Angenehm verstümmelt

PORNO Schicke Fake-Dokubilder: „Cherry“ von Stephen Elliott (Panorama)

Cherry ist der Künstlername von Angelina. Sie trägt ihn, wenn sie für Fetischfotos oder Pornofilme arbeitet. Bei den Namen könnte das genauso gut umgekehrt sein. „Cherry“ ist ein Film voller Klischees, in denen die Klischees nicht ausgereizt werden. Das hat den Charme einer Implosion.

Cherry ist die blonde Tochter einer dysfunktionalen White-Trash-Familie. Ihre Mutter – Lili Taylor – säuft und kotzt, der Vater kommt drohend und krachend nach Hause und bollert gegen die Türen. Aber der Mann macht keine Anstalten, irgendjemand zu verprügeln. Später kommt die Suffmutter nach San Francisco, wo Cherry einen kleinen sozialen Aufstieg hinter sich hat. Es wird auffallend roter Wein gereicht – jetzt macht sie gleich eine Szene und verdirbt alles, denkt man. Aber auch das bleibt aus. Cherry lernt einen unrasierten Mann kennen: reich, verzogen, verkokst und gescheiterter Maler. Er wird sie unglücklich machen, denkt man, wenn sie so naiv von seinem Appartment schwärmt. Macht er aber nicht, trollt sich einfach.

Dann gibt es die lesbische Pornoregisseurin, die mit ihrer arrivierten Freundin in einem noch luxuriöseren Apartment lebt. Sie kann die blonde Angelina so sensibel inszenieren. Sie wird sie unglücklich machen, denkt man. Oder glücklich machen. Aber auf irgendein Machen läuft es auch hier nicht hinaus. Die Tatsachen sind immer schon vollendet: Die beiden ziehen zusammen (die ursprüngliche Partnerin der Regisseurin war auch zu spießig). Am Ende ist Cherry selber Pornoregisseurin und sagt zu den jungen, schüchternen Frauen vom Lande, die aus Amerikas riesigem White-Trash-Reservoir nach San Francisco gespült werden, dieselben sensiblen Sätze, die ihr vorher gesagt worden sind. Die Pornobranche ist ja eine sehr nette, kameradschaftliche Kultur, in der fast ausschließlich Frauen tätig sind.

„Cherry“ ist kein intelligenter Film, der irgendwas über Klischees und Standardplots mitteilen will. Er wirkt eher so, als ob seinen Investoren das Geld für die tragischen und gewalttätigen Verwicklungen vor deren Fertigstellung ausgegangen wäre und es nur für die Einführung der suspekten Charaktere gereicht hätte. Die Produzenten werden sich vermutlich gedacht haben: Wir können doch die schicken Fake-Dokubilder von den Pornodreharbeiten nicht wegwerfen – was allein der Kostümverleih gekostet hat!

Ein angenehm verstümmelter Film, der sich nicht an Prozesse verschwendet, sondern das Zwischenergebnis liebt.