Musikgenie Francesco Tristano

Der Sozius des Kapitalismus

Der Luxemburger Francesco Tristano ist klassischer Pianist und Techno-Fan. Aus dieser Liason geht musikalisch Großes hervor und gibt Ausdruck von einer unbändigen Liebe zum Sound.von NADJA GEER

Ein Flügel kann keinen Techno? Ein Laptop ist kein Musikinstrument? Francesco Tristano weiß es besser.  Bild:  dpa

Idiosynkrasie, schrieb Jürgen Habermas in seiner "Theorie des kommunikativen Handelns", ist privatistisch und irrational. Letzterem zumindest scheint der Pianist Francesco Tristano zuzustimmen, wenn er über sein neues Album "Idiosynkrasia" sagt, dass es nichts mit Logik zu tun habe. "C'est magique" fasst der Luxemburger seine Arbeit mit Piano, Laptop und dem Detroiter Techno-Pionier Carl Craig zusammen.

Und wirklich scheint die Musikalität seines Albums über der kleingeistigen Differenzierung in Klassik, Jazz, House oder Elektrofunk zu schweben. Stilsicherheit und Subtilität lassen darauf schließen, dass sich hier zwei Profis zusammengetan haben, und das ist auch der Fall: ein Wunderknabe am Piano und ein Technogroßmeister, beide mit einem Hang zur Überempfindlichkeit in ästhetischen Angelegenheiten.

Andererseits resultiert der Charme dieser Schöpfung daraus, dass der 1981 geborene Luxemburger Francesco Tristano Schlimé sich schon früh für einen Musikstil begeistern konnte, der gemeinhin vollkommen außerhalb des Interessenbereichs eines klassischen Pianisten liegt. Tristano ist Techno-Fan. Mehr noch: Er ist bereit, für die Akzeptanz der von ihm geschätzten Popmusik im Olymp der Klassik zu kämpfen.

Das Klavier als Synthesizer

Das hat er bereits vor fünf Jahren bewiesen, als er den Houseklassiker"Strings of Life" von Derrick May kühn als Finale in seine klassischen Konzerte aufnahm. Mit dieser Erweiterung des Kanons durch eine "klassische" Housenummer greift Tristano den Gestus der Avantgarde der Moderne auf und deren Nobilitierung des Jazz - will sagen: er weitet den Kanon aus. Ist Carl Craig also der Charles Mingus des 21. Jahrhunderts? Tristano ist davon überzeugt, sonst hätte er sich nicht mit seinem Piano nach Detroit begeben, um sich dort in den Studioräumen von "Planet E", Craigs Label, auf die Suche zu begeben nach dem, was er die "Auflösung von Akustik und Elektronik" nennt.

Praktisch heißt das: Er hat Craig gebeten, sein Piano in eine Art Supersynthesizer zu verwandeln. Durch Craigs Bearbeitung wird die Neigung des jungen Pianisten zu Wandlungen aller Art wohltuend konterkariert durch Stücke wie "Western Markets". Sie signalisieren nicht nur durch ihre Titel Bodenhaftung, sondern auch durch ihren starken Siebziger-Jahre-Anklang, den man fast als cheesy bezeichnen könnte: Herbie Hancock trifft auf Jean-Michel Jarre. Allein die experimentellen Einsprengsel schützen dieses Album davor, allzu abgehoben und maniriert zu klingen.

Noch einmal: Auf "Idiosynkrasia" geht es nicht mehr darum, Genregrenzen zu überschreiten. Es geht darum, sie zu transzendieren. Die Essenz der Musik ist die Liebe zum Sound.

Diese Liebe zum Sound war es wohl auch, die Tristano im Jahr 2009 mit seinen jungen Kollegen Rami Khalifé und Aymeric Westrich als "Aufgang" in den Berliner Technotempel Berghain verschlagen hat. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn der Auftritt dieser polyglotten Supergroup fiel zusammen mit einem neuen Hype: Klassik trifft Club. Hier wird die Sache aber problematisch. Denn auch wenn man von der Produktionsästhetik her nichts gegen diesen neuen Zwitter einwenden kann, so muss man es, wenn es um die Rezeptionsästhetik geht.

Von der Popkritik gefeiert

Heute Berghain, morgen Philharmonie, übermorgen Landpartie? So einfach wie bei der mobilen Anpassung des Achtziger-Jahre-Pop geht es heute nicht mehr. Auch wenn sich die Klassik in den Club wie ein Phage frisst. Und die Popkritik das auch noch feiert.

Doch ein mit subventionierter Philharmonie und finanziell gut bestelltem "Underground" jonglierender Tristano ist nur der Beweis, dass er Ideen wie "antikapitalistisch" oder "subversiv" überhaupt nicht kennt - oder nicht kennen will. Während er also den ästhetischen Bereich zu revolutionieren versucht, ist ihm alles außerhalb dieses Bereiches vollkommen schnuppe.

Und genau das ist, wie Nicholas Kenyon in seinem Buch "Music. Healing the Rift" beschreibt, die Agenda klassischer Musik generell: Es geht darum, dass Exotische zu "naturalisieren" und das Randständige "einzugemeinden". Aber mit diesem Gestus zerstört die Klassik "das Andere" - in diesem Fall den "Club" als Freiraum - und zeigt ihr wahres Gesicht als kulturimperialistisches Instrument des Bürgertums und Sozius des Kapitalismus. Idiosynkrasie, in diesem Fall hatte Habermas recht, ist die Exekutive einer auf den privaten Raum ausgerichteten bürgerlichen Distinktionsmaschinerie, die gemeinhin auf den Namen "guter" Geschmack hört. Techno war zu Recht eine Zeit lang stolz darauf, diesen nicht zu besitzen.

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