„Der Einfluss der Sonne aufs Klima ist nicht belegt“

KRITIK Der Meteorologe Jochem Marotzke wirft den Autoren von „Die kalte Sonne“ vor, viel gelesen, aber wenig verstanden zu haben

taz: Herr Marotzke, der Klimawandel fällt aus. Ist das eine gute Nachricht?

Jochem Marotzke: Sicher, aber sie ist falsch.

Die Autoren des Buchs behaupten, der Weltklimarat hätte in seinem Bericht 2007 den Einfluss der Sonne auf das Klima systematisch unterschätzt. Was ist da dran?

Nichts. Der Bericht hat sehr sorgfältig den Stand des Wissens herausgearbeitet und diskutiert ausführlich die in der Forschung umstrittenen Punkte. Das Ergebnis ist trotzdem: Der große Teil der beobachteten Erderwärmung ist sehr wahrscheinlich vom Menschen gemacht.

Neue Forschungen sollen jetzt aber zeigen: Es ist die Sonne.

Wie stark die Sonne mit ihrem Energieausstoß schwankt, wird seit zirka 30 Jahren präzise vermessen. Die Ergebnisse stehen im IPCC-Bericht. Was Vahrenholt behauptet, ist, dass die Sonne beispielsweise Kondensationskeime in der Atmosphäre bildet und die Wolkenbedeckung verändert, was einen großen Einfluss aufs Klima haben könnte. Er zitiert dazu Arbeiten des dänischen Physikers Henrik Svensmark. Die aber werden von vielen anderen Wissenschaftlern bestritten. Es ist noch niemandem gelungen, diese Analysen zu bestätigen. Der Einfluss der Sonne aufs Klima ist nicht belegt.

Die Hypothese eines Forschers wird als Tatsache dargestellt?

Ja. Unabhängig davon haben wir die Klimawirkung von CO2 sehr gut verstanden. Daran ändert sich überhaupt nichts, selbst wenn es einen Einfluss kosmischer Strahlung geben sollte.

Der IPCC sagt, CO 2 erwärme das Klima nur deshalb massiv, weil Wasserdampf die Wirkung verstärkt. Dabei übertreibe der Klimarat maßlos, so das Buch.

Das bezieht sich auf vereinzelte Arbeiten, die von Richard Lindzen vom Massachusetts Institute of Technology etwa. Auch die sind sehr umstritten und stehen im Widerspruch zu unseren Beobachtungen. Eine tatsächliche Unsicherheit ist der Einfluss von Wolken auf das Klima. Wolken kühlen nicht, sie verstärken den Klimawandel. Wir wissen nur nicht, wie sehr.

Gibt es Forschungen, die darauf hindeuten, dass die Klimawarnungen zu alarmistisch sind?

Nein. Es gibt immer noch eine gewisse Unsicherheit darüber, wie das Klimasystem auf CO2 reagiert. Deshalb gibt der IPCC ja auch eine mögliche Bandbreite an. Es gibt aber keinen Beleg für die Behauptung, die Reaktionen seien deutlich geringer. Das Buch verdreht, wie Prognosen des IPCC gemacht werden. Ich glaube, das haben die Autoren nicht verstanden. Wenn man das als Wissenschaftler liest, denkt man oft: nein, leider falsch. Es passiert schlicht nicht das, was dort beschrieben ist.

Die globalen Durchschnittstemperaturen steigen seit einem Jahrzehnt nicht an. Das könne der IPCC nur mit statistischen Taschenspieltertricks erklären, behaupten die Autoren.

Auch hier liegen sie falsch. Veröffentlichungen von 2009 und 2011 zeigen, dass unsere Modelle gleich bleibende Temperaturen wie die der letzten zehn Jahren darstellen können. Auch in einer sich erwärmenden Welt kann die Temperaturerhöhung mal Pause machen. Das wissen wir, aber wir können nicht voraussagen, wann das stattfindet.

Das heißt, in den nächsten Jahren kann es kälter werden?

In einzelnen Jahren, richtig. Wir entwickeln derzeit Simulationen, die darüber genauere Aussagen treffen können. Die sind im IPCC-Bericht noch nicht eingeflossen. Momentan jedenfalls heben natürliche Klimaschwankungen die durch das CO2 induzierte Erderwärmung gerade mal auf. Langfristig zweifelt praktisch niemand, der ernsthaft Klimaforschung betreibt, daran, dass es deutlich wärmer wird.

Was ist Ihr Fazit von dem Buch?

Viel gelesen, wenig verstanden.

INTERVIEW: INGO ARZT