstrümpfe geben und Lutscher mit Kreislaufmitteln, und diese albernen Mützen mit Teddyohren wird es auch in groß geben. „Ich will die nicht aufsetzen“, wird der eine oder andere Vater quengeln, „Ich seh aus wie ein Baby!“ Die Tochter wird sagen: „Baby, ach Quatsch. Möchte wissen, wo du solche Wörter herhast. Baby! Was soll das denn sein? Kuck mal, die Mutti, die hat schon den Anorak an. Wir wollen doch auf den Spielplatz, oder?“ Welcher Vater kann dieser Argumentation widersprechen?

Hand in Hand werden sie zum Spielplatz gehen, wo schon die anderen Frauen der Umgebung auf den Bänken sitzen und sich unterhalten, wie der Verfall ihrer Eltern vorwärts geht. Sie geben alle mächtig an: „Und brauchen deine schon Windeln?“ – „Die Große ja, der Kleine noch nicht, die von meinem Mann waren von Anfang an nicht trocken.“ – „Was? Nein, das ist ja toll!“ – „Und alle Zähne weg?“ – „Ach, das Geschrei, wenn sie die Zähne verlieren, keine Nacht durchgeschlafen …“ – „Und können deine schon nicht mehr laufen?“ – „Meine waren mit siebzig schon so weit.“ – „Mit siebzig? Das ist früh!“ – „Ist das nicht überhaupt die schönste Zeit, wenn sie aufhören zu laufen? Erst können sie nicht mehr stehen, dann nur noch krabbeln, dann nur noch liegen.“ – „Ach, sie werden so schnell gebrechlich. Mama! Kommst du vom Müll weg!? Pass doch auf die Sachen auf, die waren teuer! Kuck mal, wie lieb der Papa spielt!“

Der Vater schippt Sand in seine Mütze und versucht sie Spaziergängern als Döner zu verkaufen. Die Spaziergänger sind entzückt, streicheln dem alten Mann über das kahle Haupt und schenken ihm ein Schnapsfläschchen. „Papa, was sagt man da?“ – „Danke!“, sagt der Vater und kommt zu seiner Tochter gewatschelt: „Kuck mal, Schnaps!“ – „Ja, Papa, aber du hattest doch heute schon Schnaps. Außerdem sollst du nichts von Fremden nehmen, die wollen dich nur entführen, weil ihre Eltern schon gestorben sind. Dass du mir nie mit Fremden mitgehst, hörst du? Und wie siehst du überhaupt aus? Komm mal her, dein Reißverschluss ist auf!“

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