„Inklusion wurde praktiziert“

Aktion Die Stadtmusikanten werben für eine Ausstellung über Behinderung im Mittelalter

taz: Frau Nolte, wie unterscheidet sich der heutige Umgang mit Behinderung mit dem in der Vormoderne?

Cordula Nolte: Zunächst einmal ist „Behinderung“ eine Kategorie, die vermutlich erst in der Moderne entstanden ist. Und die Formen der Ausgrenzung, wie wir sie heute kennen, gab es auch nicht. Menschen, die anders waren, hat man versucht, im sozialen Verbund zu lassen. Das, was wir heute als Inklusion bezeichnen, wurde also praktiziert.

Ausgrenzung gab es gar nicht?

Doch, aber nicht so, wie wir es uns vorstellen. Wir haben das Klischee von den Wahnsinnigen, die in Torenkisten gesperrt wurden, untersucht und herausgefunden, dass das die Ultima Ratio war, wenn die Betroffenen eine Gefahr darstellten.

Und warum wurden Behinderte weniger ausgegrenzt?

Das erforschen wir noch. Ich vermute, dass es zum einen an der religiösen Grundgesinnung lag. Häusliche Pflege wurde anders als heute nicht als Belastung betrachtet, sondern war aus religiösen Gründen geboten – und gut für das eigene Seelenheil. Zum anderen bildeten Familien, Haushalte, Nachbarschaften intakte Netze, in denen für die Mitglieder so gut wie möglich gesorgt wurde.

Hat man unterschieden zwischen körperlicher und geistiger Behinderung?

Nein, da man von einer Einheit von Körper, Seele und Geist ausging. Eine Krankheit konnte sich auf allen Ebenen manifestieren.

Wurden einzelne Behinderungen benannt?

Nur in der Schilderung des Einzelfalls. Da wurden Menschen als „lahm“ oder „blind“ oder als „Krüppel“ beschrieben. Oder einfach als „schwach“, lateinisch „debilis“. Daher auch der Name unserer interdisziplinären Forschungsgruppe an der Universität: „Homo debilis“. INTERVIEW: EIB

Aktion bei den Stadtmusikanten: 16 Uhr; Ausstellung ab 1. 3. im Haus der Wissenschaft