Der Castor-Transport ist in Dannenberg - Halbzeitpause in einem Spiel, das die Staatsgewalt gewinnen wird. Doch noch liegen die Atomkraftgegner in Führung. Ein Spielbericht.von Jörn Alexander & Martin Kaul

Wie gerne würden wir jetzt hören: "Aus! Aus! Das Spiel ist aus!" Bild: dapd
Das gibt es ja bekanntlich nur selten: Dass ein packendes Spiel schon nach der Halbzeitpause in die Verlängerung geht. Kurz nachdem der niedersächsische Rumpelverein Hannover 96 in der Fußballbundesliga am Wochenende mit 4:0 eine haushohe Schlappe gegen Borussia Dortmund einstecken musste, machen die Amateursportler aus dem Wendland es ihnen vor.
Die zweite Hälfte im Atom-Fight, so viel lässt sich sagen, wird nur mit einigen Stunden Verspätung beginnen können. Es ist Halbzeit im Wendland und mit der Halbzeit ist auch ein Seitenwechsel verbunden. Während der Atommüll derzeit von der Schiene auf die Strecke verladen wird und stundenlang stillsteht, lautet die Zwischenbilanz: 3:2 für die Atomkraftgegner.
Denn kampfstark hatten sich Atomkraftbewegte mit aktivem Pressing bereits in der Aufwärmphase in Frankreich und Süddeutschland immer wieder in den Strafraum bewegt und gingen dann am Samstag durch einen mächtig-friedlichen Gewaltauftritt in Dannenberg in Führung. Auf einem kaum kreisklassetauglichen Acker waren 50.000 Menschen zur größten Anti-Castor-Demonstration der deutschen Geschichte aufgelaufen. Keine Frage: 1:0.
Kurze Zeit später dann, Sonntagfrüh, drangen frisch eingewechselte Castorstürmer über die Seitenflügel der Schienenstrecken zum zweiten Treffer. Bis zu 4.000 Menschen, darunter rund 200 Autonome, hatte die Initiative Castor Schottern mobilisiert – und mit der bewährten Fünf-Finger-Taktik auch stolze Vorstöße in den Gleisbetten realisiert. Trotz hässlicher Fouls von Vermummten am Rande und einiger Platzverweise. An manchen Stellen drangen friedliche Schotterer vor, an einer Stelle buddelten sie auf einer Strecke von 150 Metern am Schotter rum. Zack, bumm, peng: 2:0.
Die Polizei drang aber auf Ausgleich, ging mit harten Abwehrkämpfen gegen die vorpreschende Bewegung vor. Sie setzte auf druckvolles Spiel, kämpfte mit aller Entschlossenheit in breiter Front. Schlagstöcke und Tränengas, Wasserwerfer, Pfefferspray machten die Gegner mürbe – das war der Anschluss in der Mitte der ersten Hälfte. Glasklar: 2:1.
Der weitere Verlauf war dann erneut klar dominiert von den Atomkraftgegnern. Besonders beachtlich: Als bis zu 5.000 Öko-Fans in einem Waldstück bei Harlingen auf die Schienen drangen – und dort entschlossen ausharrten. Parallel dazu sperrten Bauern die Zufahrtswege ab. Kein Durchkommen für die Polizei, keine Chancen im Spielverlauf. Und da stand es: 3:1.
Doch es kam die Quittung. Nach über zwölf Stunden auf den Gleisen setzte die Polizei zum Gegenschlag an. Mit einer entschlossenen Mann-zu-Mann-Deckung transportierte sie alle Sitzblockierer einzeln ab, sperrte sie dann in einem extra errichteten Wiesen-Knast ein. Nach 19 Stunden Sitzblockade war die Strecke wieder frei, die Castoren konnten routiniert passieren. Natürlich: 3:2, Anschlusstreffer.
Damit geht die Polizei stark ermüdet, aber auch mit einem stolzen Abgang in die Pause eines Schlagabtausches, den sie noch nie verloren hat. Zwar wärmen sich derzeit bei Temperaturen knapp über null Grad vor dem strahlenverwöhnten oberirdischen Zwischenlager in Gorleben rund 1.200 Menschen für die zweite Halbzeit auf. Dann soll der Transport auf der Straße ins Zwischenlager Gorleben gebracht werden.
Doch dass am Ende stets die Polizei gewinnt, ist eine gute Tradition beim größten Protestspiel des Jahres. Vor dem Anpfiff im Wendland ist die Stimmung gut, die Laune heiter. Dagegen hört man aus der Politik: Kaiser Franz Beckenbauer soll unglücklich sein. Beim FC Bayern, bemängelte der Ehrenpräsident des Fußballrekordmeisters nicht zu Unrecht, ist "keine Harmonie in der Mannschaft".
Die Wahrscheinlichkeit eines Atomunfalls ist 200-mal höher als bislang angenommen. Weltweit am meisten gefährdet ist der Südwesten Deutschlands. von Kai Schöneberg

In ihrem Videocast fordert Kanzlerin Merkel einen schnellen Ausbau der deutschen Stromnetze. Um den Windstrom von den Norden in den Süden zu schaffen, sind Tausende neue Netzkilometer nötig.

Der Live-Ticker zum Castortransport 2011 zum Nachlesen auf taz.de.
Zur Bilderstrecke "Castortransport 2011".
Am 30. Mai 2011 hat die schwarz-gelbe Koalition ihren Atomkurs radikal verändert. Bis dahin galt der Ausstieg aus dem rot-grünen Atomausstieg, die deutschen AKW sollten bis nach 2030 laufen - also im Schnitt zwölf Jahre länger als mit dem rot-grünen Atomkonsens.
Nun heißt es: Die acht ältesten deutschen AKW bleiben abgeschaltet, die restlichen laufen zum großen Teil bis 2021 oder 2022 weiter. Nach der Atomkatastrophe in Fukushima kippte die Stimmung auch unter den Unionswählern gegen die Atomkraft, die wichtige Wahl in Baden-Württemberg ging für Merkel verloren.
Deshalb nun die Umkehr. Im Eiltempo werden nun Atomgesetz und andere Energiegesetze umgeschrieben. Auch das Genehmigungsrecht für Stromleitungen soll vereinfacht werden. Das Eiltempo soll alle überrumpeln: die Energiekonzerne und ihre Abgeordnetenfreunde ebenso wie die Anti-Atom-Bewegung und die Regierungen der Bundesländer.
Wie die Anti-Atom-Bewegung reagiert; wie das Energiesparen bei Elektrogeräten, der Industrie und den Gebäuden berücksichtigt wird, was auf Mieter und Hausbesitzer zukommt; wie der Verbraucher sich für die Energiewende motiviert - die taz berichtet in diesem Schwerpunkt darüber.
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Leserkommentare
11.11.2010 16:54 | schotter
Ich kann da leider nicht so richtig drüber lachen. Vermutlich geht es dem Rest der rund 1000 von der Polizei verletzten Dem ...