Herrn Turturs Physik

WELTRETTUNG In einem Saure-Sahne-Becher der Marke Milbona und unbemerkt von seinen Kollegen hat ein Wolfenbütteler Fachhochschulprofessor die Lösung des weltweiten Energieproblems entdeckt. Die Experten bleiben skeptisch. Groß aber sind die Hoffnungen

AUS WOLFENBÜTTEL BENNO SCHIRRMEISTER

In trägen Schlaufen zieht sich die Wendeltreppe aufwärts, als hätte die Hitze auch sie zerdehnt. Unwahrscheinlich ist es, manche wissen sogar von vornherein: Alles Humbug, noch dazu hier, Wolfenbüttel, Fachhochschule!, das ist doch – naja.

Aber umgekehrt wäre es eben zu schön, ach, mehr als das, eine Erlösung wär’s! Leer wirkt das Gebäude, nur eine Handvoll Studierende in murmelnden Gesprächen, jede Stufe blank gewischt, jeder Schritt ein Schweißausbruch. „Es gibt auch einen Fahrstuhl“, hatte er gesagt, vielleicht wär’s klüger gewesen, auf ihn zu hören. Herrn Turturs Zimmer liegt ganz oben rechts, direkt an der Glasfront, die nach Norden blickt.

Herr Turtur hat etwas entdeckt, was er für die Umwandlung von Vakuum-Energie in Bewegung hält. Ein Antrieb aus dem Raum, fast aus dem Nichts. Bloß glaubt ihm niemand. Weil das als so unmöglich gilt, dass die meisten Koryphäen der Zunft nur ungern ein Wort dazu verlieren. Immerhin, Experimentalphysikerin Gisela Anton, Leibniz-Preisträgerin 1994, resümiert, dass „diese Energie nach den bisher gültigen Prinzipien der Physik nicht nutzbar“ sei. Und Quantenforscher Immanuel Bloch, Direktor des Münchner Max Planck Instituts, warnt: „Ich wäre da eher vorsichtig.“

Das ist ein guter Rat, immer. Auch, weil es in keiner Disziplin leichter fiele, einen fiktiven Forscher zu installieren, aus akademischem Jux, um zu sehen: Wer fällt drauf rein. Aber Claus W. Turtur gibt es wirklich. Er ist 1961 in Bonn geboren. Er ist Professor an der FH Braunschweig-Wolfenbüttel. Er hat dort ein Büro, selbstverständlich, im Gebäude der Elektrotechnik, ganz oben rechts und ist beim Klopfen aufgesprungen, er trägt eine helle Hose, Kurzämelhemd und glatte Haare. „Ja bitte!“, ruft er, die Stimme klingt süddeutsch-weich, mainfränkisch vielleicht, kein bisschen nach Rheinland, und herzlich ist der Händedruck. „Legen Sie doch erst mal ab“, sagt er und dass ihm die akademische Anrede „fast fremd“ vorkomme. „Ich habe schon alles aufgebaut.“

Tatsächlich. Einen Moment fehlen die Worte. Das also…? Auf der grünen Schreibunterlage steht ein Sockel, der eine silbrige Klemme hält, die oben, auf einer dünnen Achse, einen Minipropeller trägt. Darüber schwebt, montiert an eine dicht an den Tisch gerückte Stange, ein Baldachin, rund wie ein zu groß geratener Bierfilz und umwickelt mit Alufolie. Indem er diesen Aufbau elektrostatisch lädt – also ganz ohne, dass messbar Strom flösse – bringt Herr Turtur das Rädchen zum Drehen. Wenigstens solange die Voltzahl stimmt. Weil er damit, so Turtur, die Vakuumenergie anzapft.

Die kennt die Quantenmechanik als Konzept zur Beschreibung der minimalen Energie, als Nullpunkt der Aktivität. Was wiederum die Frage aufwirft, was aus dem Raum würde, wenn er sein energetisches Minimum unterschritte.

■ gehört zu den esoterischeren Konzepten der Quantenmechanik. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass der leere Raum ein Energieniveau haben muss. Das würde sich im ständigen Entstehen und Zerfallen nicht-beobachtbarer, virtueller Teilchen-Antiteilchen-Paare ausdrücken.

■ Als Hinweis auf die Existenz dieser Energieform wird der so genannte Casimir-Effekt gedeutet: Im Vakuum drückt eine Kraft einander parallele, perfekt leitende Platten um Millionstel Zentimeter zusammen. Laut Untersuchungen des Stuttgarter Max-Planck-Instituts für Metallforschung lässt sich diese Kraft mit 600 Femto-Newton beziffern, fast dem millionsten Teil der Gewichtskraft eines Flohs. Die benötigte Messmethode ist mehrtausendfach sensibler als die Atomic-Force-Mikroskopie.

Es sei, beharrt Turtur, „eben kein perpetuum mobile“, das darf man nicht verwechseln: Wundermaschinchen, die sämtliche für ihren Betrieb notwendigen Kräfte selbst produzieren, funktionieren nur in „Jim Knopf“ und anderen Fiktionen. Aber eine „unerschöpfliche Energiequelle“ wäre es eben doch, schreibt er in einem Aufsatz, den kein Fachblatt drucken mag. Eine zudem, wie der Text weiterspinnt, deren Nutzung in keinster Weise unsere Umwelt belasten würde. Und deren Ausbeute jeder Haushalt privat erledigen könnte, „so ist es wenigstens gedacht“, sagt Herr Turtur, der auch seinen ersten Rotor mitgebracht hat – völlig selbstgebastelt: Wenn alles so zutrifft, wie der Fachhochschulprofessor sich das denkt, dann wäre aus dem abgeschnittenen Fuß eines Saure-Sahne-Bechers der Marke Milbona der Menschheit Zukunft und Rettung erwachsen.

„Mögen Sie ein Wasser?“, fragt er nun und entschuldigt sich umständlich, nicht schon vorher daran gedacht zu haben. „Nehmen Sie nur, soviel Sie wollen!“

Manche der anerkannten Experten werden ganz zornig, sobald sie von der Geschichte erfahren. „Hanebüchener Unfug“ sei das, schreibt einer, der unerwähnt bleiben will und nennt „jede Minute, die man sich damit befasst, sinnlos vertane Zeit“. Aber der kennt den Herrn Turtur nicht. Denn Zorn ist wirklich das letzte, was dieser sanfte Mann erregt. Beim Foto verkrampft er ein wenig, das Lächeln wirkt bemüht, fast hilflos: „Wie soll ich gucken?“ fragt er. Auf den Bildern wird er 20 Jahre jünger aussehen, als er ist. Man könnte ihn für den kleinen Bruder von Bill Gates halten, oder den großen von Ralph Caspers, der „Wissen macht Ah!“ auf dem Kinderkanal moderiert. Eine grundsolide Existenz, verheiratet, zwei Kinder, seriöse Verlage drucken seine Handbücher zur Prüfungsvorbereitung, promoviert hat er in Regensburg, danach zwei Jahre Industrie – um an eine Fachhochschule zu kommen. Geradliniger geht’s kaum.

Wolfenbüttel? „Das kannten wir vorher gar nicht“, sagt Turtur. Als die Stelle frei wurde, musste er auch erst einmal auf die Landkarte schauen. Und das Städtchen ist ja auch zu malerisch: Prächtiges Fachwerk, reich geschmückte Balken, viele tragen Inschriften: „Falsche Wag ist dem Herr ein Greuwel“ in goldenen Lettern, oder: „Geh deinen Weg“, auf dunkelbraunem Holz, „und laß die Leute reden“.

Nur das Leben als Fachhochschulprofessor hatte er sich so eben doch nicht vorgestellt: Keine Labors, um seine werkstoffkundlichen Versuche fortzusetzen, kein Forschungsetat, und im Gegenzug bergeweise Klausuren zum Semester-Ende. Pro forma steht die Forschung im Arbeitsvertrag. Aber „ich bin hier nur noch Lehrer“, sagt Turtur, „ich hätte meine geliebte Physik aufgeben müssen“.

Zum Ausgleich fing er an, sich in die Theorie des Raumes reinzufuchsen. „Zuerst sollte es“, sagt er, „ganz philosophisch sein“. Aber dann, als er sein erstes Skript hatte, und seine Frau sah es, und die wies ihn darauf hin, dass er doch wieder alles in Formeln und Algorithmen ausgedrückt hatte. Du, habe sie damals gesagt, du machst ja doch wieder Physik, erzählt er. „Ich kann halt nicht anders.“

Kaiserschmarrn wählt Turtur in der Mensa, das Salatbüffet welkt, munter spintisiert das Gepräch. Warum das Energieerhaltungsgesetz eben nicht verletzt sei, und dass Gasentladungen seinen Rotor antreiben, hält Turtur für ausgeschlossen, „er dreht sich ja auch im luftleeren Raum“, an der Guericke-Uni Magdeburg sei das erprobt. Der dortige Vakuumtechniker Wolfram Knapp bestätigt die „intensive Zusammenarbeit“.

Plötzlich senkt Turtur die Stimme. Verdruckst fällt noch das Wort „Lichtgeschwindigkeit“, dann keine verdächtige Vokabel mehr. Zwei Kollegen haben sich dazugesetzt, und die bewegt eine andere Frage, nämlich wer mit welchen Klausuren durch ist. Doch, doch, die Werkstoffkunde hat Herr Turtur schon fertig. Seine Physik noch nicht.

Niemand in Wolfenbüttel weiß von seinen Versuchen, die Studierenden nicht und nicht die Kollegen. „Ich bezahle das hier alles selber“, sagt Turtur, bis zu 80 Stunden pro Woche arbeite er im Büro, seit acht Jahren. „Mein Ziel ist es ja nicht, reich zu werden, sondern etwas Gutes tun.“ Desto schmerzhafter die Absagen der Fachzeitschriften: „The experimental setup“ hat der Gutachter der Annalen der Physik geschrieben, „is far away from professional standards“. Längst hat Turtur die einschlägigen Forscher der Republik benachrichtigt, Ehrensache: „Aber diese E-Mails bleiben prinzipiell ohne Antwort“, klagt er. „Das Establishment macht einfach zu.“ Ihn aber beirrt nichts. Er arbeitet weiter, schleift nach, was der Gutachter moniert, publiziert open source. Und findet so seine Anhänger.

Im Umfeld des NET-Journal etwa, eine Art Fachmagazin für beweisferne Technologien: Vergangenes Jahr zog die Aufmerksamkeit der Redaktion vor allem der „Durchbruch“ der Therapie mit dem „Mircale Mineral Supplement“ auf sich, das jeden Krebs binnen Stunden und Aids in drei Tagen besiegt. Im laufenden Jahr ist bereits der „Durchbruch bei der ‚Kalten Fusion‘“ geglückt – und Herr Turtur hat am Oker-Ufer „den Rubicon überschritten“, wie Ex-Heilpraktiker Gerhard Lukert in einem Gastbeitrag verkündet. Ja hätte denn nicht schon mehr als Einer im Bad Gasteiner Silberstollen die „gewaltige Schwere des Berges über sich“ gespürt, und in dieser und durch sie den mächtigen „Fluss der Kraft, der von unzähligen Molekülen im Gestein ausging“? Bloß die Schulphysik, „verbrettert“, wie sie nun mal ist, schert sich darum nicht und wendet „den Salat der von bewegten Elektronen erzeugten Wellen und Felder“ ewig hin und her und her und hin. Bis der Herr Turtur kam. Der von Wolfenbüttel aus „das gesamte Gebäude der Physik wenn nicht umstürzen, so doch spürbar verrücken“ wird.

Unangenehm ist dem diese Euphorie nicht. „Ich habe nicht die Borniertheit“, sagt er beim Weg die Treppe hinab auf die Erde, „andere abzulehnen“. Seine Entdeckung „soll ja nicht im Archiv verstauben“. Eines Tages, daran glaubt er, wird ein Tüftler seine Forschungen aufgreifen. Und der wird Turturs Apparatur zum serienreifen Minikraftwerk entwickeln. Und dann haben unser aller Kinder Energie aus Nichts, zum Nulltarif und saubere Luft und sauberes Wasser, „das ist die Hoffnung“, sagt er. Und klar, diese Hoffnung, die darf man nie verlieren.