So lernt man das alles kennen

Im Allgemeinen gibt es immer Erfahrungsschnittpunkte: Mit „Die Liebe zum Schrott“ und „Unternehmen Paradies“ kommen gleich zwei Großstadtfilme ins Kino – der eine über den Osten von Leipzig, der andere über Berlin als fremde, glitzernde Stadt

Großstadtfilme sind ein schönes Genre. Alles ist möglich. Im Allgemeinen gibt es immer Erfahrungsschnittpunkte, denn da oder dort war man ja auch schon gewesen. Vor allem kennt man die Stadt selber wieder von Medienbildern. Aus den Nachrichten, aus albernen Werbefilmen, aus dem „Tatort“ und von anderen Dokumentarfilmen. Leipzig zum Beispiel. Seit der Wende gab es wenigstens fünf größere Dokumentarfilme, die in Leipzig spielen. Andreas Voigt hatte in seiner Leipzigtrilogie u. a. rechtsorientierte Jugendliche porträtiert; Gerd Kroske hatte sich mit Müllmännern beschäftigt.

Bernhard Wutka und Thomas Doberitzsch konzentrieren sich in ihrem zwischen 2000 und 2002 entstandenen Film „Die Liebe zum Schrott“ auf den Leipziger Osten, eine, wie man so sagt, verrufene Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit, Kriminalität und rechten Jugendlichen, einem Viertel mit vielen Billigläden und vergleichsweise hohem Ausländeranteil, einem Stadtteil „mit besonderem Entwicklungsbedarf“, für den es dann Fördergelder aus dem Bund-Länder-Förderprogramm gibt. Das Stadtteilporträt des aus Göttingen stammenden Regisseurs Wutka, der als Professor an der Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur in Leipzig arbeitet, ist interessant, wenn auch etwas konventionell geraten.

Was immer so gerne hervorgehoben wird, als sei es etwas Besonderes – dass die Filmemacher nicht urteilen, sondern nur beobachten, auf dass der Zuschauer sich sein eigenes Bild machen kann, ist ja längst gang und gäbe, vielleicht auch bequemer, in gewisser Weise auch verlogen – denn es ist ja immer noch der Regisseur, der nach bestimmten Kriterien das, was er filmt, aussucht, gegeneinander schneidet usw. Dokumentarfilme, die Position beziehen, die versuchen, das Gefilmte irgendwie zu analysieren, in denen ein bestimmtes Interesse, ein meinetwegen auch ganz privat verschrobenes Begehren des Filmemachers zu spüren ist, in denen vor allem der hinter der Kamera kenntlich wird und in einen Dialog mit dem Gefilmten tritt, sind die Ausnahme. Wie auch immer.

Im Genre der Stadtgebietsfilme ist „Die Liebe zum Schrott“ recht schön geraten. Eine Sammlung architektonischer Impressionen, Andeutungen von Lebensgeschichten. Ein Inder hat im Dachgeschoss seines Hauses einen Sikh-Tempel eingerichtet und hebt die Toleranz seiner Religion hervor; ein positiv denkender Student badet Sekt trinkend in seinem Garten und lobt den Sommer in Leipzig; alternative KünstlerInnen machen ein Straßenfest; Arbeitslose blicken düster in die Zukunft, zwei Frauen kümmern sich um Junkies, die selber nie zu sehen sind; frustrierte Rentner beschweren sich über Ausländer; ein Skin redet im Off rechtsradikalen Schwachsinn. So lernt man das alles kennen. Am besten ist ein älterer Schrottsammler mit Alkoholproblemen, der das deutsche Sozialfürsorgesystem überschwänglich lobt. So was sieht man selten.

„Die Liebe zum Schrott“ ist ganz okay; richtig klasse dagegen ist „Unternehmen Paradies“, der Berlin-Film von Volker Sattel. Der Film ist eine Collage. Es gibt keine Geschichten, keine Hauptfiguren, nur Gegenden. Architekturaufnahmen, die an die Filme Johann van der Keukens erinnern. Viel Potsdamer Platz und Musterhaussiedlungen in Vororten, Ereignisse wie Staatsbesuche, Karneval der Kulturen, Erster Mai und Technoevents, eine nur selten überambitionierte Tonspur und ein wunderbar musikalischer Schnitt. Es gibt melancholische fotografische Bilder urbaner Entfremdung – Menschen im Bus im Gegenlicht, drei Leute, die auf den Bus warten. Stadtaufnahmen, die die mediale Selbstrepräsentation Berlins reflektieren, wenn Aufnahmen von Staatsbesuchen, die hinter die Bühne sozusagen blicken, wo man Schröder von hinten sieht und Sabine Christiansen, neben Livebildern aus den Pressezentren stehen, in denen die Journalisten die Ereignisse auf Großbildleinwänden verfolgen.

Man sieht Schröder mit Putin am Brandenburger Tor, wie er den wartenden Bildjournalisten zuruft: „Nehmt doch Archivbilder. Da gibt es doch noch genug davon“, und der Kopf addiert die unausgesprochene Medientheorie. Die Stadt, die aus der üblichen Kiezperspektive vertraut ist, wird einem wieder großstädtisch und fremd in diesem Film, der sich dem kumpelhaften Geduze fernsehgängiger Dokumentationen verweigert, in dem vor allem niemand, der gefilmt wird, zurückschaut. Als Zuschauer ist man unbeteiligter Beobachter. Der mitleidlose, unbeteiligte Blick der Kamera verfremdet auch das, was man kennt. Und plötzlich wirkt Berlin so groß und fremd, so kalt glitzernd, vielfältig und ein bisschen beängstigend wie Tokio oder New York.