Schaummäuse von gegenüber

VERGÄNGLICHKEIT Die Künstlerin Stephanie Senge reflektiert in Wolfsburg unsere Wohlstandskultur, indem sie ein Mandala aus lokalen Produkten entwirft. Auf der Finissage sollen diese versteigert werden

Seit Ende 2011 betreibt der Wolfsburger Kunstverein eine kleine Dépendance im Alvar Aalto Kulturhaus in der Fußgängerzone. Da dem benachbarten Kunstmuseum ohnehin nicht die Stirn zu bieten wäre, wählte der Kunstverein ein Konzept, das bewusst mit dem Konsumfaktor der Kunst spielt – schon der Name „City Gallery“ zielt auf die obligate City-(Einkaufs-)Galerie, die auch in Wolfsburg nicht fehlt, und die kleinen Präsentationen in dem ehemaligen Blumenladen zitieren kommerzielle Genres.

Die erste Ausstellung im laufenden Jahr, „Alvar Blume“, holt mit der Münchnerin Stephanie Senge eine Künstlerin, die sich seit langem der Reflektion unserer Wohlstandskultur widmet. „In der Kunst ist Nachhaltigkeit ja kein Thema“, sagt Senge. Gern würden aufwendige Installationen gebaut und hinterher weggeworfen, bösester Konsumfrevel eigentlich.

Diese Wertschätzung, auch des Billigen, sagt Senge, sei die Voraussetzung für einen starken Konsumenten

Stephanie Senge, aus einer norddeutschen Künstler- und Architektenfamilie stammend, in Wolfsburg getauft und immer wieder von der schönen Hässlichkeit dieser Stadt angezogen, hat für die Ausstellung nun ein Mandala aus lokalen Produkten geschaffen. Wolfsburger Fair-Kaffee in dekorativ violetter Verpackung, drei Gläser Honig eines ortsansässigen Imkers, eine Flasche Apfelsaft der örtlichen „Arbeitsgemeinschaft Streuobst“ und weiße Schaummäuse aus dem Süßwarengeschäft gegenüber sind zu einer attraktiven „Wolfsburger Blüte“ in Form eines Mandalas arrangiert.

Mandalas, diese aus dem indisch-tibetischen Buddhismus stammenden Meditationsobjekte oder religiösen Symbole, sollen die Psyche ansprechen, zielen auf das Unbewusste. Aber was ist nun hier gemeint? Die Schönheit einer Blüte, ihre Vergänglichkeit, in diesem Fall durch das Verfallsdatum der Produkte diktiert? Oder die Verpackung und ihre Funktion in unserer Warenwelt, die oft wichtiger, mitunter wertvoller ist als der Inhalt selbst?

Das enträtselt Stephanie Senge natürlich nicht. Aber man kennt die Strategie ihrer Ikebana-Arbeiten aus japanischen 100-Yen-Billigprodukten, in denen formal exquisite, traditionelle Kompositionen der Veredelung aktueller Wegwerfartikel wie Klobürsten oder Blechschäufelchen dienen. Diese Wertschätzung, auch des Billigen, sagt Senge, sei die Voraussetzung für einen starken Konsumenten, der auch tatsächlich wählen könnte – jeden Tag beim Einkaufen, und nicht nur wie in unserer demokratischen Zivilisation hin und wieder, zudem häufig ratlos.

Zu Senges Blüte gesellt sich in Wolfsburg eine kleine, schaurig-schöne Installation in der Fassaden-Nische des ehemaligen Blumenautomaten: Elisabeth Stumpf aus Braunschweig hat in einer klaustrophoben Holzkabine Blütenblätter regnen lassen, pure Romantik und Todesmetapher in eins. Als Dritte im Bunde zeigt Britta Meyer, Kunsthochschulstudentin aus Braunschweig, ein Elf-Minuten-Video. Eine Schere traktiert einen konventionellen Tulpenstrauß, so dass ein neues, hoch ästhetisches Gebilde entsteht.

Um wie ist das nun mit der Vergänglichkeit? Die Bestandteile von Stephanie Senges kunstvollem Mandala jedenfalls werden auf der Finissage versteigert. Womit zumindest symbolisch das buddhistische Ideal einer Entsagung der materiellen Welt eingelöst wäre.