Shakespeare, Sex und Talkshows

OTHELLO-FLASH Andrea Paluchs Roman „Zwischen den Jahren“ ist Frauenliteratur für den modernen Mann – oder andersherum

Eine Frau, Akademikerin und mehrfache Mutter, wird 40 und unruhig. Irgendwann ist für sie klar, dass ihr Mann Sex mit ihrer besten Freundin hatte. Und nun? Sie hat daraufhin dreimal Sex mit einem Mann, der in der Sendung ihres Mannes auftreten soll, der ein populärer Fernsehmoderator ist. Dann stellt sich die Sache aber so dar, dass ihr Mann und ihre beste Freundin es gar nicht miteinander gemacht haben. Der Mann hat selbstverständlich alles gar nicht so richtig mitgekriegt und nimmt’s dann auch mit Fassung. „Dies ist eine Geschichte über mich“, sagt die Ich-Erzählerin ganz am Anfang und ganz am Ende. „Und sie endet gut.“

Andrea Paluch schrieb viele Jahre zusammen mit ihrem Mann Robert Habeck Bücher. Eine singuläre Konstellation, in der beide nahe Flensburg abwechselnd den literarischen Plot und die Familienarbeit voranbrachten. Habeck ist inzwischen oder derzeit Berufspolitiker und grüner Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein.

Und Paluch legt mit „Zwischen den Jahren“ ihren ersten allein geschriebenen Roman vor. Sie nennt es „eine große Umstellung, aber auch einen großen Freiheitsgewinn“.

Der Titel „Zwischen den Jahren“ bezieht sich auf Shakespeares Mann-Frau-Verkleidungskomödie „Twelfth Night“ – die zwölfte Nacht nach Weihnachten, also Dreikönig. Es geht in der Geschichte nicht darum, dass Sex mit Dritten (oder Vierten) Ehe und Lebensglück zerstört. Es geht darum, wie man Lebenspläne und romantische Illusionen in Realität transformiert und dabei den Eindruck beibehält, dass es gut so ist. Eine zusätzliche sexuelle oder gar emotionale Beziehung des Karrieremannes ist das klitzekleine Ding, das die Fragilität des Balanceakts offenbar macht. Eigentlich schien ihr ausbalanciert, was es auszubalancieren gibt: Kinder, Liebe, Beruf, Rock-’n’-Roll-, Karriere- und Weltrettungsfantasien. Aber dann kriegt sie eben doch diesen Othello-Flash.

Das Wunder besteht darin, dass man bei Andrea Paluch sogar als Mann in einem Kapitel mehr und Wichtigeres über das eigene Leben lernt als in den Gesamtwerken anderer sogenannter Gegenwartsschriftsteller. Von einem Grünen-Parteitag ganz zu schweigen. Paluch sieht den modernen Mann in seiner ganzen Unzulänglichkeit. Aber sie verachtet ihn nicht, sondern mag ihn trotzdem. Auf Nachfrage sagt Paluch, sie habe Sorge gehabt, das Buch könne als Frauenbuch gelabelt werden. Dass sich nun Männer angesprochen fühlen? „Die Frauenprobleme sind bei den Männern angekommen.“

„Zwischen den Jahren“ wird diejenigen bewegen, die es betrifft. Und das sind im Grunde ganz schön viele. Denn seien oder werden wir ehrlich: Das wirklich Dramatische in unseren Leben ist nicht der Atomausstieg.