die charlottenburgerin

Ursula Nienhaus: „Wir waren gezwungenermaßen Hausbesetzerinnen geworden“

Ursula Nienhaus ist Gründungsmitglied des Frauenforschungs-, -bildungs- und Informationszentrums (FFBIZ e. V.), das 23 Jahre in Charlottenburg seinen Sitz hatte und 2003 nach Pankow umgezogen ist: „Ich bin 1976 über New York aus den USA, wo ich für meine Promotion studiert hatte. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU habe ich zunächst so viel gearbeitet, dass ich von der Stadt fast nichts mitbekam. Berlin war so interessant, weil alle Probleme hier massiv versammelt waren: die Relikte des Nationalsozialismus, die feministische Bewegung, die Arbeitergeschichte, der Kalte Krieg. Hinzu kam in der geteilten Stadt das Wohnungsproblem. Ich zog an den Steinplatz, fuhr aber viel nach Kreuzberg, weil dort das erste Frauenzentrum war. Als wir dann selbst 1978 das Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrum, FFBIZ, gründeten, wollten wir nicht auch noch nach Kreuzberg. Wir wollten dorthin, wo noch nichts Derartiges existierte. Deshalb entschieden wir uns für Charlottenburg.

Rund um den Klausener Platz sah es damals in vielen Teilen noch aus wie nach dem Krieg. Charlottenburg ist ja, trotz seines Images, immer teilweise reich und teilweise arm gewesen zugleich. Schick und zerstört. Wenn ich Besuch aus den USA bekam, war der immer total entsetzt über die schwarzen Häuserruinen in der Gardes-du-Corps-Straße. Damals begann man überall die Hinterhöfe abzureißen, die Außenklos hingen in der Luft, und Touristenbusse bestaunten die auch in Charlottenburg besetzten Häuser. 1980 haben wir in der Danckelmannstraße unseren „FFBIZ-Frauenladen“ eröffnen können. Wir waren gezwungenermaßen Hausbesetzerinnen geworden, denn niemand wollte uns etwas vermieten. Wer was Frauenbewegtes machte, galt gleich als „kommunistisch“ und „anarchistisch“ und „lesbisch“ und bekam den Rat: „Geht doch rüber!“ Absurd war, dass wir letztendlich selbst besetzt wurden, von der kaputten Drogenjugend Charlottenburgs. In deren Augen waren wir ja bürgerlich.

Heute bin ich eine aggressive Verteidigerin Charlottenburgs, das ja nach der Vereinigung der Stadt massiv an Bedeutung verlor. Mich ärgert, wenn viele auch im ehemaligen Sanierungsgebiet so gleichgültig geworden sind. Und ich freue mich zum Beispiel über die Freiwilligeninitiative Brixpark, nicht weit von dort, wo ich lebe, an der Westendallee. Das ist jetzt meine Lieblingsgegend, die Perlenschnur von kleinen Stadtparks – aus Arbeitsbeschaffungsprogrammen der 20er-Jahre hervorgegangen –, der Waldfriedhof an der Heerstraße, die immer noch ihren belasteten Namen hat, und der Teufelssee, wo ich jeden Sommer morgens um fünf Uhr schwimmen gehe.“ Protokoll: AW