Miteinander reden statt motzen

ENGAGEMENT In Neukölln geht eine „Bürgerplattform“ an den Start. Bei „Wir in Neukölln“ sollen Moscheevereine, Kirchengemeinden, Schulen und Kulturverbände gemeinsam Lösungen für die Probleme ihres Kiezes suchen

VON ANJA RILLCKE

Rote Holzstühle, akkurat aneinandergereiht, stehen im hell erleuchteten Saal der katholischen Gemeinde St. Clara in Neukölln. An den Stuhllehnen kleben Schilder: Palotti Mobil, Förderverein der Peter-Petersen-Grundschule, muslimische Gemeinde Al-Irschad. Sie weisen den Ankommenden den Weg – denn mehr als 30 Gruppen sind Mitglied der Neuköllner Bürgerplattform WIN (Wir in Neukölln).

Stadtteilzentren sind darunter, Migrantenorganisationen, Schulfördervereine oder Kirchengemeinden, die sich im Januar zusammengeschlossen haben, um die Probleme des Bezirks tatkräftig anzupacken. Vorbild sind die Bürgerplattformen in den Stadtteilen Schöneweide und Moabit. Heute nun geht es nach zweijähriger Vorbereitungszeit an die Arbeit: „Jeder soll sagen, was ihm unter den Nägeln brennt“, erklärt Monika Götz das Ziel des ersten Themenabends.

Götz ist Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Community Organizing (DICO), das die Arbeit der Bürgerplattform koordiniert. Finanziert wird die Arbeit von WIN durch Spendengelder und Mitgliedsbeiträge der einzelnen Gruppen. „Damit nicht alle im gleichen Saft schmoren“, teilt Götz die Anwesenden in acht gemischte Gruppen ein. In den kleinen Gesprächskreisen schildert jeder seine drängendsten Sorgen und Ärgernisse: Immer wieder geht es um Schulprobleme, Arbeitslosigkeit und steigende Mieten. „Allerdings wollen wir hier nicht nur meckern“, betont Monika Götz. Und so suchen Moderatoren gemeinsam mit den Betroffenen nach ersten Lösungsansätzen. Die Vorschläge reichen von Hausaufgabenhilfe, offenen Werkstätten als alternativer Lernort für Jugendliche bis hin zu Regiowährungen, um die lokale Wirtschaft zu stärken.

„Wir wollen hier nicht nur meckern“

MONIKA GÖTZ, KOORDINATORIN DER BÜRGERPLATTFORM WIN
Von passiv zu aktiv

„Passive Beobachter werden zu aktiven Gestaltern“, beschreibt Gunther Jancke die Idee hinter der Bürgerplattform. „Das geht nur, wenn sich die Leute beteiligt fühlen.“ Götz’ Kollege hat an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Karlshorst studiert und dort bei dem US-amerikanischen Theologen Leo Penta das aus den USA stammende Konzept des „Community Organizing“ kennengelernt. Spätestens bei einem Praktikum in London erkannte Jancke das große Potenzial selbst organisierter Bürger: Dort taten sich schon im Jahr 2002 Jugendliche und Senioren, Christen und Muslime, aber auch Gewerkschaften zur Bürgerplattform „London Citizens“ zusammen. Heute umfasst das Bündnis 250 Gruppen.

Auch innerhalb von WIN kommen Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammen. „Christen steht es gut zu Gesicht, über den Tellerrand zu schauen“, sagt Elisabeth Wackers von der St.-Clara-Gemeinde. „Wir sind nicht so weit auseinander.“

Deshalb weist Wackers auch die in der Presse laut gewordene Kritik, Hand in Hand mit Islamisten zu arbeiten, entschieden zurück. Konkret geht es bei dem Vorwurf darum, dass sich auch umstrittene Gruppen wie die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) an der Bürgerplattform beteiligen. Der Verfassungsschutz räumt zwar ein, dass Milli Görüs in Deutschland mit seinen 30.000 Mitgliedern „kein homogener Verband“ sei, bezeichnet die Organisation aber dennoch als „islamistisch“. Außerdem orientiere sich die bundesweite Bewegung an einem Islamverständnis, das „in teilweise deutlichem Widerspruch zu ihrer nach außen bekundeten Integrationsbereitschaft steht“.

Von Parallelwelten will Ercan Yilmaz von Berlins IGMG-Gemeinde nichts wissen. „Wir sind Teil dieser Gesellschaft“, sagt er. „Darum kennen wir die Probleme in Neukölln und fühlen uns verpflichtet, unseren Beitrag zu leisten.“ Yilmaz hofft, dass die Plattform langfristig dabei helfe, das Zusammenleben zwischen den Religionen zu verbessern.

Wenn „Wir in Neukölln“ Ende März alle Themen gesammelt hat, stellt ein Planungsteam den einzelnen Gruppenvertretern eine To-do-Liste vor. Die Mitglieder jeder einzelnen Institution bestimmen ihre wichtigsten Anliegen und entscheiden, wer bei welchem Thema mitarbeitet. Danach trifft sich die gesamte Bürgerplattform und wählt ihre erste Aufgabe.

Ausdauer liegt Gunther Jancke am Herzen. „Im Gegensatz zur klassischen Bürgerinitiative wollen wir uns nicht nach drei Jahren auflösen, sobald ein Einzelproblem gelöst ist“, sagt er. Letztlich ginge es darum, zu lernen, „wie das politische Geschäft in Berlin läuft und wer mit wem kann.“ ANJA RILLCKE

■ Barrierefreie Bahnhöfe, saubere Gehwege oder Hilfe bei Behördengängen: Wer sich an der Arbeit der Bürgerplattform beteiligen will, kann auf einem der nächsten Themenabende selbst konkrete Vorschläge machen, wie das Leben in Neukölln verbessert werden könnte. „Wir in Neukölln“ trifft sich dazu am 1. März um 19.30 Uhr in den Räumen der Neuköllner Begegnungsstätte in der Flughafenstraße oder am 13. März um 19 Uhr beim Landesverband der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs am Kottbusser Damm.

■ Am 19. April stellt die Bürgerplattform die gesammelten Themen vor, um konsensfähige Schwerpunkte zu bestimmen.