Kolumne von MATTHIAS LOHRE
Es ist kein gutes Zeichen, wenn einen der Gedanke anfällt: So wie ich müssen sich Hunde fühlen. Sie und ich laufen wie blöde, hecheln unästhetisch, und dabei denken wir nicht viel mehr als: Ah, ein Hintern vor mir. Noch ein Hintern vor mir. Überall wackelnde Hintern! Kurzum: So ein Marathonlauf bringt merkwürdige Seiten eines Mannes an den Tag.
Am vergangenen Sonntag lief ich wieder 42,195 Kilometer, diesmal in New York. Die Sonne schien, und die Wolkenkratzer standen Spalier. Statt mich darüber zu freuen, fragte ich mich wie jedes Jahr: Warum mache ich diesen Quatsch? Marathonlaufen ist so unsinnig wie das in Schottland gepflegte Frittieren von Schokoriegeln oder "Tanz der Vampire - Das Grusical".
Jetzt habe ich eine Antwort.

Matthias Lohre ist Parlamentsredakteur der taz. Foto: taz
Sie hat mit Bruce Willis zu tun.
Die "Stirb langsam"-Filme mit Willis in der Hauptrolle waren auch deshalb so erfolgreich, weil sie ein bestimmtes Männlichkeitsbild transportieren. Der Held nimmt eine schier aussichtslose Aufgabe an. Ohne Rücksicht auf die eigene Unversehrtheit meistert er sie. Am Ende sieht er ziemlich mitgenommen aus.
Aber er hat obsiegt.
Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.
Männlichkeit, heißt das nach diesem Verständnis, ist nichts biologisch Gegebenes wie die weibliche Fähigkeit, Kinder zu gebären. Sie muss errungen werden - und kann deshalb auch verloren gehen.
Das ist ziemlich stressig. Der Marathonlauf ist demnach eine domestizierte Heldenkür. Je schneller der Lauf, desto größer die Tat.
Schmerzende Beine und blutende Füße sind die dazu passenden Accessoires. Wenn das bloß die Läufer um mich herum verstanden hätten. Stattdessen prangten auf etlichen Trikots Hinweise, wem die Männer ihren Lauf "widmeten". Einer lief angeblich, um "Malaria bis 2015 zu stoppen". Vermutlich rennt er immer noch.
Ein älterer Herr wies schriftlich darauf hin, er sei "Kellys Dad", ein jüngerer lief "für Mom".
Ein Mann wollte angesehen werden als "Pervert 69".
Er lief allein.
Am besten gefiel mir noch ein Brite, der sich als "Captain Nasty" outete.
An seiner Seite lief seine "Nasty Wife".
Diese Neigung, die eigene "Heldentat" eines Marathonlaufs zu ironisieren, offenbart sein Zwitterwesen: Denn einerseits gilt Ausdauersport ja als gesund. Auf seine Gesundheit zu achten, ist jedoch, dem hergebrachten Männlichkeitsideal nach, uncool.
Andererseits ist so ein Marathonlauf ungesund, eine Ausnahmebelastung für Gelenke, Herz und Knochen. Also cool nach "Stirb langsam"-Verständnis. Russische Männer pflegen die Tradition maskuliner Selbstverstümmelung besonders erfolgreich, weshalb sie konsequenterweise im Durchschnitt siebzehn Jahre früher als ihre deutschen Geschlechtsgenossen sterben.
Ich zog es daher vor, ohne T-Shirt-Aufschrift, hechelnd und wackelnde Hintern begaffend, mein Rennen zu bestreiten. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.
Deshalb freute ich mich nicht sonderlich, als ich ein Schild am Straßenrand sah, auf dem stand: „If Sarah Palin can do it, so can You“. Umso zufriedener war ich, als ich eine mürrisch blickende Frau erblickte, die ein Plakat hoch hielt, auf dem zu lesen war: „You're all crazy.“
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Leserkommentare
21.11.2010 15:28 | bobinbrooks
you're all crazy sagt unübertroffen alles und selbst konstruiert ist Männlichkeit irgendwie smelly *_* ...
18.11.2010 09:48 | Thomas
Ich frage mich allen Ernstes, was mir der Autor mit seinen Worten sagen will. ...
17.11.2010 19:17 | Georg
Nette kleine Kolumne. Dennoch sei angemerkt, die Realität lehrt oft, wer Männlichkeit thematisieren muss, hat oft nicht all ...