Andrée Sfeir-Semler, Galeristin

"Was ist das für ein Leben, wenn man nichts riskiert?"

Als sie Kunst studierte, brach der Libanon-Krieg aus. Galeristin ist Andrée Sfeir-Semler trotzdem geworden: Erst in Kiel und Hamburg, seit ein paar Jahren auch in Beirut. Aber wo ihr Zuhause ist, weiß sie bis heute nicht.

Will keine agitatorische Kunst: Andrée Sfeir-Semler.  Bild: Miguel Ferraz

taz: Frau Sfeir-Semler, Sie sind seit 25 Jahren Galeristin in Deutschland und seit sechs Jahren in Ihrer Geburtsstadt Beirut. Warum so spät?

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Andrée Sfeir-Semler: Weil es nicht eher möglich war: Von 1975 bis 1992 tobte der Bürgerkrieg, und in solchen Zeiten kann man keine Galerie eröffnen. Außerdem gab es damals in Beirut keine zeitgenössische Kunstszene. Die Menschen waren mit Überleben beschäftigt. Mitte der 90er Jahre begannen einzelne Künstler, zeitgenössisch zu arbeiten. Einige von ihnen gründeten die "Arab Image Foundation" - ein fotografisches Archiv - und fingen an, sich für ihr eigenes Land zu interessieren. Sie haben überlegt, wo sind unsere Wurzeln, was ist spannend an unserer Geschichte.

Warum war diese Rückbesinnung nötig?

Die meisten waren auf französische Schulen und Universitäten gegangen. Und auch wenn für mich die Arab Image Foundation die Keimzelle der arabischen modernen Kunst ist, war es doch ein indirekter Zugang: Über die Fotos recherchierten diese Künstler über die eigene Geschichte, schrieben darüber - und setzten es dann in Bilder um. Walid Raad, Akram Zaatari, Yto Barrada waren eigentlich Denker. Deshalb brauchten sie eine Vertretung.

Das waren Sie.

Ja, da es kein anderer tat. Ende 2004 habe ich ein 1.400 Quadratmeter großes Fabrikgebäude am Beiruter Hafen gemietet. Damals ahnte keiner, dass im Februar 2005, nach dem Mord an Premierminister Hariri, neue Unruhen ausbrechen würden. Wir haben unsere Galerie trotzdem im April 2005 eröffnet. Es war der erste White Cube im arabischen Raum. Ein großes Wagnis.

56, hat in Beirut freie Kunst und Kunstgeschichte studiert. Nach dem Magisterabschluss wollte sie nach Los Angeles, zog ihrem Mann zuliebe aber nach München, wo sie in Kunstgeschichte promovierte.

Ab 1985 lebte sie mit ihrer Familie in Kiel und eröffnete dort ihre erste Galerie.

1998 kam die Familie nach Hamburg, wo seither die Galerie Sfeir-Semler existiert.

Inwiefern?

Das fing schon mit der Eröffnung an: Es herrschte Ausgangssperre, und ich wusste nicht, ob Einheimische kommen würden. Mich haben aber über 40 Kuratoren und etliche Hamburger Sammler begleitet. Und das Wahnsinnige war, dass Hariris Schwester gerade für unseren Eröffnungstag zu einem Friedensmarsch durch die Stadt aufrief. Sie nahmen meine Galerie, die ja am Rande der Stadt zwischen Hafen, Müllbergen und Schlachthof liegt, auf. Wir hatten 1.800 Gäste.

Wer kam da alles?

Die Intelligenzija, das gehobene Bürgertum, viele junge Leute - und alle, die den Mund nicht mehr halten wollten.

Wie läuft es seither?

Die praktischen Probleme sind immens: Derzeit gibt es sechs Stunden täglich Strom. Außerdem fehlen Rahmen - und derzeit hortet der Beiruter Zoll neun Kisten am Flughafen, weil er das Gesetz zur "provisorischen Einfuhr von Kunst" nicht kennt.

 

Dabei galt Beirut lange als "Paris des Nahen Ostens".

Gegenfrage: Wie war Berlin 1947 kulturell aufgestellt, wie viel Intelligenzija noch vor Ort? Wissen Sie, wie viel der Krieg kaputtbekommt? Dieser kulturelle Humus erholt sich nur langsam.

Sie pflegen arabischen "Humus" - auch jüdischen?

In Beirut gibt es kaum noch jüdische Künstler. Viele jüdische Schulfreunde sind 1967 verschwunden, kurz vor dem Sechs-Tage-Krieg. Vermutlich hat sie der Mossad nach Israel gerufen. Aber ich stelle natürlich jüdische Künstler aus: Sol LeWitt, den Iraki Michael Rakowitz und Sophie Calle. Ich habe nichts gegen die jüdische Religion. Aber ich würde nie einen Israeli ausstellen.

Warum?

Weil ich nicht akzeptiere, dass jemand diese Identität pflegt und eine Nation unterstützt, die die Menschenrechte derart brutal missachtet. Ich erwarte, dass er sein Land boykottiert, wie wir es getan haben. Wir Denker und Künstler sind entweder ausgewandert oder haben die Wahlen boykottiert. Das erwarte ich auch von jedem israelischen Künstler. Zugegeben, Yael Bartana ist so eine. Aber wie viele gibt es, die so handeln?

Sie sind eine explizit politische Galeristin.

Ich stelle etliche politische Künstler aus. William Kentridge, Alfredo Jaar, Hans Haacke, die Libanesen Walid Raad, Akram Zaatari und der Palästinenser Taysir Batniji sind nur einige von ihnen.

Sind alle relevanten libanesischen Künstler politisch?

Ja. In einem Land, in dem die Menschenrechte so oft verletzt werden, kommt kein Künstler an der Politik vorbei. Selbst die so poetisch wirkende Dichterin und Malerin Etel Adnan ist politisch. Sie hat lange für Frauenrechte gekämpft und lebte schon offen lesbisch, als das im Libanon noch verpönt war.

Würden Sie alle auch in Hamburg zeigen? Oder gibt es Codes, die sich nicht übersetzen lassen?

Ich könnte sie alle hier zeigen. Denn keiner der Künstler, die ich vertrete, ist ethnisch oder agitatorisch. Die Künstler, die mich interessieren, formulieren ihre politische Message subtiler und sind deshalb universell.

Eigentlich wollten Sie ja selbst Künstlerin werden.

Ja, aber ich bin nicht gut genug. Ich bin die bessere Vermittlerin.

Sie haben 1971 einen Kurzfilm-Preis gewonnen.

Ja, mit 17. Damals war ich sehr politisch. Ich kämpfte für die Rechte der Frauen im arabischen Raum. Das habe ich schon als 13-Jährige getan. Ich bin deshalb von zwei Schulen geflogen.

Warum?

Weil ich in die kommunistische Partei eingetreten war. Und das kann man nicht, wenn man auf eine französische Nonnenschule geht.

Warum eine Nonnenschule?

Die meisten guten Schulen im Libanon waren in religiöser Hand. Bei uns lernten übrigens auch Moslems. Aber es war nicht salonfähig, für die Palästinenser zu kämpfen - und noch weniger salonfähig, Kommunist zu sein.

Warum riskierten Sie derart viel?

Was ist das für ein Leben, wenn man mit 13 nichts riskiert?

Nach dem Abitur wollten Sie für immer weg.

Eigentlich wollte ich nur zum Studium in die USA. Dann lernte ich meinen deutschen Mann kennen und ging nach München. Später zogen wir nach Kiel und Hamburg. Aber ich hatte nie vor, so lange wegzubleiben. Ich war politisch sehr aktiv und habe in palästinensischen Camps gearbeitet.

Was haben Sie da getan?

Ich habe den Menschen Schreiben und Lesen beigebracht, den Frauen Mut gemacht. Ich habe gesagt, ihr werdet nicht untergehen, sondern in euer Land zurückkehren.

Wann kehren Sie selbst zurück?

Immer wieder. Zur Zeit renoviere ich dort meine Wohnung.

Und Ihre Familie zieht mit?

Nein, wir pendeln.

Frau Sfeir-Semler, wo sind Sie zuhause?

Ich weiß es nicht. Wenn ich im Libanon bin, sehne ich mich nach Deutschland und umgekehrt. Ich liebe die deutsche Ordnung. Man kann sich auf alles verlassen. Wenn jemand Kunst kauft, bezahlt er auch. Es funktioniert alles: Es gibt eine Straße und eine Verkehrsordnung.

Und in Beirut?

Gibt es Sonne und Wärme. Und eine Herzlichkeit, die es hier nicht gibt, aber auch eine Oberflächlichkeit, die es hier nicht gibt. Die Behörden sind kafkaesk, und es funktioniert nichts, wenn Sie nicht schmieren.

Haben Sie Familie in Beirut?

Meine Brüder und Cousins.

Und die wollen bleiben?

Sie sind ja geblieben. Sie kämpfen, wofür ich kämpfe. Mein Bruder leitet die Bank of Beirut. Das ist die erste und bisher einzige Sparkasse im Libanon, die Geld an Menschen verleiht, die nicht vermögend sind.

Sie sind mit dem Französischen aufgewachsen. Ist es Ihre Muttersprache?

Ich habe das französische Abitur gemacht, bin also eigentlich französisch erzogen. Aber aufgrund meines politischen Engagements habe ich als Einzige in der Familie auch das libanesische Abitur gemacht. Ich tat es aus Nationalismus, weil ich dachte: Es geht nicht, dass wir Libanesen kein Arabisch können.

Waren Ihre Eltern begeistert?

Jedenfalls nicht dagegen.

Welche Sprache wurde zuhause gesprochen?

Sprechen und Schreiben sind im Arabischen verschiedene Dinge. Gesprochen wurde und wird eine Mischung aus Französisch und Arabisch. Aber wir schreiben uns bis heute auf Französisch.

 

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