KIRSTEN FUCHS über KLEIDER

Einmal Schuhe to go, bitte!

Kleiderherkunftsfragen enden immer im Desaster. Aber mit dem Homepage-Alltagsmodel-System wird alles anders

Manchmal trage ich schöne Kleidung, die finde ich schön und dann findet sie auch manchmal jemand anderes schön. Dann bekommt mein Kleidungsstück ein Kompliment, welches ich für mich in Beschlag nehme und auf meinen Geschmack beziehe.

Manchmal werde ich auch gefragt, wo ich dieses oder jenes Teil herhabe und dann gebe ich meine nicht geheimen Quellen preis und hoffe, wenn es sich bei den Fragern um Freundinnen handelt, dass sie den Anstand besitzen, sich nicht dasselbe Teil zu kaufen. Bei Fremden ist mir das wurscht. Manchmal begegnet man eben einer fremden Frau in ihrer eigenen Jacke, die der eigenen eigenen Jacke wie einer Schwester ähnelt. Schwesterjacken sozusagen, wodurch aus mir und der Frau Jackenschwestern werden. Dann lächelt man sich an.

Letztens wurde ich an der Bushaltestelle angesprochen, wo ich denn „die schönen Schuhe“ herhabe? Ich wusste noch die Gegend, in der ich die Schuhe gekauft hatte, da, wo dieser Park ist, mit dem Kletternilpferd und dem Hüpfpoller, genau. Aber ich wusste eben nicht, wie der Laden hieß. „Ich weiß nicht, aber danke!“, sagte ich, und das Mädchen reagierte ihrerseits mit einem „Danke“. Dann hatten wir uns nichts zu sagen und warteten stumm auf den Bus. Was war das für eine dumme Erwiderung von mir gewesen? Warum hatte ich mich noch eitel bedankt? Da verweigere ich ihr erst lebenswichtige Informationen und sage dann Danke, wie „Ich weiß, dass die Schuhe schön sind. Sind sie nicht schön? Hähä, aber es sind meine!“ Ich wartete sehnsüchtig auf den Bus. Ich starrte auf meine Schuhe, um nicht das Mädchen anzusehen, die mich vielleicht beobachtet, wie ich auf meine Schuhe starre. „Die sind aber auch schön“, dachte das Mädchen vielleicht. „Warum verrät sie mir nicht, wo sie die herhat“, dachte das Mädchen vielleicht. „Warum will sie die Schuhe für sich allein“, fragte sich das Mädchen vielleicht. „Und ich habe mich auch noch dafür bedankt“, ärgerte sich das Mädchen vielleicht. Verdammt, wo blieb der Bus? Ich bin dann, kurz bevor der Bus kam, losgelaufen, weil ich nicht länger in der Nähe des vorwurfsvollen Mädchens sein konnte.

Als ich langsam von der Bushaltestelle wegging, schaute ich wieder auf meine Schuhe. „Jetzt läuft sie mit ihren schönen Schuhen weg“, dachte ich, dass das Mädchen so dachte. „Ich hoffe die schönen Schuhe drücken wie Schraubzwingen“, dachte das Mädchen, dachte ich. Dann fuhr der Bus an mir vorbei und ich ahnte, wie das Mädchen am Busfenster dachte, dass ich wohl zu fein mit meinen schönen Schuhe wäre, mit ihr Bus zu fahren.

Der Heimweg war lang und ich hatte Zeit darüber nachzudenken, wie ein Wiederholung dieser Situation zu vermeiden sei. Ich gehe nie wieder aus dem Haus? Ich ziehe nur die letzten Lumpen an? Ich merke mir einfach, wo ich meine Kleidung kaufe? Die beste Idee fand ich aber, das „Homepage-Alltagsmodel-System“, welches ich mir ausgedacht habe. Jeder Mensch führt eine Homepage, in der aktuell jeden Morgen aufgelistet wird, welche Kleidung von welchem Hersteller, Vertreiber und Preis durch den Tag getragen wird. Die Adresse der Homepage muss gut sichtbar an der Kleidung aufgebracht werden.

Vorteil: Models werden nicht mehr gebraucht, weil wir alle Models sind. Dadurch lässt der Schönheitswahn nach und Models werden arbeitslos und müssen sich von irgendeinem Klempner heiraten und ernähren lassen. Nachteil: Es gibt einen Grund weniger, Menschen auf der Straße anzusprechen. Das ist schade, aber für mich als heterosexuelle Frau nicht so schlimm, denn ich werde immer nur von Frauen nach der Kleidungsherkunft befragt. Einmal hat mich ein netter Mann gefragt, wo es Westen wie die meine gäbe. Seine Frau suche schon Ewigkeiten danach.

Der gravierendste Nachteil meines „Homepage-Alltagsmodel-Systems“ ist aber, dass es niemand braucht. Ich kam zu Hause an und zog die Schuhe aus. Ich hatte mir eine Blase gelaufen. Ich hätte einfach behaupten sollen, dass ich die Treter bei „Schuhe to go“ gekauft habe. Den Laden gibt es zwar nicht, sollte es aber.

Fragen zu Alltagsmodels? kolumne@taz.de Morgen: Philipp Maußhardt über KLATSCH