nächtlich lärmender verfolgungswahn

Hubschrauber gegen Graffiti

Es ist Nacht über der Stadt, die Straßen sind menschenleer. Trotzdem fühlt man sich beobachtet. Man spürt den Blick der Kameras im Nacken, die an immer mehr Straßenecken angebracht sind, und manchmal hört man ihn auch. Dann, wenn die Hubschrauber mit Wärmekameras die Straßenzüge durchkämmen, die Hinterhöfe kontrollieren und die Bahngleise abtasten.

Das ist kein Szenario aus einem düsteren Science-Fiction-Film, sondern Realität im Westen Berlins. Der Bundesgrenzschutz bestätigte gestern: In den Nächten zu Mittwoch und zu Donnerstag wurden vermehrt Kontrollen durchgeführt, um nächtliche Graffitikünstler dingfest zu machen – auch mit einem mit Wärmekameras ausgestatteten Hubschrauber. Der Grund sei die Befürchtung, dass im Vorfeld des 1. Internationalen Anti-Graffiti-Kongress in Berlin, der gestern im Roten Rathaus tagte, vermehrt Sprühaktionen im Stadtbereich auftreten könnten.

Dass der Bundesgrenzschutz überhaupt in Berlin tätig werden kann, obwohl hier seit 15 Jahren keine Grenze mehr verläuft, liegt daran, dass er bundesweit das Bahngelände überwacht. Dazu gehören auch Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, wie die Berliner S-Bahn. „Die Übergänge zu den angrenzenden Straßen sind fließend“, meint ein Sprecher des BGS. Im Klartext: Nahezu ganz Berlin kann überwacht werden, mit laustarkem Geknatter rund um die Uhr.

Dass wollen sich die Anwohner nicht bieten lassen. „Das ist reiner Terror“, beschwert sich eine ältere Charlottenburgerin bei der taz. Sie habe stundenlang kaum Schlaf gefunden und vergeblich versucht, den Hubschrauberlärm zu ignorieren. Ihr ging es wie vielen Anwohnern in diesen Nächten: „Damit wird die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt.“ Informationen über Sinn und Zweck des ruhestörenden Lärms habe sie weder bei der Polizei noch beim BGS bekommen.

Auch die Sprayer halten nicht viel vom Geknatter. Lautstark zogen gestern über 100 Graffitifans vom Mauerpark zum Roten Rathaus, um gegen den Kongress zu demonstrieren. Dort forderte Justizsenatorin Karin Schubert (SPD), Graffiti künftig immer als Straftat zu behandeln. Nur dadurch sei das Problem in den Griff zu bekommen. „Die zunehmende Kriminalisierung wird zu nichts führen“, meinte hingegen ein Demonstrant. „Das ist eine ganze Jugendkultur, die hier ausgerottet werden soll. Durch die härteren Strafen gegen Einzelne wird nichts erreicht, und solche Hubschraubereinsätze sind reine Steuergeldverschwendung.“

Was so ein Einsatz kostet, sagt der BGS nicht. Nur was er außer flächendeckender Schlaflosigkeit gebracht hat, wird verraten: Insgesamt vier Sprayer wurden in den beiden Nächten mit Hilfe des Hubschraubers erwischt, noch mal so viele ohne sein Zutun. NICO STORZ