Nachhilfe für Mahnmalbauer

33 Künstler sind zum Wettbewerb für das Mahnmal für homosexuelle NS-Opfer im Tiergarten eingeladen. Bevor sie loslegen, müssen sie erst einmal in Sachsenhausen Geschichte büffeln

VON TINA HÜTTL

Wer heute im Reisebus zur Gedenkstätte Sachsenhausen sitzt, darf sich glücklich wähnen. Denn der oder die KünstlerIn ist noch dabei im Wettbewerb um die Gestaltung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. 33 Künstler und Künstlerinnen wurden in einem aufwändigen Verfahren ausgesucht und eingeladen.

Bevor es aber an die Entwurfsarbeit für den Denkmalstandort im Tiergarten geht, werden die Teilnehmer in einem zweitägigen Kolloquium erst einmal ordentlich gebrieft. Organisiert wird das vom Verein Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart im Auftrag des Landes Berlin. Die Teilnahme ist nicht auf Künstler beschränkt, auch die interessierte Fachöffentlichkeit und die schwul-lesbische Community ist – nach Anmeldung – eingeladen. Die Veranstalter erhoffen sich allerhand Ergebnisse, die dann in die Auslobungsunterlagen bis Ende Mai einfließen sollen.

„Der Sieger könnte Anfang nächsten Jahres präsentiert werden“

Erst dann beginnt der letzte Teil des Wettbewerbs, an dessen Ende der beste Entwurf für das Homo-Mahnmal stehen soll. Etwa 450.000 Euro stehen für die Realisierung zur Verfügung.

„Der Sieger könnte Anfang nächsten Jahres präsentiert werden“, schätzt Eberhard Zastrau, Mitinitiator der Initiative „Der homosexuellen NS-Opfer gedenken“, die das lange umstrittene Denkmal mit auf den Weg gebracht hat. Zastrau begleitet die Bustour zum KZ Sachsenhausen, wo eine Sonderausstellung das Schicksal der Schwulen und Lesben unter den Nazis dokumentiert. „Ziel des Kolloquiums ist es, die eingeladenen Künstler auf einen inhaltlichen Standpunkt zu bringen“, erklärt er.

Alle am Wettbewerb Beteiligten würden umfangreiche Informationen zur historischen Situation der Verfolgung von Homosexuellen unter den Nazis, zur räumlichen Umgebung des geplanten Standorts im Tiergarten und zur Beziehung des Denkmals zu anderen NS-Denkmälern und Orten der Verfolgung bekommen.

Sich selbst und ihre Ideen präsentieren sollen die anwesenden Künstler und Künstlerinnen dabei aber nicht. Überhaupt, ihre Namen und Ideen werden von den Organisatoren des Kolloquiums gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Nicht einmal, von wo überall sie anreisen, verrät Monika Geyler vom Forum für Geschichte und Gegenwart.

Wie eine Qualifizierungsmaßnahme liest sich der Veranstaltungsplan für die nächsten zwei Tage: Über „die politische Bedeutung des Gedenkorts für die Bundesrepublik Deutschland und die Erwartungen der schwul-lesbischen Community an das geplante Denkmal“ wird nach der KZ-Fahrt diskutiert. Morgen geht es um den „geschichtlichen Hintergrund und das Verhältnis des Erinnerungszeichens zu den authentischen Orten der Verfolgung“.

Viel Vertrauen in die Künstler und die künstlerische Freiheit hat man offensichtlich nicht. Allein das Auswahlverfahren ist, wie eine der Jurorinnen, Leonie Baumann von der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst, sagt „hoch ambitioniert und sehr kompliziert“. Nach einer öffentlichen Ausschreibung wählte eine Kommission 7 der 127 Bewerber aus. Zusätzlich lud ein künstlerischer Beirat noch 26 Künstler von Renommee zur Teilnahme ein. Die insgesamt 33 Auserwählten werden sich nun einem elfköpfigen Preisgericht stellen müssen, dessen Besetzung durch das Land in Absprache mit dem Bund und den Initiativen noch aussteht.

Für das Land Berlin sind das Mahnmal und seine Gestaltung wohl immer noch ein heißes Eisen. Lange war es umstritten; die einen beklagten eine Zersplitterung der Denkmallandschaft in verschiedene Opfergruppen, konservativen Kritikern war ein Homo-Denkmal schlicht zu viel. Im Dezember 2003 beschloss der Bundestag schließlich die Errichtung des Denkmals. Ein gutes Jahr später ist man dem ganz großen Wurf immerhin schon näher gerückt.