Verlieren ist für Verlierer

Der Dokumentarfilm „Gegen die Kultur“ erzählt vom Aufstieg des Berliner Underground-Rap und des Labels Royal Bunker. Das ist einige Jahre her. Die eine Hälfte der Protagonisten ist heute in den Charts, die andere sammelt sich um Royal-Bunker-Chef Marcus Staiger in einem Kreuzberger Keller

Aus dem Untergrund kommt Marcus Staiger nicht raus. In einem Kellerclub hat die Geschichte seines Underground-HipHop-Labels Royal Bunker angefangen, und auch das Kreuzberger Büro, in dem Royal Bunker heute Mailorder und Vertrieb abwickelt, liegt im Souterrain-Halbdämmer, mit massiven Eisenstäben vor den zugesprayten Fenstern. Wir treffen uns anlässlich des Films „Gegen die Kultur“, einer Royal-Bunker-Dokumentation, die jetzt auf DVD herausgekommen ist. Marcus Staiger, angetan mit einer Royal-Bunker-Jeans und einem knallroten Royal-Bunker-Sweater, kocht Tee. Stefan Pethke, die eine Hälfte des Filmemacherteams, wird zum Croissant-Einkauf geschickt. An der Wand hängt in Postergröße Puff Daddys hyperdarwinistisches Mantra: „Life is not a game / Only the fittest and most aggressive will survive / Sleeping is forbidden / A second cannot be wasted / Once seconds are lost, you lose / And losing is for losers.“ Ein sinnfälliges Motto für ein Label, das seinerzeit die lautmäulige Berliner Battlerap-Szene gebündelt und sich mit harten, pornografischen Lyrics hervorgetan hat. Das die Ursuppe für die MCs Kool Savas, Sido und Eko Fresh war, schwer von Anfeindungen, Beefs und Dissings heimgesucht wurde. Und heute für sein Überleben als Markt-Mini-Player kämpfen muss.

Der Film erzählt eine Erfolgsgeschichte. Eine Geschichte, die 1998 anfängt und 2001 vorläufig endet. Auch wenn Marcus Staiger sagt, er habe „den Anspruch gehabt, relativ objektiv zu berichten über die Zeit“, und Pethke unterstreicht, dass er als Filmemacher „jetzt kein Befehlsempfänger“ war und auch ein paar kritische Stimmen – Sido darf Staiger als „Schlange“ bezeichnen – zu Wort kommen: „Gegen die Kultur“ kommt als Royal-Bunker-Veröffentlichung auf den Markt und ist dementsprechend eine dem Bunker sehr wohlgesinnte Angelegenheit, ein Film auf der Schnittstelle zwischen Glorifizierung, Eigenwerbung und Dokumentation.

Es beginnt 1998. Fast ganz HipHop-Deutschland ist korrumpiert von der Plattenindustrie. Stuttgart kommt mit Consciousness und Hamburg mit Fun ordentlich zu Geld. Nur die Hauptstadt ist noch ein weißer Fleck auf der Landkarte des Deutsch-Rap-Sellouts: Berlins Szene ist namenlos, unorganisiert und hängt am Tropf der öffentlichen Hand. Kool Savas bietet auf seiner ABM-Stelle im Steglitzer Hiphop Haus unter der Aufsicht von Sozialpädagogen MC-Workshops an. Der aus dem Schwabenländle zugezogene Marcus Staiger erweist sich am Mikrofon als wenig talentiert, denkt aber schnell um: Als Savas ihm von den Freestyle-Veranstaltungen des in Los Angeles ansässigen Project Blowed erzählt, fängt er Feuer. In Kreuzberg findet Staiger einen kleinen, heruntergewirtschafteten Kellerclub, eben den Royal Bunker. Hier organisiert er seinen ersten Freestyle-Jam.

Für ein Jahr heißt es dann: Royal Bunker jeden Sonntag. Staiger treibt die rappenden Jungs an, gibt ihnen Hausaufgaben auf, lässt sie Texte schreiben, überwindet die tödliche Stille, bis sich der Erste ans Mic traut. Der Royal-Bunker-Abend wird schnell zum Sine qua non der Westberliner HipHop-Szene und Staiger zum beseelten Missionar abseits des städtisch organisierten Workshop-Betriebs: selber machen, Leute motivieren, Jams organisieren, Musik rausbringen, Label gründen, erst Tapes, dann Platten verkaufen, unabhängig bleiben.

Der Film erzählt die bewegten Anfangsjahre von Royal Bunker ausschließlich aus der Perspektive der Protagonisten. Mit knapp 20 Leuten aus dem Ex- und Noch-Bunker-Umfeld haben Pethke und die Journalistin Nicole Rother gesprochen, alte Konzertmitschnitte aufgetrieben und Material gesichtet. Pethke wollte schon vor sechs Jahren, zu Zeiten der fröhlichen Bunker-Urständ, einen Film über das Label zu machen. Nachdem aber Kool Savas 2001 dem Bunker den Rücken kehrte und somit „der Bewegung“ Knall auf Fall die Galionsfigur fehlte, ließ er sein damals gedrehtes Material aus Ratlosigkeit ruhen. 2003 dann war über den großen Split genug Gras gewachsen, um mit vielen „Ehemaligen“ wieder reden zu können.

Staiger formuliert es so: „Der Film wurde auch von der Gruppendynamik her wieder sinnvoll. Man konnte das Ganze zur gemeinsamen Vergangenheit erklären.“ Zu dieser Vergangenheit melden sich in dem Film große und kleinere Namen zu Wort, berichten von Battles, Touren, Tape-Kopierereien und Cover-Gebastel, ersten MTV-Interviews, Partys, Videodrehs und immer wieder von Marcus Staigers ungebrochenem Glauben an die Sache. Ihre Statements beschwören mit mal großem Ernst, mal breitem Grinsen die Royal-Bunker-Startup-Zeit hinauf, von den Freestyle-Abenden im stinkenden Keller bis hin zur legendären Record-Release-Party von MORs Album „NLP“ – das 2001 überraschend in die Top 100 einstieg und bis heute die mit Abstand meistverkaufte Royal-Bunker-Veröffentlichung ist.

Dem MOR-Kapitel widmet der Film verhältnislos viel Zeit, es entsteht der Eindruck, dass nach den netten Jungs in Woolworth- Klamotten mit ihren deftigen Lyrics einfach nichts Erzählenswertes mehr bei Royal Bunker passiert ist. Natürlich, die kultige Zeit mit der Kassettenmanufaktur im Hinterzimmer ist heute vorbei. Marcus Staiger hat sein Independent-Label fernab des Big Business etabliert, ein paar Getreue sind bei ihm geblieben, die damit zufrieden sind, ihre MC-, DJ- und Produzenten-Skills eher als Hobby denn zum Geldverdienen auf Royal-Bunker-Veröffentlichungen unterzubringen. Um imagemäßig nicht allzu sehr von der Vergangenheit abhängig zu sein, versucht Staiger mit konstant mittelmäßigem Erfolg, neue Artists und Zielgruppen zu rekrutieren, während abtrünnige Ziehkinder mit Optik Records, BMG oder Aggro Berlin im Geldregen stehen.

Gottvoll haben die Macher ihren Film mit „Teil 1“ untertitelt, und zumindest Stefan Pethke ist sich sicher, dass er es noch bis Teil 17 der Bunker-Saga bringen wird. Unverwüstlich setzt auch Marcus Staiger weiter sein Credo in die Welt – „Wir sind die Härtesten! Wir sind die Einzigen, die kapiert haben, worum es bei Rap geht!“ – und bleibt als leidenschaftlicher Überzeugungstäter das, was ihn zu einer Figur der Berliner HipHop-Geschichte gemacht hat: eine Kreuzung aus Streetworker, Autonomem, Hardcore-Fan und Geschäftsmann.

Wie stark es die Musikindustrie schert, dass Royal Bunker sie weiterhin „von unten in den Arsch ficken“ will, wie das Label damals in spektakulären Anzeigen verkündete, sei dahingestellt. Dass man in „Gegen die Kultur“ ausführlich und sehr unterhaltsam erzählt bekommt, wie eine Subkultur funktioniert – Selbstermächtigung, Solidarität, Emphase, Verrat, Zersplitterung –, ist in seiner Offenherzigkeit sehr souverän und mehr als Tee, Croissant und ein bisschen Nostalgie.