Der Stromkonzern RWE tauscht kurz vor Einführung der Brennelemente-Steuer sein Spaltmaterial für das AKW Biblis aus. Und spart so 280 Millionen Euro.von KLAUS-PETER KLINGELSCHMITT

Schnell noch neue Brennstäbe rein: Reaktordruckbehälter und Dampferzeuger im Akw Biblis. Bild: imago/Papsch
FRANKFURT taz | Der Stromkonzern RWE tauscht vor der Einführung der neuen Atomsteuer im großen Stil Brennelemente in seinem AKW Biblis und spart dadurch Millionen. Noch im November wolle das Unternehmen 92 der 193 Brennelemente ersetzen, erklärte das hessische Umweltministerium am Dienstag. Nach seiner Schätzung spart RWE dadurch 280 Millionen Euro Steuern. Die Opposition kritisierte, das Unternehmen lege die Koalition bei der ohnehin fragwürdigen Einigung über die Verlängerung der AKW-Laufzeiten auch noch finanziell aufs Kreuz.
RWE bestätigt das Vorgehen. Mit dem Wechsel von 92 Brennelementen jetzt habe man aber nicht die Brennelementesteuer umgehen wollen, sagte ein Unternehmenssprecher. Der Austausch der Brennelemente im Block B des AKW Biblis sei "nicht ungewöhnlich". Schon einmal in diesem Jahrzehnt seien auf einen Schlag mehr als 90 Brennelemente ausgetauscht worden. Der Wechselzeitpunkt und auch die Menge der Brennelemente richteten sich ausschließlich nach "physikalischen Gegebenheiten", so RWE. Die FR hatte dagegen berichtet, dass normalerweise weniger als 72 Brennelemente im Jahr ausgetauscht würden.
Dass jetzt noch vor dem Jahreswechsel und dem Inkrafttreten der Brennelementesteuer ausgetauscht werde, hänge damit zusammen, dass der Reaktor B wegen anstehender Reparaturarbeiten an einer Turbine ohnehin Mitte November heruntergefahren werden müsse, so der Konzernsprecher weiter. Die anderen Giganten der Branche erklärten dagegen, in ihren Atomkraftwerken in diesem Jahr keine Brennelementwechsel mehr durchführen zu wollen.
Die Grünen im Hessischen Landtag werfen RWE vor, wegen "schnöder Profitmaximierung" die schwarz-gelben Regierungen im Bund und im Land Hessen "austricksen" zu wollen, so Fraktionschef Tarek Al-Wazir. Dabei spüle der "Atomdeal" mit der Verlängerung der Laufzeiten allein RWE "mindestens 11,5 Milliarden Euro" in die Kassen. Die Gier von RWE kenne offenbar keine Grenzen.
Für Norbert Schmitt, SPD-Landtagsabgeordneter aus dem Biblis-Kreis Bergstraße, hat RWE die Bundesregierung bei dem "ohnehin schmutzigen Atomdeal" auch noch "aufs Kreuz gelegt". Es zeige sich einmal mehr, dass man mit "Stromern" keine Verträge schließen könne. Die Linke echauffiert sich zusätzlich darüber, dass das hessische Umweltministerium in Aktenvermerken die "Vermeidung einer Steuerpflicht von rund 280 Millionen Euro" durch RWE gebilligt habe. "Ein solches Vorgehen mag legal sein - Legimitation aber hat der gesamte Atomdeal von Anfang an nicht gehabt und wird er auch nicht mehr bekommen", so Fraktionschefin Janine Wissler.
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In ihrem Videocast fordert Kanzlerin Merkel einen schnellen Ausbau der deutschen Stromnetze. Um den Windstrom von den Norden in den Süden zu schaffen, sind Tausende neue Netzkilometer nötig.

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Am 30. Mai 2011 hat die schwarz-gelbe Koalition ihren Atomkurs radikal verändert. Bis dahin galt der Ausstieg aus dem rot-grünen Atomausstieg, die deutschen AKW sollten bis nach 2030 laufen - also im Schnitt zwölf Jahre länger als mit dem rot-grünen Atomkonsens.
Nun heißt es: Die acht ältesten deutschen AKW bleiben abgeschaltet, die restlichen laufen zum großen Teil bis 2021 oder 2022 weiter. Nach der Atomkatastrophe in Fukushima kippte die Stimmung auch unter den Unionswählern gegen die Atomkraft, die wichtige Wahl in Baden-Württemberg ging für Merkel verloren.
Deshalb nun die Umkehr. Im Eiltempo werden nun Atomgesetz und andere Energiegesetze umgeschrieben. Auch das Genehmigungsrecht für Stromleitungen soll vereinfacht werden. Das Eiltempo soll alle überrumpeln: die Energiekonzerne und ihre Abgeordnetenfreunde ebenso wie die Anti-Atom-Bewegung und die Regierungen der Bundesländer.
Wie die Anti-Atom-Bewegung reagiert; wie das Energiesparen bei Elektrogeräten, der Industrie und den Gebäuden berücksichtigt wird, was auf Mieter und Hausbesitzer zukommt; wie der Verbraucher sich für die Energiewende motiviert - die taz berichtet in diesem Schwerpunkt darüber.
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Leserkommentare
04.11.2010 18:02 | fortsetzungfolgt
Natürlich ist nachvollziehbar dass Konzerne nach Profitmaximierung streben. Aber kommt hier nicht vielmehr noch ein weitere ...
04.11.2010 06:14 | Kleingeist
Lieber Herr Wacker, ...
03.11.2010 23:15 | Maike
Danke, Josch, ...