„Ich bin nicht scharounesk“

Edgar Wisniewski

Als junger Student der Architektur lernte Edgar Wisniewski den großen Meister der Stadtlandschaft Hans Scharoun kennen. Prompt wurde er zum Mann an seiner Seite. Wisniewski baute die Staatsbibliothek und versprach seinem Lehrer, das Kulturforum in seinem Sinne zu vollenden. Das ist lange her. Scharoun starb 1972, doch Wisniewski kämpft noch immer. Als Architekt der tragischen Gestalt sieht er sich nicht, auch wenn einige seiner Werke, darunter der Kammermusiksaal, schon mal Scharoun zugeschlagen werden. Eher sieht er sich als einer, der ein Versprechen hält, von dem er weiß, dass er auch in Zukunft dafür kämpfen muss.

INTERVIEW TINA HÜTTL
und UWE RADA

taz: Herr Wisniewski, wenn Sie zum Architekturpapst gewählt werden würden, welchen Namen würden Sie sich geben: Hans II.?

Edgar Wisniewski: Wenn Sie mich so fragen: Ich würde schon bei meinem Namen bleiben. Ganz sicher nicht Hans II. Ich kann Scharoun, wenn Sie das mit Ihrer Anspielung gemeint haben sollten, natürlich nicht ersetzen. Das möchte ich auch nicht. Aber ich möchte in seinem Sinne schaffen.

Aber Ihr Werk aus den vergangenen drei Jahrzehnten war doch im Grunde das Werk von Hans II.?

Es ist schon so, dass der Name Scharoun immer dabei ist. Viele versuchen ja auch mal, mein Werk Scharoun zuzuschieben. Zum Beispiel bei der Staatsbibliothek, die nicht er, sondern ich von Anfang an geplant habe. Kenner aber wissen durchaus, dass es auch sonst Unterschiede gibt.

Worin unterscheidet sich Ihre Architektur von der Scharouns?

Ich war als junger Architekt sehr vom konstruktiven Ingenieurbau beeinflusst. Das habe ich auch in meine Architektur eingebracht. Bei der Planung der Philharmonie, bei der Staatsbibliothek, beim Kammermusiksaal. Auch im Zusammenhang mit dem organhaften Bauen von Scharoun habe ich Neues geschaffen: das Foyer der Philharmonie zum Beispiel und auch die Konstruktion des Dachs.

Wie kommt es dann, dass in der Öffentlichkeit Ihr Werk nur mit der Vollendung des Werks von Hans Scharoun in Verbindung gebracht wird?

Das liegt im tief Menschlichen. Zu Lebzeiten wurde Scharoun bekämpft. Als er nicht mehr da war, konnten es viele nicht ertragen, dass es jemanden gab, der das Werk fortführte – in seinem Sinne, auch im rechtlichen Sinne. Als Partner mit allen Rechten und Pflichten.

Sie haben einen Partnerschaftsvertrag geschlossen. Was muss man sich darunter vorstellen?

Da stand drin: Stirbt einer der Partner, setzt der andere das Werk fort. Ich hatte also den Auftrag, am Kulturforum sein Werk fortzusetzen. Es gibt ein eigentümliches Wort von Werner Düttmann, das er auf einer Veranstaltung in der Akademie der Künste einmal gesagt hat: Scharoun hat noch nie so viel gebaut wie nach seinem Tod.

Ist das eine Ehre für Sie?

Ich denke: ja. Zumindest habe ich es durchgesetzt, dass die Staatsbibliothek ein organischer Bau geworden ist. Das war ja alles andere als einfach.

Das Kulturforum war schon immer ein Ort des Architekturstreits.

Ja, und der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen war die Ablehnung des organischen Bauens und der städtebaulichen Struktur der Stadtlandschaft des Kulturforums.

Einer dieser Gegner des Kulturforums ist Senatsbaudirektor Hans Stimmann. Morgen legt er den überarbeiteten Entwurf seines Masterplans vor. Statt der Vollendung des Forums mit einem Künstlergästehaus will Stimmann eine Galeria Cassirer und einen Säulengang vor der Gemäldegalerie.

Ich habe die Pläne selbst noch nicht gesehen und kann darum noch nichts dazu sagen.

Aus der Sicht des Kultursenators mag das ein Kompromiss sein. Für Sie ist das mit Sicherheit das Gegenteil der Vollendung des Kulturforums. Woher kommt dieser scharfe Dissens?

Es ist Stimmanns kategorische Ablehnung der Stadtlandschaft, in der jedes Gebäude durch umgebende Freiräume in seiner Wesenheit quasi als Individuum wirkt.

Erklärt das die Härte, mit der dieser Stellungskrieg Wisniewski – Stimmann geführt wird? Oder liegt es auch daran, dass Stimmann demnächst in den Ruhestand geht?

Das Letztere ist wohl der Fall. Er muss das jetzt auf Biegen und Brechen durchsetzen. Das sollte politisch aber nicht gelingen dürfen, weil das Abgeordnetenhaus zweimal den Beschluss gefasst hat, das Kulturforum auf der städtebaulichen Grundlage von Hans Scharoun zu vollenden. Und da spielt das Künstlergästehaus, das Bestandteil des Wettbewerbs für den Bau der Staatsbibliothek war, die wichtigste Rolle. Viele Bürger wollen an einem solchen zentralen Ort auch einmal ein Restaurant haben. Wenn sie von auswärts zu Konzerten oder Ausstellungen kommen, wollen sie vielleicht dort übernachten. Es ist ein Gebäudeorganismus, in dem viele Nutzungen vorgesehen sind, auch ein Proberaum für die Philharmonie.

Nach dem Kompromiss im Senat sieht es nicht so aus, als würde es realisiert werden.

Ich habe den jahrelangen Kampf um die Philharmonie erlebt und noch gut die Rufe im Gedächtnis: Philharmonie? Nie! Ich habe die Verzögerungen bei der Staatsbibliothek erlebt. Ich habe 20 Jahre um den Bau des Kammermusiksaals gekämpft. Aus dieser Erfahrung heraus bin ich optimistisch. Auch, weil das Haus der Mitte privat finanziert werden soll.

Funktioniert das Konzept einer auf sich selbst gestellten Stadtlandschaft heute überhaupt noch? Seit der Wende hat sich Berlin rasant verändert. Hinter dem Kulturforum steht nun der Potsdamer Platz.

Von DaimlerChrysler gibt es ein starkes Bestreben, dass im Zentrum des Kulturforums gebaut wird. Man erwartet sich von beiden Stadträumen eine gegenseitige Befruchtung. Hans-Jürgen Ahlbrecht, der Geschäftsführer der DaimlerChrysler Immobilien GmbH, hat das sogar einmal eine Verbindung von Kunst und Kommerz genannt. Er sieht also, wie die Dinge miteinander leben. Vom inhaltlichen.

Geht das zusammen: Kunst und Kommerz? Kulturforum und Potsdamer Platz stehen doch eher mit dem Rücken gegeneinander?

Im August wird der neue Eingang des Musikinstrumente-Museums gegenüber dem Sony Center fertig sein. Man kann dann vom Sony-Gelände durch das Museum und die Foyers der Philharmonie bis zur Piazza vor der Matthäuskirche wandern.

Die wichtigere Verbindung ist aber die vom Marlene-Dietrich-Platz durch die Staatsbibliothek.

Dort planen wir eine acht Meter breite Passage durch die Staatsbibliothek hindurch. Das will ich, das will DaimlerChrysler, das will die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das will sogar Hans Stimmann. Nur ist das bislang am Widerstand der Mitarbeiter in der Staatsbibliothek gescheitert.

Herr Wisniewski, Sie kämpfen nun seit 30 Jahren für die Vollendung des Kulturforums. Woher nehmen Sie die Energie? Haben Sie diesen Kampfgeist von Hans Scharoun?

Vielleicht ist eine Antwort auf die Frage, wie ich Scharoun begegnet bin. Als Student an der Technischen Universität Berlin habe ich seine Städtebauvorlesungen gehört. Ich war sehr an ihm interessiert, war aber nicht bedingungslos scharounesk oder ein Scharounino. Ich kam ja sehr vom Musikalischen. Ich sang in einem Chor in der Sankt-Hedwigs-Kathedrale, habe bei Furtwängler zur Eröffnung des Schillertheaters und bei der Eröffnung der Philharmonie unter Karajan die Neunte gesungen. Für meine Diplomarbeit hatte ich mir das Thema ausgesucht: ein geistig-religiöses Zentrum – ein sehr anspruchsvolles Thema. Zu diesem Thema fand die Städtebauprüfung bei Scharoun statt. Nach dem Prüfungsgespräch hat er dann gesagt: hier, die Philharmonie. Wäre das nicht was für Sie? So begann es.

Was für ein Verhältnis hatten Sie zueinander?

Ich pflege zu sagen: Wenn man bei einem berühmten Künstler oder Architekten war, dann ist man ewig Schüler. Aber das ist eine Koketterie. Sicher: Ganz am Anfang war Scharoun skeptisch, was der junge Mann da so macht. Aber es war eine ganz fruchtbare Zusammenarbeit und auch eine sehr vertrauensvolle. Es hat nie eine Spannung zwischen uns gegeben. Das ist nicht selbstverständlich.

Verband Sie auch eine persönliche Freundschaft?

Nicht so. Wir waren schon generationsmäßig sehr auseinander. Scharoun war auch ein sehr zurückhaltender Mensch. Wir haben uns sehr gut verstanden, aber er wurde nie vertrauensselig. Aber er war ganz vertrauensvoll. Das ist ein großer Unterschied. Es gab nie ein Du zwischen uns. Als ich dann den Wettbewerb für die Staatsbibliothek gemacht habe und wir den ersten Preis bekamen, hat er gesagt: Lieber Herr Wisniewski, wir müssen das jetzt machen! Das war das Äußerste, was Sie von Scharoun erfahren konnten.

Er neigte nicht zu Gefühlsausbrüchen?

Nein, überhaupt nicht. Er versteckte sich mitunter hinter Kalauern, wenn es um Gefühle und dergleichen ging.

Bricht man als Architekt unter einer solchen Bürde nicht fast zusammen?

Wenn man wissen würde, was auf einen zukommt, vielleicht. Aber man weiß es Gott sei Dank nicht, sondern macht, was in den Kräften steht.

Gab es für Sie auch ein Leben, bevor Sie Architekt wurden?

Ein Schlüsselerlebnis war 1945, da war ich 14 Jahre alt. Da hat mir mein Name das Leben gerettet. Wir lebten in Pommern, in Stolp. Mein Vater hatte entschieden, dass wir nicht in den Westen flüchten, er war ebenfalls Architekt und hatte dort einige Häuser gebaut. Aber es war ohnehin schon zu spät. Als die Russen kamen, wollten Sie uns nach Sibirien deportieren. Dabei war auch ein polnischer Dolmetscher. Als der meinen Ausweis sah, sagte er: Das ist doch ein Pole. Daraufhin fragte der Russe: Sind Sie Pole? Ich konnte kein Wort Polnisch und stotterte herum. Daraufhin sagte der polnische Dolmetscher zum sowjetischen Soldaten: Er ist Pole. Wir mussten nicht nach Sibirien und konnten später dann nach Berlin. Ein Zufall, so wie später die Begegnung mit Hans Scharoun.

Was machen Sie heute, wenn sie keine Pläne zeichnen oder um das Kulturforum kämpfen? Verbringen Sie selbst auch mal ein bisschen Zeit am Potsdamer Platz?

Ich habe meistens zu wenig Zeit. Ich komme da aber durchaus des Öfteren durch. Wenn ich aber in der Philharmonie bin, trinke ich meinen Kaffee im Musikerfoyer. Ich bin einfach so hautnah mit der Musik verbunden, dass ich das dann einem Besuch in einem Restaurant vorziehe.

Gibt es überhaupt einen anderen Platz neben dem Kulturforum für Sie?

(Denkt lange nach) Können Sie nicht eine andere Frage stellen? Das Kulturforum ist so dominant, dass ich da gar nicht mehr herauskomme. Soll ich sagen: das eigene Haus, in dem ich wohne? In Schlachtensee.

Das Sie selbst gebaut haben …

… vielleicht das. Aber es ist nur ein Reihenhaus, das aus der Reihe fällt: ein kleiner räumlicher Organismus, aus dem ich zusammen mit meiner Frau, die unentwegt mit mir kämpft, meine Kraft hole.

Und in der Stadt?

Ich möchte keinen Ort bevorzugen.