Haptische Verweigerung

Eine Herzensangelegenheit: Dem Online-Zeitalter zum Trotz setzt das Label „Knistern“ ausschließlich auf Vinyl. Jüngst wurden 46 Kurz- und Kürzestkompositionen der Band Helgoland hineingeritzt

Wer dann und wann einen der liebevoller betriebenen unter den hiesigen Plattenläden betritt, dem mögen die Veröffentlichungen des Hamburger Labels „Knistern“ aufgefallen sein. Da tauchten im vergangenen Jahr vier Vinylsingles auf – eine Musik-Darreichungsform, die eigentlich nur noch bei Liebhabern und Spezialisten gleich welchen Genres so recht etwas zählt.

Um eine Liebhaberei handelt es sich auch bei Knistern: Dahinter steckt Guy Saldanha, nicht nur als Bassist seit längerem in der Hamburger Elektroakustik- und Experimentalszenerie unterwegs, zwischen „LudwigsLust“-Festivals und der „Hörbar“ im B-Movie. „Ich bin erst mal Musiker“, sagt er. Und warum das Label? „Intertronik, ein Duo aus Klemens Kaatz und mir, haben ein Label gesucht“, erzählt Saldanha. „Wir wollten eine 7-inch heraus bringen, weil wir das Format sexy finden.“

Nachdem mehrere Labels abgewunken hatten, „habe ich gesagt, dann bringen wir es eben selbst heraus. Und mir ist eingefallen, dass es eine ganze Menge anderer Musik gibt, die nirgends reinpasst. So kam die Idee zu diesem Label.“ Herausgebracht wird seither „eine Art Fundus, der sich über Jahre aufgebaut hat“, erzählt Saldanha. „Wo ich nach Konzerten dachte: Lass uns das pressen, damit andere Leute die Chance kriegen, das zu hören. Das war der Impuls.“

Neben Intertronik erschienen zwei Singles mit experimentellen Arbeiten des erwähnten Klemens Kaatz sowie eine weitere mit Christian Ribas‘ dekonstruiertem Big-Band-Projekt A3XX. Eigentlich wäre der am nächsten liegende Weg, geschätzte Musik aus dem Freundeskreis herauszugeben, so sollte man meinen, heutzutage doch ein anderer: Man richtet sich eine Website ein, stellt Downloads bereit, und das geneigte Publikum erstellt sich den Tonträger selbst.

„Das finde ich auch gut“, sagt Saldanha, der kein bisschen dogmatisch daherkommt. „Und es gibt ja Kreise, in denen das funktioniert – gerade diese elektronischen Zirkel. Aber es gibt auch Leute, die damit nichts anfangen können. Es ist die Präsentation und es ist das Haptische: Du hast etwas in der Hand, es ist ein schönes Format. Das andere ist der Sound: So klingt eine Vinylplatte ja auf jedem Abspielgerät unterschiedlich. CD-Spieler sind dagegen ziemlich genormt.“

Auffällig an der ersten Knistern-Serie: die konzeptmäßige Cover-Gestaltung; strenge, wie aus Bedienungs- oder Bauanleitungen entnommene, schematische Zeichnungen. „Diese Graphiken sind nicht Deko“, sagt Saldanha, „sie sind inhaltlich.“

So ist auf dem Cover von Knistern #1, Intertroniks „Improvisationen“, der tatsächliche Aufbau der verwendeten Effektgeräte zu sehen. Und auf Knistern #2 findet sich die Anordnung von Musizierenden, Publikum und wiedergebenden Lautsprechern, wie Komponist Kaatz sie sich gedacht hat. „Ich bin glücklich, wenn ich die Kosten wiedersehe“, sagt Saldanha auf die Frage nach der Auflage und einem etwaigen Gewinn des Unterfangens. „Es ist eben spezielle Musik, aber ich bin der Meinung – und ich bin damit nicht alleine –, dass es ziemlich gute Musik ist.“

Die zweite Serie hat – übrigens auch graphisch – einen anderen Ansatz: Verglichen mit den Arbeiten der ersten Serie geht es bei Gruppen wie Helgoland oder Uri Geller geradezu kurzweilig zu: Letztere lassen spröden Funk mit sich selbst (sowie allerlei im Weg stehenden sperrigen Gegenständen) kollidieren, als wäre James Chance ein Möbeldesigner gewesen. Und Helgoland, mit deren „Your Success“ in diesen Tagen Knistern #8 vorgelegt wird? Sie haben ihrer gar nicht mal so geheimen Leidenschaft für Service-Musik und gespielte Witze nachgegeben und 46 Jingles zusammengebracht: Nichts für Leute, die, wie man so sagt, zum Lachen in den Keller gehen.

Mit einer Hommage an die bekanntesten Unbekannten des internationalen Kunst- und Musikbetriebs – The Residents – und ihr Commercial Album aus dem Jahr 1980, wie es seitens des Labels behauptet wird, hat das übrigens nichts zu tun.