Nur nicht die Hände schmutzig machen

Prostitution? Wie billig! Der Song „Zuhälter“ der Band „Wir sind Helden“ beschreibt das Selbstverständnis des neuen deutschen Mittelschichtspop

Angeschwindelt zu werden kann ja auch etwas Schönes sein. Man könnte eine alternative Geschichte der Popmusik entlang dieses Gefühls erzählen: wie einem für den Augenblick etwas vorgegaukelt wird, von dem sowohl Künstler als auch Publikum wissen, dass es eben nur für diesen Augenblick Geltung hat – dass, wenn die Platte ausläuft oder die Roadies das Mikrofon abschrauben, die Kräfte des Alltags greifen und die böse Wahrheit wieder das Ruder übernimmt. So funktioniert das schaustellende Gewerbe. Nicht dass es keine Freiräume böte – „we’re only in it for the money“ war ja auch eine Lüge. Denn ohne Liebe geht es auch nicht.

Nun ist, wo es um Liebe und Geld geht, die Prostitution nicht weit. Und in einem Land, dessen Popkultur sich traditionell in den Händen der Mittelschicht befindet, wird daraus ein Problem: „Zuhälter, haltet euch raus aus meiner Liebe“, heißt es in „Zuhälter“, dem Song des neuen „Wir sind Helden“-Albums, in dem die Band ihr Verhältnis zur Musikindustrie beschreibt. „Ihr schickt meine Liebe auf die Straße / In zu engen Hosen/ In billigen Posen / Sie soll ihre Runden drehen / Mit den Kunden gehen / Und wir sollen verstehen / Das ist das kälteste Gewerbe.“ So beginnt es, um dann – fair enough für eine Band, die immerhin bei der Tochterfirma eines Majorlabels unter Vertrag ist und sich bei dem Lehrgang einer Pop-Akademie kennen gelernt hat – die Zeile zu variieren: „Ihr schickt meine Lieder auf die Straße“. Am Schluss wird dann die ganze Welt mit ins Boot genommen, und es sind „unsere Lieder“.

Das könnte man alles so durchlaufen lassen, hätte Judith Holofernes nicht einige Wochen vor Veröffentlichung der Platte in einem Interview mit der Zeitschrift Neon den Rahmen aufgemacht, in dem dieses Lied rezipiert werden soll: „Das ist Prostitution“, sagt Holofernes da über Cristina Aguilera und einen ihrer Videoclips. Sich fast nackt zu zeigen und dies als Freiheit zu feiern, sei in Wirklichkeit das genaue Gegenteil: verkaufsfördernde Maßnahme nämlich. Der Umkehrschluss liegt auf der Hand: Das, was „Wir sind Helden“ machen, geschehe aus Liebe und eben nicht aus Profitinteresse – dass zufälligerweise noch eine Plattenfirma mit im Spiel ist, ist eben eher der Faulheit der Band geschuldet, die sich nicht auch noch um die Finanzen kümmern wolle, sagen die Musiker denn auch in anderen Interviews.

Nun bedeutet Prostitution ja nichts anderes, als dass Frauen und Männer für einen Stundenlohn das machen, wofür sich andere Frauen und Männer eine lebenslange Festanstellung besorgt haben. Interessant wird es beim Vorwurf der Heuchelei: also da, wo Letztere aus ihrem sozialen Status eine moralische Überlegenheit konstruieren. Ein Konflikt, der sich auch gerne an Klassenlinien entlang organisiert: Nichts kritisiert das Bürgertum lieber als den Materialismus der Unterschichten.

Auch wenn dieses Gefühl durchaus authentisch empfunden wird, bleibt es doch ein Ressentiment. Und dieses Gefühl, sich eben nicht die Hände schmutzig zu machen, über das profane Gewinnstreben der Unterschichten durch den kulturellen Wert und die Authentizität des eigenen Tuns erhaben zu sein, steht im Zentrum des neuen deutschen Reinheitspop.

Es wäre naiv, zu glauben, der Erfolg all dieser „echten“ Bands, deren Alben seit einigen Monaten die Charts verstopfen, sei eine quasi natürliche Reaktion auf den „Deutschland sucht den Superstar“-Fabrikpop. Natürliche Reaktionen gibt es in der Wirtschaft nicht. Hier bastelt sich das gutwillige weiße und deutschstämmige Bürgertum ein Welterklärungsmodell, in dem die nicht immer weiße und nicht immer deutschstämmige Unterschicht nur als Objekt vorkommt.