der krieg ist aus: orte im Wandel (2)

Wie in ein Nazi-Bordell das echte Leben einzog

Im „Salon Kitty“ testeten die Nazis Parteifunktionäre auf ihre Gesinnung. In den 90ern war der Ex-Puff ein Flüchtlingsheim

Vor 60 Jahren begann in Berlin der Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg. Die taz stellt Orte vor, die während der Nazi-Diktatur eine besondere Bedeutung hatten, und sagt, was aus ihnen geworden ist.

Sex, Nazis und Spionage sind eine explosive Mischung und bieten viel Stoff für die Fantasie. Die Legende um den „Salon Kitty“ stirbt daher nie: Einen Kinofilm, mehrere Bücher und hunderttausende Treffer bei Google liefert das Schlagwort mehr als 60 Jahre später. Die heißeste Spur zu Kitty stammt aus Australien: Von dort lockt ein gleichnamiger Sexclub Erotikfans mit einer Liebe zu Lack, Leder und S & M. Mit dem originalen „Salon Kitty“ unweit des Kurfürstendamms in Berlin hat das herzlich wenig zu tun. Ganz so enthemmt ging es da wohl auch nicht zu. Schließlich dienten die deutschen Mädels im Edelbordell der Nazis vor allem der „Sache“ – und die hieß „Volk und Vaterland“.

Berlin 1939: In den Polizeidirektionen der Stadt rattern die Telegrafen. „Geheime Reichssache“, lautet die Überschrift des Rundschreibens, das von ganz oben kommt. Gestapo-Chef Reinhard Heydrich und sein Mitarbeiter Walter Schellenberg erbitten dringend Amtshilfe: „Gesucht werden Frauen und Mädchen, die intelligent, mehrsprachig, nationalistisch gesinnt und ferner mannstoll sind.“

Schließlich werden 20 hübsche Nationalsozialistinnen von einem Stab aus Psychologen, Dolmetschern und Ärzten ausgewählt. Ihre Mission in den Schlafzimmern lautet, hohe Parteifunktionäre und ausländische Diplomaten auf ihre Gesinnung hin auszuhorchen. Die horizontale Lage, davon ist Heydrich überzeugt, ist wegen der ihm wohl bekannten Entspannung dafür besonders geeignet. Auch ein Ort für ihren Arbeitseinsatz ist schon bestimmt: Im noblen Bordell von Madame Kitty Schmidt in der Giesebrechtstraße 11 haben SS-Leute bereits Mikrofone installiert. Die Aufzeichnungsgeräte im Keller notieren auch jedes noch so belanglose Liebesgeflüster für die Ewigkeit.

Der Nachrichtenwert ist in fast allen Fällen gering (der bayerische SS-Führer Sepp Dietrich etwa würgte die Gesprächsversuche besonders gekonnt ab: „Also, auf geht’s, Mädel. I bin do net zum Redn herkomma“) – doch das tut der Begeisterung der Nazi-Größen für die „Geheime Reichssache Salon Kitty“ keinen Abbruch. Neben Reichsaußenminister Ribbentrop benutzt vor allem der Erfinder Heydrich sehr häufig den Aufzug in den dritten Stock.

Berlin 2005: Der uralte Aufzug ist frisch lackiert, denn im herrschaftlichen Wohnhaus in der Giesebrechtstraße 11 legt man Wert auf Stil. Hier residiert eine typisch Westberliner Klientel, die laut Klingelschild aus Rechtsanwälten, Steuerberatern und Psychologen besteht. Die 340 Quadratmeter große Wohnung im dritten Stock ist seit 1972 von der Familie Christian bewohnt. Alle paar Jahre klingeln geschichtsinteressierte Menschen an ihrer Tür und suchen Spuren vom Salon Kitty. Rita Christian, eine attraktive blonde Frau mittleren Alters, zeigt ihre elegante Wohnung gern. Die weißen Teppiche, seidenbespannten Stühle und die pastellfarbene Sofalandschaft wecken da wohl so manche Assoziationen: „Sagen Se mal, is dat immer noch ’n Puff?“, habe der letzte Besucher sie nach der Besichtigungstour gefragt.

Noch lange nach dem Krieg existierte Kittys Etablissement fort – nicht im dritten Stock, sondern getarnt als „Pension“ im Erdgeschoss. Hans Kloss, der seit 1955 unten im Haus eine Werkstatt betreibt, erinnert sich gern an die „Taxen voll mit Mädels“, die während seiner Zigarettenpause vorfuhren. Wie bei den Nazis auch wurden die Frauen per Album ausgewählt und herbeitelefoniert. Bis zu ihrem Tod habe die alte Kitty die ganze Sache aber geleugnet. Da lief der Betrieb, den schließlich ihre Tochter und deren Sohn übernahmen, aber schon lange nicht mehr gut. Aus Geldmangel verwandelte der Enkelsohn die Pension Anfang der 90er-Jahre in ein Asylbewerberheim. Doch die Hausbewohner rebellierten gegen die vielen Schwarzafrikaner – letztlich erfolgreich. Heute beschäftigt man sich im Erdgeschoss wieder mit den „schönen Dingen im Leben“ – und verkauft exklusive Designerlampen, Stoffe und Luxusmöbel. TINA HÜTTL