Entfesselungskunst

Zu Besuch im Labor der neuen Antipsychiatrie

VON GABRIELE GOETTLE

Olivia P. (Pseudonym), Dipl. Pädagogin, Mitarbeiterin i. „Weglaufhaus“ Berlin (Haus zum Schutz vor psychiatrischen Maßnahmen). 1968 Einschulung i. Berlin, 1974 Übergang z. Gymnasium, ab 1977 Schulfarm Scharfenberg, 1981 Abitur, 1982 Studium d. Erziehungswissenschaften a. d. TU-Berlin m. d. Schwerpunkt Sozialpädagogik (Studienschwerpunkt Frauenforschung bei Frau Prof. Thürmer-Rohr), 1987 Diplom (Diplomarbeit über: „Feministische Kritik an der Moral, die das Experiment am Menschen ermöglicht“). Danach div. Jobs m. Zeitverträgen, u. a. als Erzieherin, zeitweise Arbeitslosigkeit. Arbeit i. e. Mädchenprojekt, daneben berufsbegleitende Zusatzausbildung a. Kunsttherapeutin 1996, Heilpraktikerinnen-Schein. Ab 2001 (neben d. Arbeit i. Mädchenprojekt) Tätigkeit als Einzelfall-Helferin bei SUPPORT (gegr. v. VEREIN ZUM SCHUTZ VOR PSYCHIATRISCHER GEWALT e.V., dem Gründer und Träger d. „Weglaufhauses“). Nach Kündigung d. Mädchenprojekts (wg. Sparmaßnahmen) Bewerbung u. Anstellung im „Weglaufhaus“. Olivia P. wurde 1962 in Berlin als Tochter einer medizinisch-technischen Assistentin geboren, sie ist ledig und hat keine Kinder.

„Die Diagnose ist eine der häufigsten Krankheiten.“

Karl Kraus

Er ist omnipräsent und als sprachliche Metapher, die sich von selbst zu verstehen scheint, vollkommen gesellschaftsfähig. Er ist eine der meistgebrauchten Worthülsen, mit deren Hilfe der Konsument – spätestens seit 1989 – seiner Empfindung für das unbegreifliche Walten von Geschichte und Marktwirtschaft Ausdruck verleiht: der Wahnsinn. Das bleibt aber ohne Folgen. Die sind bereits eingetreten. Eine solide Besessenheit innerhalb des Rahmens ist durchaus erwünscht, repräsentiert Vernunft und Ordnung. Manische Persönlichkeiten wirken kompetent, besonders in den oberen Etagen der Gesellschaft.

Wer aber Stimmen hört, die nicht, wie allerorten üblich, aus dem Handy kommen, sondern aus dem eigenen Kopf, wer Werbebotschaften und Endlosberieselung nicht im Flughafenklo oder Aufzug hört, sondern sie sich nur einbildet, der hat ein Problem. Wer manisch vor aller Öffentlichkeit die Realität leugnet, Psychopharmaka konsumiert, eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit an den Tag legt, auf Fehlhandlungen beharrt und fremd gefährdendes Verhalten zeigt, ohne Politiker oder Mann der Wirtschaft zu sein, wird rigoros als pathologische Persönlichkeit diagnostiziert und bis zur Besserung der Symptome der Psychiatrie zugeführt.

Damit gerät der Betroffene in eine undurchschaubare Domäne ärztlicher „Heilkunst“. 95 Prozent der Patienten bekommen Psychopharmaka verabreicht, ein großer Teil davon in Form von Neuroleptika – trotz krank machender, oft lebenslang fortbestehender Nebenwirkungen. Neuroleptika „fesseln“ das ungewollte Erscheinungsbild, wirken als „chemische Zwangsjacke“, und damit wird ihre antipsychotische Wirkungsweise, der daran gekoppelte Heilerfolg, als bewiesen erklärt. Wer die Behandlung ablehnt, dem wird entgegengehalten, ihm fehle die Krankheitseinsicht. Dieses renitente Verhalten kann zur Zwangsbehandlung führen.

Es gibt eine flächendeckende psychiatrische und sozialpsychiatrische Erfassung und Versorgung von Verrückten aller Art, aber nirgendwo gibt es ein Schlupfloch für diejenigen, die genau dem entfliehen möchten oder entflohen sind. Ein solch winziges Schlupfloch bietet sich lediglich in Berlin, im „Weglaufhaus“ Villa Stöckle. Es entstand nach dem Vorbild der Weglaufhäuser, die Anfang der Achtzigerjahre in allen größeren Städten der Niederlande entstanden. 1996 eröffnete eine Gruppe von Vertretern der „Neuen Antipsychiatrie“ – Leute mit Psychiatrieerfahrungen am eigenen Leib – das bis heute einzige „Weglaufhaus“ Deutschlands (es gibt mehrere Projekte, sie scheitern aber mangels öffentlicher Mittel). Und auch dieses Haus gäbe es nicht ohne das jahrelange rebellische Anrennen der Gründerinnen und Gründer gegen parteipolitische und bürokratische Hindernisse und auch nicht ohne die Millionenspende eines Vaters, der seinen Sohn durch Suizid in der Psychiatrie verloren hat. In diesem Haus ist Psychiatern der Zutritt verboten. Es bietet wohnungslosen Männern und Frauen (ab 18 und mit Psychiatrieerfahrung) einen sicheren Unterschlupf auf Zeit. Wer unter der Psychiatrie gelitten hat, kann hier seine Fesseln loswerden, Diagnosen und chemische Zwangsjacken abwerfen und sich für ein anderes, selbst verordnetes Heilmittel entscheiden: dem schrittweisen Wiedererlernen von Selbstverantwortung, Selbstbeherrschung und Selbstbestimmung. Wer eine solche Zuflucht sucht, kann unter der Telefonnummer 40 63 21 46 jederzeit einen der Mitarbeiter erreichen.

Wir fahren an einem Frühlingsmorgen in den Norden Berlins. Das „Weglaufhaus“, eine Altberliner Villa von 1922, steht hinter einem Jägerzaun in Frohnau. Man würde hier eher erwarten, dass ein alter Herr mit Stock und Lodenmantel aus dem Haus auf die Straße tritt, nicht aber ein zerzauster junger Mensch mit einem Buch in der Hand, der lesend auf und ab wandelt. Der „Schandfleck“ liegt mitten in einem gutbürgerlichen Villenviertel mit stillen Straßen, alten Bäumen, gepflegten, umzäunten Grundstücken. S-Bahn und Bus sind gut erreichbar, in bequemer Entfernung liegen Felder, Wald und Brachland. Den Anwohnern scheint es an kaum etwas zu fehlen. Gegen die Nutzung des Hauses gingen sie anfangs vor Gericht, heute herrscht eine Art Waffenstillstand. Ein auffallend hoher Zaun trennt das „Weglaufhaus“-Grundstück von dem des Nachbarn.

Wir treten durch die offene Haustür, gleich daneben liegt eine wohnliche Küche mit schachbrettartigem altem Fliesenboden. Hier finden wir Olivia, die gerade Kaffee kocht, während eine Bewohnerin energisch die Einkäufe hereinträgt und verstaut. „Den Kaffee nehmen wir gleich mit, sonst ist er weg“, sagt Olivia und gibt uns lächelnd die Hand, „ich bring ihn schnell runter, dann machen wir vielleicht zuerst einen kleinen Hausrundgang.“

Die sehr eilige Besichtigung lässt nur kurze, scheue Blicke zu in leger eingerichtete große Gemeinschaftsräume mit Terrasse und Ausblick hinaus zum Garten mit Teich und alten Bäumen, auf ein helles, mehr wie ein Arbeitszimmer wirkendes Dienstzimmer, in dem eine Bewohnerin sitzt und unseren Gruß mit abweisender Sprödheit erwidert. In den beiden oberen Stockwerken befinden sich die privaten Zimmer der Bewohner, meist Doppelzimmer. Eine Etage ist Frauen vorbehalten. Der gesamte Privatbereich ist für uns tabu, verständlicherweise. Wir steigen ins Souterrain hinunter. Dort liegt eine Menge Kleidungsstücke auf dem Boden herum, als seien sie von den Leinen gefallen. Neben Waschküche, Trockenraum, Wäschekammer, Heizungs- und Handwerkerraum gibt es auch noch ein Sportkabinett mit Sandsack zum Boxen sowie ein kleines Fernsehzimmer. Hier stören wir einen jungen Mann, der sich offenbar im halb dunklen, stillen Raum zum Schlafen auf der Liege zurückgezogen hat. Er nimmt sofort eine sitzende Haltung ein, birgt sein Gesicht in den Händen und wirkt durch die Störung äußerst gepeinigt.

Wir bitten um Entschuldigung, und Olivia schließt schnell die Tür. Nebenan in einem kleinen Büro und Bereitschaftszimmer nehmen wir erleichtert Platz. Olivia schenkt Kaffee ein, wirkt nervös und beginnt zu erzählen: „Also ein Teil der Mitarbeiter sind Psychiatriebetroffene, nach der Quotenregelung müssen es mindestens 50 Prozent sein, angestrebt wird, dass es mehr sind. Aber der Öffentlichkeit gegenüber sagen wir das nicht, wer von den Mitarbeitern Betroffener ist und wer nicht. Es gab die Erfahrung, dass dann sofort durch die ‚Diagnosebrille‘ geguckt wird. Aus diesem Grund spreche ich hier auch unter dem Pseudonym Olivia. Ich möchte schon gern authentisch sein können, aber wenn das nun mit meinem Namen und meinem Bild in die Zeitung kommt, dann ist mir das zu persönlich und ich wäre zu befangen.“

Sie fährt sich mit einer zarten Geste durchs Haar. „Also, das ist von uns ausdrücklich so gewollt, Psychiatrieerfahrung, wir betrachten das bei den Mitarbeitern als Ressource, als Qualifikation, als Erfahrungsschatz, der eingebracht werden kann. Die Öffentlichkeit sieht das leider anders, da wird man ausgegrenzt, abgestempelt – man trägt den Diagnose-Stempel immer auf der Stirn. Ja, und ansonsten gelten für alle Mitarbeiter die gleichen Voraussetzungen: Unvoreingenommenheit und antipsychiatrische Haltung, Arbeiten ohne Diagnose-, Therapie- und Zwangsinstrumentarium, Bereitschaft zu gleichberechtigtem basisdemokratischem Arbeiten, gleicher Lohn für alle, unabhängig von der Ausbildung, Geduld, Diskretion.“

Sie lächelt, fährt sich durchs Haar und wirkt immer noch ein wenig aufgeregt: „Und was die Nutzerinnen und Nutzer betrifft, so richtet sich unser Angebot hier an Leute mit Psychiatrieerfahrung, die wohnungslos bzw. von Wohnungslosigkeit bedroht sind, weil Kündigung oder Zwangsräumung bevorsteht, und die sich insofern aufgrund ihrer Notlage schnell in einer akuten Krisensituation befinden, also Hilfe brauchen. Dass es nur obdachlose Psychiatriebetroffene sein dürfen, hat etwas mit der Finanzierung zu tun. Das ursprüngliche Konzept war mal, dass das quasi zur ‚Gesundheitsfürsorge‘ gehört hätte, finanzierungsmäßig. Das wäre dann aber voll über die ‚Psychiatrieschiene‘ gelaufen. Dann wurde das Projekt zum Glück bei ‚Soziale Wohnhilfe‘ angesiedelt für Menschen in schwierigen Lebenslagen, nach § 72 BSHG – seit 1. 1. 2005 ist das jetzt § 67 SGB – und diese Regelung hat Vor- und Nachteile für uns. Der Vorteil ist, dass mit den ‚schwierigen Lebenslagen‘ die Situation der Leute ganzheitlicher berücksichtigt werden kann und eben, entsprechend unserer Konzeption, nicht psychiatrisch diagnostisch argumentiert werden muss. Der Nachteil ist, dass Leute, die zwar Psychiatriebetroffene, aber nicht wohnungslos sind, nicht hierherkönnen, weil da eben die Finanzierung durch die ‚soziale Wohnhilfe‘ nicht gegeben ist. Allerdings ist die Anzahl wohnungsloser Psychiatriebetroffener groß, viele wohnten bei Lebenspartnern und landen in der Krise auf der Straße, Leute leben in Wohngemeinschaften, in betreuten Einrichtungen. Oder sie haben eine Wohnung, sind aber so durcheinander, dass sie die Miete nicht mehr zahlen, auf Mahnungen nicht mehr reagieren, in der Wohnung vielleicht nachts rumrasen oder sogar die Möbel zerhacken oder aus dem Fenster werfen oder völlig vermüllen, sodass die Nachbarn die Polizei rufen, und dann kommt eben schnell eine Kündigung. Und ebenso schnell landet man mit so einer Krise wieder in der Psychiatrie. Genau für so jemanden ist das Weglaufhaus da.

Das ist unsere Zielgruppe. Wir bieten Hilfe und Unterstützung in Form einer Krisenintervention, das heißt, wir helfen, die ganz konkreten Probleme zu lösen – was natürlich schon mal sehr entlastet. Also manche haben keine Sozialhilfe oder Rente, obwohl sie berechtigt sind, das leiern wir dann an, dass das läuft, oder jemand hat keine Krankenversicherung, das kommt immer häufiger vor, andere haben keinen Pass, keinerlei Papiere, oder sie haben Schulden, anhängige Strafsachen, verschiedene gesundheitliche Probleme, das alles muss geregelt werden, gemeinsam. Also eigentlich sind es die ganzen grundlegenden bürgerlichen Rechte, die wieder aufgebaut werden. Und natürlich müssen wir uns als Erstes um die Kostenübernahme kümmern. Die Ämter wollen immer ganz deutlich die Krise sehen, die Aufnahme muss sehr gut begründet sein, denn wir sind ja eine relativ teure Einrichtung, im Vergleich zu den üblichen Wohnungsloseneinrichtungen. Wir bekommen pro Tag und Person etwa 113 Euro. Aber wir sind dafür auch einzigartig in unserem Angebot, eine absolute Ausnahme. Hier ist eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung, 24 Stunden! Manchmal bewilligen die Ämter erst mal für drei bis vier Wochen. Dann machen wir einen Verlängerungsantrag, den müssen wir wiederum gut begründen. Die Ämter werden natürlich, wie allgemein jetzt üblich, immer sparsamer. Sie machen mehr Druck.

Krisen müssen jetzt schneller überwunden sein als früher. Wobei ja gerade dadurch die Krisen sich verschärfen bei sehr vielen Leuten. Im ungünstigen Fall wird die Bezahlung nicht mehr übernommen und der Betroffene wird in eine Obdachlosenpension gesteckt. Da geht er dann unter mit seinen Problemen, und dort gibt es keinerlei Betreuung. Aber in der Regel sind bei uns Aufenthalte bis zu einem halben Jahr möglich, in Ausnahmen auch länger.

Was ich vergessen habe zu erzählen, es findet bei uns hier immer auch ein Aufnahmegespräch statt mit beiden Dienst habenden Mitarbeitern, und die entscheiden dann, ob derjenige passt, ob wir ihn aufnehmen können oder nicht. Von vornherein ausgeschlossen ist die Aufnahme von forensisch Untergebrachten, wir nehmen auch keine Eltern oder Elternteile mit Kindern auf. Wir sind auch nicht geeignet für Leute, bei denen das Hauptproblem Alkohol- und/oder Drogenabhängigkeit ist. Weil aber viele Psychiatriebetroffene natürlich auch damit Probleme haben, wird aufgrund der individuellen Situation entschieden, sofern sie bereit und in der Lage sind, im ‚Weglaufhaus‘ jeglichen Konsum von Drogen und Alkohol zu unterlassen. Beim Aufnahmegespräch wird im Wesentlichen Folgendes geklärt: Entspricht unser Angebot den Bedürfnissen des Betreffenden, hat er die Voraussetzungen für die Kostenübernahme, in welchem Umfang kann er sich am Alltag der Hausgemeinschaft beteiligen, besteht die Bereitschaft, die Grundregeln für das Zusammenleben im ‚Weglaufhaus‘ zu akzeptieren und einzuhalten, besteht der Wunsch, psychiatrisch verordnete Psychopharmaka abzusetzen – wobei das natürlich keine Voraussetzung ist, sondern lediglich ein Hilfsangebot von uns. Und da sind eben solche Sachen geregelt wie: dass es eine Gemeinschafts-Essenskasse gibt, in die jeder 3,50 Euro pro Tag geben muss, dass jeder zweimal wöchentlich an den Hausversammlungen teilnehmen muss, denn da werden die gemeinschaftlichen Aufgaben verteilt wie Einkaufs-, Putz- und Küchendienst. Ansonsten gibt es hier keinen Gemeinschaftszwang, überhaupt wenig Ge- und Verbote. Absolut verboten ist Gewalt und eben Drogen und Alkohol.

Die zentrale Frage von uns beim Aufnahmegespräch ist: Was ist dein Ziel? Was möchtest du hier erreichen? Also, manche sagen dann, ich möchte meinen Betreuer loswerden, oft sind es auch Leute, die möchten Psychopharmaka absetzen und brauchen dabei natürlich Hilfe und Unterstützung. Die anderen Punkte, Wohnungssuche usw., habe ich ja schon genannt. Wenn das alles geklärt ist, nehmen wir den Betreffenden oder die Betreffende – Männer und Frauen halten sich anzahlmäßig so in etwa die Waage – auch sofort auf. Und in diesem aktuellen Moment geht es erst mal um die Entlastung von der Obdachlosigkeit, ums Zur-Ruhe-Kommen – wenn irgend möglich, geben wir den Neuen erst mal ein Einzelzimmer – sie können erst mal Kraft schöpfen, um sich zu stabilisieren, ihre Krise hier in den Griff zu kriegen oder zu überwinden. Vielen hilft es schon sehr, wenn sie die Ordnung der nächsten Schritte erkennen, dass sich in ihrem Leben systematisch was tun wird, was ihre Lage verbessert. Also, man kann sagen, es sind so in etwa vier große Schritte vorwärts: 1. Beendigung der Wohnungslosigkeit und Sicherung der sozialen, gesundheitlichen und finanziellen Grundversorgung. 2. Verarbeitung von Psychiatrie- und anderen Gewalterfahrungen, aufgefangen werden in einer Krise und das Erlernen von Bewältigungsstrategien künftiger Krisen. Wiederherstellung sozialer Kontakte. 3. Perspektiven entwickeln, Organisation des zukünftigen Lebens, Suche nach geeignetem Wohnraum, Beschäftigung nach speziellen Hilfsangeboten. 4. Aktivierung der Selbstständigkeit, Erlernen von Strategien zur Krisenbewältigung und Selbsthilfe, Informiertsein über Rechte und Pflichte usw.

Also, das ist eigentlich das Programm, auf das wir hier im ‚Weglaufhaus‘ uns spezialisiert haben, und damit sind wir absolut einmalig, wir bieten einen Weg jenseits vom üblichen Krankheits- und Behandlungsverfahren. Aber dazu braucht es eben viele kleine Schritte, und die sind oft schwierig für die Betroffenen. Aber was ihnen vielleicht lange unmöglich schien, zum Beispiel ein Betreuerwechsel, ist in der Regel gar nicht so schwierig. Viele sind ja mit ihrem Betreuer unzufrieden. Manche möchten ihn loswerden, das ist schon schwieriger, ist aber auch möglich. Das Gericht muss entscheiden, denn der Betreuer wurde ja vom Gericht bestellt nach dem Betreuungsgesetz. Das Gesetz gibt es seit 1992, damals wurde die ‚Entmündigung‘ abgeschafft bzw. reformiert, gelockert. Es gibt eben nicht mehr die volle Vormundschaft wie früher, sondern die Betreuer haben nur in bestimmten Bereichen was zu sagen, Gesundheit, Wohnung, Verwaltung der Finanzen, Aufenthaltsbestimmung, manchmal ist’s auch nur ein Bereich, etwa Finanzen. Im Prinzip soll der Betreuer Unterstützung geben und zwar in ‚Übereinstimmung und mit Willensberücksichtigung‘ des Betroffenen, was aber im Grunde genommen nur sehr selten stattfindet. Oft funktioniert gar nichts richtig und das Verhältnis ist aufgeladen. Der Betroffene kann einen Antrag auf Aufhebung des Betreuungsverhältnisses stellen beim Amtsgericht, dann kommt es zu einer Anhörung durch den Richter, und wenn der Betroffene den Richter klar und deutlich davon überzeugt, was er will und kann, dann dauert es vielleicht noch zwei Monate und er ist den Betreuer los. Ist der Richter nicht überzeugt, kann man immer noch einen Betreuerwechsel beantragen – wir kennen da einige fitte Betreuer, die nicht autoritär sind und ganz gut mit den Leuten zusammenarbeiten, ihre Wünsche und Rechte akzeptieren – das ist für viele schon eine enorme Erleichterung und …“

Es klopft, eine Mitarbeiterin kommt herein und fragt, ob sie sich schnell was am Computer ausdrucken darf. Olivia sagt: „Ich brauche sowieso eine Pause, ich gehe schnell eine rauchen …“

Die Mitarbeiterin hat Probleme mit dem Computer, gibt das Vorhaben auf und geht unverrichteter Dinge. Durch die offene Tür kommt kurz darauf eine Bewohnerin, sie ist barfuß und gut gelaunt, sucht die Mitarbeiterin und hat zwei Kannen Kaffee bei sich. „Habt ihr überhaupt noch Kaffee?!“, fragt sie, und als wir in unsere leeren Tassen blicken, schenkt sie energisch ein. Olivia kommt zurück. Die Bewohnerin füllt auch Olivias Tasse und sagt: „Sie hat ein bisschen Angst vor euch, hat sie oben gesagt, ihr seid ein bisschen rigoros mit euren Fragen!“ Olivia protestiert: „Ich habe das so nicht gesagt, ich habe gesagt ‚anstrengend‘ …“ Die Bewohnerin lächelt fein, empfiehlt, das Fenster zu öffnen, die Luft sei verbraucht, und geht.

„Ja, ein wenig anstrengend ist es schon … wo waren wir gewesen? Ach ja, also, das war das Thema Betreuer. Viele haben den starken Wunsch, die psychiatrischen Psychopharmaka abzusetzen, würden das aber allein nie wagen. Und das ist eben unser ganz spezielles Angebot, dass wir die Bewohner auf eigenen Wunsch hin beim Absetzen kompetent und zuverlässig unterstützen. Hier ist dann auch noch mal die spezielle Qualifikation der psychiatriebetroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von besonderem Wert, weil sie über jahrelange Erfahrungen verfügen. Allerdings ist unsere Kompetenz natürlich nicht anerkannt, wir dürfen aus juristischen Gründen nur beratend begleiten, es muss also geklärt werden, dass das Absetzen, Reduzieren und auch die Einnahme von Psychopharmaka in der Verantwortung des Betroffenen und unter ärztlicher Beratung liegt. Damit steht dann einer Bearbeitung des Problems nichts mehr im Wege. Und da engagieren wir uns auch noch mal besonders, denn der zentrale Punkt unserer antipsychiatrischen Grundposition ist ja unsere Kritik an der Verabreichung von Neuroleptika und anderen Psychopharmaka, von Elektroschocks und anderen Zwangsmaßnahmen, die oft gegen den erklärten Willen der Betroffenen durchgeführt werden. Das ‚Weglaufhaus‘ ist das einzige Projekt in Deutschland, das mit diesem Konzept eine derart umfassende Aufklärung und Beratung über die Wirkungsweise von Psychopharmaka leistet und die entsprechenden Hilfen beim Absetzen bietet. Wir wissen, dass es hier kein Patentrezept gibt, oft ist es sehr schwierig, oft langwierig. Psychopharmaka wirken eben auch ganz individuell, man kann keine allgemein gültigen Aussagen treffen. Manche haben schon Erfahrung mit dem Absetzen gemacht, manche nicht. Manche machen es vorsichtig, Schritt für Schritt, andere machen es aber auch abrupt, das ist allerdings oft mit Problemen verbunden. Und das erklären wir eben alles. Es wird ein Absetzprotokoll geführt, was derjenige schreibt, und es finden regelmäßige Gespräche statt.

Eine weitere sehr wichtige Aufgabe ist es, den Bewohnern behilflich zu sein und beizustehen, wenn sie in die Krise kommen, und ihnen auch zu ermöglichen, ihre Krisen mal ganz anders zu erleben, zu bewältigen, ihnen zu zeigen, dass es auch Möglichkeiten gibt, ohne Medikamente aus so einer Krise rauszukommen.“

Wir fragen, was genau mit „Krise“ gemeint ist. „Also für uns ist eine Krise der Ausdruck von verschiedenen ungünstigen psychosozialen Bedingungen, die sich zugespitzt haben. Wir sprechen von psychosozialen Krisen, da steckt alles drin: das psychische Durcheinander und die soziale Situation. Wir arbeiten nicht mit Krankheitsbegriffen und Diagnosen. Neben der Stigmatisierung kann so auch vermieden werden, dass sich der Betroffene ausruht auf der Diagnose und auf dem festgeschriebenen Krankheitsbild. Die Bewohner sind für uns keine Kranken, sie bleiben für ihre Handlungen und Äußerungen selbst verantwortlich. Wir prognostizieren nicht Krankheitsverläufe, sondern stehen bei der Lösung der Probleme bei. Das ist eigentlich das Prinzip. Wenn hier jemand sehr durcheinander ist, dann nennen wir das nicht ‚psychotisch‘, wir sagen allenfalls ‚ver-rückt‘, weil das der Zustand ist im wahrsten Sinne des Wortes. Die Realitäten wirken ver-rückt, die Wahrnehmung ist ver-rückt. Das ist oft heftig. Also, manchmal liegen unsere Nerven schon blank. Aber wir haben hier eine sehr hohe Toleranzschwelle. In der Psychiatrie hätten die Leute schon längst eine Spritze gekriegt, damit sie ruhig werden und pflegeleicht.

Wir haben hier 14 bis 16 Mitarbeiter, dazu ‚Springer‘ und auch noch Praktikanten, im Dienst sind jeweils immer zwei Mitarbeiter, es sind auch die ganze Nacht über zwei Mitarbeiter anwesend, falls einer der 13 Bewohner, die wir bei vollem Haus haben, nachts irgendwelche Probleme hat. Also derjenige, der oben schläft, der ist dann der Haupt-Ansprechpartner, und der zweite Mitarbeiter schläft hier unten in diesem Raum eigentlich meistens sehr ungestört. Es ist so, dass viele Bewohner schlecht schlafen und dann natürlich in der Nacht kommen und ein Gespräch wollen. Das machen wir dann schon, aber wir machen auch deutlich, wenn das dann leer läuft, dass wir an unsere Grenzen kommen. Und, wie gesagt, wir sind alle krisenerfahren, viele eben auch aus persönlichem Erleben, das macht uns keine Angst. Wir wissen, solche Krisen haben ihre Dynamik, da gibt’s dann eben die akute Phase, wo es schlimm werden kann und man ganz doll durcheinander ist, aber das geht dann auch wieder vorbei – mit und ohne Psychopharmaka übrigens.“

Wir möchten nun zum biografischen Teil kommen. Olivia wirkt befangen, beginnt dann aber zögernd zu erzählen: „Im Grunde genommen hängt so eine Normalität am seidenen Faden, man weiß es nur nicht. Nach dem Studium bin ich das erste Mal damals in die Krise gerutscht, es war die Arbeitslosigkeit und auch all das andere … Ich kann’s ja sagen, ich bin ja unter Pseudonym, bei mir war’s wohl hauptsächlich die kaputte Beziehung und eine Abtreibung. Ich wollte das Kind eigentlich gern haben, es war bereits meine dritte Abtreibung, aber angesichts meiner Lage – arbeitslos und mit dem kaputten Typen, er war Alkoholiker –, da hat mich der Mut verlassen.

Und danach kam ich in die Krise, ziemlich tief habe ich mich verstrickt und bin dann halt in der Klapse gelandet, das erste Mal. Na, da gab’s dann Psychopharmaka. Und damit fühlt man sich dann wie unter einer Käseglocke, total abgeschirmt und zugleich aber abgestumpft, tot. Man hat das Gefühl, man kann sich nicht mehr bewegen. Man sieht das auch in der Psychiatrie, wie seltsam sich die Leute bewegen, wie sie zittern, wie ihnen die Spucke aus dem Mund läuft. Es herrscht so eine totale Steifheit. Bei krassen Erstbehandlungen, da ist die verabreichte Dosis meistens zu hoch, ‚Volle-Kanne-Prinzip‘, erst mal wird ‚runtergespritzt‘. Da gibt’s dann diese Krämpfe, Blickkrämpfe, Schlundkrämpfe, die Augäpfel drehen sich nach oben, der Nacken krampft, man zieht totale Grimassen und kann nichts dagegen tun. Erst unlängst erzählte mir eine Bewohnerin, dass ihr die Zunge in den Hals gefallen ist. Und da wird dann wieder ein Gegenmittel gespritzt, meistens Akineton. Aber in der Regel bekommen alle eben erst mal Haldol und ’ne Diagnose. Bei mir lautete die beim ersten Mal: ‚manisch-depressiv‘.

Dann hatte ich zwei Jahre später noch mal so einen Zustand, und da wurde eine ganz andere Diagnose gestellt, in einem anderen Krankenhaus; diesmal war es ‚schizo-affektiv‘. Ich habe eine Psychotherapie gemacht und gehofft, dass ich nie wieder in die Krise komme, dem war aber nicht so. Insgesamt war ich dreimal in der Krise zwischen 1990 und 1997, seitdem nicht mehr. In der Schulmedizin ist es ja so: Die Psychiater sagen, beim ersten Mal muss man die Psychopharmaka soundso lang nehmen, beim zweiten Mal ein bis zwei Jahre, beim dritten Mal lebenslänglich! Ich fand eine Ärztin, die mich unterstützte beim Absetzen, und ich habe es geschafft! Ich habe auch wieder eine Psychotherapie gemacht, wurde gut unterstützt und habe ziemlich viel aufgearbeitet. Er ist Lehrtherapeut, und ich habe zugleich eine Lehranalyse machen können. Und da habe ich endlich mal meine Vaterfigur gefunden, endlich eine wohlwollende Vaterfigur mit viel Wertschätzung. Ich hatte ja keinen Vater. Als ich 13, 14 war, kam der Stiefvater, der Alkoholiker und übergriffig war, mich geschlagen und auch an mir rumgefummelt hat. Vorher waren ich und ein zweites Mädchen in der Klasse die einzigen Kinder von allein erziehenden Müttern, heute ist das Verhältnis umgekehrt. Und ich stellte mir halt vor, wie es wäre, wenn man einen Vater hätte. Wie schön das wäre, weil die Mutter nicht immer von morgens bis abends aus dem Haus müsste … Es war dann aber etwas anders. Ich selbst hätte für mich gerne so eine Friede-Freude-Eierkuchen-Familie gehabt wie aus dem Bilderbuch, aber ich habe damals leider den Partner dazu nicht gefunden. Erst jetzt irgendwie – mein Freund war übrigens mal Reprofotograf bei der taz – ja, und nun bin ich 43 Jahre und schon zu alt, um noch ein Kind zu bekommen.

Dass ich heute hier sitze, ist ein Glück. Ich hatte bereits im Eröffnungsjahr 96 vom ‚Weglaufhaus‘ gehört, irgendwo in einem Wartezimmer lag das Flugblatt rum, und ich dachte, ist ja toll, dass es so was gibt! Später hab ich die Werbung in der U-Bahn gesehen, dann kam auch das Buch übers ‚Weglaufhaus‘ raus, es heißt ‚Flucht aus der Wirklichkeit‘ und ist im Antipsychiatrieverlag von Peter Lehmann – einem unserer Mitbegründer – erschienen. Ich bin im Laufe der Jahre immer wieder aufs ‚Weglaufhaus‘ gestoßen, war immer neugierig, wusste aber nicht, wie ich da mal auftauchen könnte, und habe es dann immer wieder vergessen. Eines Tages war in der zitty eine Annonce von einem Projekt im Aufbau, SUPPORT. Sie suchten Leute, Stundenkontingent verhandelbar, psychiatriebetroffen sollten sie sein. Da fühlte ich mich angesprochen und habe mich formlos beworben. Es kam dann tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch mit zwei Leuten, und da habe ich erfahren, dass sie vom ‚Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt‘ sind, an dem ja auch das ‚Weglaufhaus‘ mit dranhängt. Sie haben mich dann genommen, wir machten Einzelfallhilfe, 2001 war es noch im Aufbau. Ich hatte ja auch noch meine 30 Stunden im Mädchenprojekt jede Woche, habe die zehn Stunden Einzelfallhilfe dann nebenberuflich gemacht. Nach 13 Jahren im Mädchenprojekt bekam ich die Kündigung, wegen Sparmaßnahmen wurden Stellen abgebaut.

Durch Zufall wurde zu dieser Zeit eine Stelle frei im ‚Weglaufhaus‘, ich habe mich beworben und wurde genommen. Ich und eine andere Psychiatriebetroffene waren in der engeren Auswahl. Warum jetzt sie nicht genommen wurde, sondern ich? Keine Ahnung. Vielleicht weil der Wunsch so lange gereift ist bei mir hierher zu kommen?“

Spendenkonto Sparkasse Berlin, Kto. 115 001 84 50, BLZ 100 500 00, Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e. V.