Einfach verkalkuliert

VON J. ADAM TOOZE

„Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen.“ So lautet der letzte Satz in Götz Alys neuem Buch, „Hitlers Volksstaat“. Es ist eine polemische Zuspitzung des berühmten Satzes von Max Horkheimer: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Nicht der Kapitalismus also, sondern eine spezifische Ausprägung des europäischen Wohlfahrtsstaates ist der Hintergrund für die Morde und Ausbeutung des Nationalsozialismus.

Den Holocaust als Raubmord zu denken, daran hat man sich in den letzten Jahren gewöhnt. Die Gerichte und die Historiker neigten dazu, diesen Prozess vor allem als einen Akt privatwirtschaftlicher Bereicherung zu verstehen. Eine falsche Einschätzung, wie Aly überzeugend zeigt. Der Hauptzweck des Massenraubes war die Entlastung der Staatskasse. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, denn die „Sühneleistung“ von einer Milliarde Reichsmark, die der jüdischen Gemeinde in der Folge der Kristallnacht auferlegt wurde, steht zu offensichtlich im Zusammenhang mit der gut vertuschten Finanzkrise des Reiches im Herbst 1938. Und auch die Plünderung der Juden durch die Reichsfluchtsteuer ist lange bekannt.

Aber Aly belegt zudem, dass die staatliche Ausbeutung jüdischen Vermögens weit über solche Steuermaßnahmen hinausging. Selbst die „privaten“ Arisierungen mutierten letztlich zu einem Akt staatlicher Aneignung. Erst wurde das Vermögen der Juden registriert, dann verkauft. Die deutschen Käufer profitierten von den Schleuderpreisen. Die kritische Frage ist: Was geschah mit den Milliarden Reichsmark, die jüdische Verkäufer einnahmen? Das Geld wurde zwangsweise in Staatsanleihen investiert. Das gesamte Vermögen der Juden kam, so Aly, am Ende dem Staat und der Rüstung zugute.

Nach 1940 machte dieses Modell überall im besetztem Europa Schule – in der Slowakei, in Frankreich, den Niederlanden, in Belgien, Griechenland, Rumänien und Bulgarien, selbst in Norwegen. Jüdischer Besitz wurde nicht einfach enteignet, sondern registriert und zwangsverkauft. Die ausgerissenen Zahnplomben, die Golduhren, der Familienschmuck wurden nicht in geheimen Schatzkammern gehortet oder in Seen versenkt. Sie wurden zumeist an Ort und Stelle verkauft. Das eingenommene Geld wurde, nominell noch im Namen der Juden, dann an den Staat geliehen und gelangte mehr oder weniger direkt in die Kassen der Wehrmacht. Selbst die letzten, berüchtigten Deportationen von griechischen Inseln im Herbst 1944, als der Krieg im Mittelmeer praktisch zu Ende war, finden hier mehr als nur eine ideologische Motivation. Mit dem Vermögen der Juden von Rhodos bezahlte die deutsche Garnison ein paar Monate ihre Rechnungen.

Die Brisanz von Alys neuem Buch liegt aber nicht in der Nachzeichnung dieser verwickelten Transaktionen. Die Großthese seines Buches zielt auf deren eigentliche Nutznießer: auf die deutschen Steuerzahler. Schon vor dem Krieg wurden in Hitler-Deutschland die Steuern nur sehr selektiv erhöht. So bestritt die Regierung zusätzliche Ausgaben für die Rüstung vor allem aus den Einkünften, die mit der Köperschaftsteuer und den Abgaben der besser Verdienenden erzielt wurden. Drakonische Kriegssteuern gab es auch nach 1939 nicht.

Folgt man Aly, wurde der Krieg vor allem mit den immensen Kriegsbeiträgen der besetzten Länder und durch die Liquidierung jüdischen Vermögens bezahlt. Das ist für Aly der Kern der NS-Herrschaft. Hitlers Regime sei eine „Gefälligkeitsdiktatur“ gewesen: Die Menschen in den eroberten Staaten und die Juden wurden ausgebeutet, damit die Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht belastet werden musste. So sollte die Loyalität der Massen gesichert werden. Nicht Ideologie, sondern eine recht simple Form der Bestechung erklärt also, dass die Deutschen Hitler bis in den Untergang folgten. Keine Rede ist von nationalsozialistischer Überzeugung oder von Führerkult und auch nicht von der Gestapo oder den 30.000 an Volksgenossen vollstreckten Todesurteilen.

Alys Großthese ist höchst provozierend, und sie bringt den Autor in schwere Beweisnöte. Denn seine penible Rekonstruktion der finanziellen Mechanismen ist zwar faszinierend, aber sie reicht nicht aus, um seine These zu stützen. Das Gleiche gilt für die pikanten Geschichten zum Schwarzmarktverkehr zwischen den deutschen Besatzungstruppen und der Heimat, die er genüsslich ausbreitet. Die Streitereien um die „Gepäckzuteilungen“ im Bahnverkehr und der Schmuggel mit Besatzungsgeld belegen eindeutig nur eins: Auch im Krieg aßen die Deutschen gern und schätzten schicke Kleidung. Zudem deutet Alys Argumentation darauf hin, dass ein Teil dieser Waren außerhalb Deutschlands besser zu haben war – was seine These nicht gerade stützt.

Da es an überzeugenden Belegen für Alys These mangelt, kommt es auf die Endrechnung an. Wenn Aly belegen kann, dass die Finanzspritze von außen eine wirklich massive Umverteilung der Kriegskosten ermöglicht hat, dann gewinnt seine These dramatisch an Überzeugungskraft. Nun haben sich mindestens drei Generationen von Volkswirten und Wirtschaftshistorikern mit diesem Thema beschäftigt. Aber Aly rechnet auf seine Weise. Auf der einen Seite akkumuliert er eine riesige Summe: die Besatzungskosten, die Handelsschulden Deutschlands, die Summen, die man von den Juden vereinnahmte, die Lohnsteuer, bezahlt durch die Fremdarbeiter. Alles zusammen 170 Milliarden Mark.

Dagegen setzt er den bescheidenen Betrag, der von den Deutschen selbst in der Form von zusätzlichen Kriegssteuern erhoben wurde – höchstens 84 Milliarden Mark. Fazit: 70 Prozent „der Gelder, die der Krieg auf deutscher Seite täglich verschlang“, wurden vom Ausland und durch den Raubmord an den Juden finanziert. Gewöhnliche deutsche „Klein- und Durchschnittsverdiener“ haben höchstens 10 Prozent der laufenden Kriegskosten des Reiches bezahlt. Eine beeindruckende Rechnung – wenn sie stimmen würde.

Nur: Sie stimmt nicht. Die Verhältnisse waren genau umgekehrt. Mehr als drei Viertel der Ressourcen für Hitlers Krieg wurden von der deutschen Volkswirtschaft, von den Deutschen selbst aufgebracht. Der Außenbeitrag war von großer Bedeutung, lag aber höchstens bei einem Viertel. Nicht 70 Prozent also, sondern nur 25 Prozent.

Aly verrechnet sich so grob, weil er unsymmetrisch vorgeht. Auf der deutschen Seite betrachtet er nur Steuern als Kriegsbeitrag. Bei den Fremdbeiträgen rechnet er alle Einnahmen zusammen, wie immer sie auch finanziert wurden. Ihm ist egal, ob nun zum Beispiel die französische Regierung das Geld für die Deutschen durch Steuern heranschaffte oder über Anleihen oder ob sie einfach Geld gedruckt hat. Genauso hätte Aly auch den deutschen Beitrag berechnen sollen. In Bezug auf die Opfer der deutschen Besatzung und Ausbeutung weiß er schließlich sehr wohl, dass Vermögen, die in Reichsanleihen gesteckt wurden, verloren waren. Die Kriegsinflation hat nicht nur die Zwangsanleihen der jüdischen Bevölkerung ausgelöscht, sondern auch die Sparkasseneinlagen „deutscher Normalverdiener“. Es gibt keine moralische Gleichwertigkeit, aber in wirtschaftlicher Hinsicht müssen beide Beiträge zu den laufenden Kriegskosten des Reiches gerechnet werden.

Die Milliardenbeträge, die aus deutschen Sparkassen, Banken und Versicherungen über die so genannte geräuschlose Finanzierung in die Reichskassen geschleust wurden, waren die Hauptstütze der Kriegsfinanzierung, nicht die Steuereinkünfte und auch nicht die Besatzungskosten. Diese unfreiwillig angelegten Beträge waren der geldmäßige Ausdruck der reellen wirtschaftlichen Kosten des Krieges: Die Menschen konnten mit ihrem Geld weder konsumieren noch es investieren.

Auch wenn Hitlers Regime die Volksgenossen lieber nicht besteuerte – die Menschen, die Rohstoffe, die Kapazitäten der Industrie hat es trotzdem mobilisiert. Und das wird auch von den Ergebnissen der vergleichenden Forschung bestätigt, die Aly weitgehend ignoriert.

Es ist natürlich alles eine Frage des Maßstabes. So übertrifft die ungeheure Mobilisierungsleistung der stalinistischen Diktatur die aller westlichen Staaten bei weitem. Aber Alys Vergleichsmaßstab ist nicht die Sowjetunion, sondern das England von Churchill, das mythische, demokratische England – ein „Regime“ also, das sich laut Aly siegesgewiss auf einen wahren Konsens seiner Bevölkerung stützen konnte.

Ein genauer Vergleich der beiden Kriegswirtschaften offenbart allerdings: Bis zur Kriegswende 1941 deckten die Steuern in Hitlers Gefälligkeitsdiktatur einen größeren Teil der staatlichen Ausgaben als in England. Und selbst 1944 zahlten die deutschen pro Kopf im Verhältnis zu ihrem Einkommen mehr Steuern als die Briten.

Wenn man nicht nur auf die Finanzierung, sondern auf die Mobilisierung der tatsächlichen Produktion schaut, wird Alys These sogar vollkommen haltlos. Nach der maßgeblichen Nationalproduktrechnung von Mark Harrison, dem führenden Vertreter der neueren Forschung zur Kriegswirtschaft, hat Hitlers Regime in jedem Jahr des Krieges der deutschen Bevölkerung mehr abverlangt als der alte Imperialist Churchill den Briten mit seiner Schweiß-und-Tränen-Politik.

Die Kriegsgesellschaft des nationalsozialistischen Deutschland als Gefälligkeitsdiktatur zu beschreiben geht an der Realität völlig vorbei. Selbst in den besten Zeiten war Hitlers Krieg ein riesiges Wagnis, für das Hitlers Regime alle zur Verfügung stehenden Mittel mobilisierte. Nach 1942 war es ein blutiger Opfergang, der in der Geschichte seinesgleichen sucht.

Seit mindestens zwanzig Jahren hat Götz Aly mit einer Fülle von Veröffentlichungen unser Verständnis des Nationalsozialismus enorm bereichert. Auch dieses Buch ist unbedingt lesenswert. Mit seiner dramatischen Scheinrechnung zu den fiskalischen Grundlagen von Hitlers Volksstaat setzt Aly jedoch einen gewaltigen Irrtum in die Welt. Sein wohlverdienter Ruf wird diesem Irrtum die nötige Autorität verleihen. Ein großer Irrtum bleibt es dennoch.

Götz Aly: „Hitlers Volksstaat. Raub. Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005, 448 Seiten, 22,90 EuroJ. ADAM TOOZE lehrt Wirtschaftsgeschichte in Cambridge. Sein neues Buch „Wages of Destruction“, eine Wirtschaftsgeschichte der NS-Diktatur, erscheint 2006 bei Penguin Books und im Blessing Verlag