Umsonst Wohnen fürs Putzen

In Münster startet ein landesweit einmaliges Projekt: Ältere bieten Wohnraum, die jungen MieterInnen helfen dafür im Alltag. Dem Land kommt der private Tausch ganz recht: Der drohende Pflegenotstand soll auf diese Weise begrenzt werden

In Münster lebt gerade die wohl älteste Wohngemeinschaft auf: SeniorInnen leben mit jungen Studierenden unter einem Dach. Das Projekt „Wohnen für Hilfe“ führt zwei Interessen zusammen: Ältere Menschen brauchen Hilfe und haben Wohnraum, junge Menschen suchen Zimmer und können helfen. Das nordrhein-westfälische Sozialministerium hat die Förderung des landesweit vorbildlichen Projektes „Wohnen für Hilfe“ der Stadt Münster nun übernommen. „Diese Wohngemeinschaften sind ein Beispiel für die Solidarität und gegenseitige Hilfe zwischen den Generationen“, sagte Ministerin Birgit Fischer (SPD) am Montag. Ihr Ministerium bezuschusst das Münsteraner Projekt für drei Jahre mit insgesamt 185.000 Euro.

Das Prinzip ist simpel: Alleinstehende vermieten ihr Zimmer und kassieren dafür keine Miete, sondern Hilfe: Pro Quadratmeter sind eine Stunde Hausarbeit im Monat fällig. Das kann Einkaufen, Putzen oder den Hund ausführen bedeuten. Oder auch einfach nur Gesellschaft. Viele ältere Menschen können mit der kleinen Unterstützung länger zu Hause wohnen bleiben. Gerade in Städten mit vielen Studierenden und knappem Wohnungsangebot bietet sich der Tausch an. Dort suchen die zukünftigen AkademikerInnen oft wochenlang nach einer bezahlbaren Bleibe, auf einen Platz in einem der günstige Studentenwohnheime beträgt die Wartezeit oft ein Jahr und länger.

Deshalb startet in Köln das zweite Projekt, dort wird es direkt von der Universität getragen. In der Domstadt sind die Mieten hoch und das Wohnproblem ist für Studierende groß: Auf die 85.000 Studierenden kommen nur 4.600 Plätze in den Wohnheimen. Die hohen Mieten auf dem freien Wohnmarkt sind für die Nebenjobber kaum zu bezahlen, der Quadratmeterpreis ist einer der höchsten im Land. Ihnen gegenüber steht die wachsende Zahl der SeniorInnen, die allein in ihren eigenen vier Wänden leben. Bis zum Jahresende wird das Sozialministerium darüber entscheiden, ob sie auch dieses Projekt finanziell unterstützen wird. Als Träger des Projektes konnte die Kölner Seniorenvertretung das Zentrum für Heilpädagogische Gerontologie der Universität Köln gewinnen.

Nordrhein-Westfalen ist eines der letzten Bundesländer, das diese ungewöhnlichen WG einführt. Die Idee für das Tauschgeschäft kommt ursprünglich aus London. Unter dem Begriff „Homeshare“ bildeten sich schon in den 80er Jahren viele WGs, gerade in London, wo die Mieten extrem hoch sind. Seitdem hat sich die Idee verselbständigt. Auch Behinderte und Alleinerziehende haben aus ihrer Not heraus neue Gemeinschaften geschlossen. Behinderte Menschen können so selbstständiger leben, Alleinerziehende werden in der Betreuung ihrer Kinder unterstützt.

In Deutschland war Darmstadt Vorreiter: Schon 1992 begann dort das „Wohnen für Hilfe“, die Partnerstadt München folgte, dann schlossen sich auch Berlin, Frankfurt und Freiburg an. In München haben sich beispielsweise seitdem insgesamt 160 Wohnpartnerschaften entwickelt, ein Sozialarbeiter vermittelt die Kontakte. Jeder zweite Wohnungsanbieter war über 80 Jahre alt, die meisten von ihnen alleinstehend.

Außer den SeniorInnen und Studierenden gibt es auch noch einen dritten Profiteur: Das Land hofft, den drohenden Pflegenotstand abwenden zu können. „Das Projekt ist ein Beispiel, wie unser Sozialstaat zukunftsfest gemacht werden kann.“, sagt Fischer. Sie hat allen Grund zu hoffen: Eine vom Düsseldorfer Landtag eingesetzte Enquêtekommission zur Pflege vom März diesen Jahres kam zu alarmierenden Ergebnissen: Die Versorgung von alten und kranken Menschen wird in NRW bald nicht mehr von der Familie getragen. Vor allem auf dem Land breche in wenigen Jahren der Pflegenotstand aus, hieß es in dem Abschlussbericht der Kommission, in der CDU, SPD, Grüne und FDP vertreten sind.

Als „eher ernüchternd“ bezeichnete die Kommission die Bestandsaufnahme bei den Pflegeheimen. Diese Formulierung ist allerdings noch sehr zurückhaltend: Die Untersuchung ergab, dass die alltägliche Versorgung der Pflegebedürftigen oft auf das Notwendigste beschränkt wird. In vielen Heimen gibt es keine ausreichende Personalausstattung. Viele Stationen müssten umgebaut werden, um die Lebensqualität der dort Gepflegten zu verbessern.

Am liebsten aber, so der Tenor aller Parteien, sollten die Alten zu Hause bleiben: Wohnungen und Wohnumfeld müssten so angepasst werden, dass ältere Menschen auch bei gesundheitlichen Einschränkungen möglichst lange zu Hause leben könnten. Ein Wunsch, der mit „Wohnen für Hilfe“ in Erfüllung gehen könnte.