KIRSTEN FUCHS über KLEIDER

Amerikanischer Halbschlaf mit Oscar

Wie olle Clint goldene Männchen gewinnt, macht duselig. Und: Wer will schon Schnecken in die USA einführen?

Ich bin letzte Woche bei der Zusammenfassung der Oscarverleihung immer wieder eingeschlafen. Nicht weil die Sendung so langweilig war. Das war sie schon, aber vor allem hatte ich mit meinem ersten Jetlag zu kämpfen. Just an jenem Tag war ich aus New York zurückgekommen, wo ich mir, wie ein Freund es so schön formuliert hatte, „die aufgehängte Wäsche der BSR“ (Berliner Stadtreinigung, mit der Corporate-Identity-Farbe Orange) angesehen habe – die Gates. Ja, war schön.

Ich nickte gejetlagt immer wieder ein, während Anke Engelke albernes Zeug plapperte. Wenn ich zwischendurch aufwachte, gewann Clint Eastwood gerade einen Oscar und zeigte Rührung in seinem patinierten Amerikanischer-Nussbaum-Schnitzgesicht. Ich hatte, wie viele andere auch, getippt, dass der Film „Aviator“ die wichtigsten Oscars abräumen würde. Nicht nur damit Martin Scorsese endlich mal einen bekommt. Auch weil der Film keine Minute langweilig ist, Leonardo DiCaprio toll spielt und die Aufnahmen großartig sind. Und die Kostüme erst: die Lederjacke, die Kleider …

Aber trotzdem stand da immer wieder Clint Eastwood und hielt das goldene Männchen in der zerlederten Hand. Ich habe keine Ahnung, ob „Million Dollar Baby“ gut ist. Im Halbschlaf bekam ich bloß mit, dass Eastwoods Film von einer Frau handelt, die boxen lernen will und von olle Clint himself trainiert wird. Das klang sehr amerikanisch – Rocky mit Frau oder so. Ich machte ein Auge auf und „Million Dollar Baby“ bekam den Oscar für den besten Film. Den Ober-Oscar.

„Aviator“ war einfach nicht so amerikanisch wie Rocky mit Frau. Schade. In New York hatte ich den Eindruck bekommen (präzise: Mein Eindruck von weitem, wurde von nahem bestätigt), dass Amerikaner alles Amerikanische ziemlich gut finden. Die haben an jedem Waggon der U-Bahn eine amerikanische Fahne aufgedruckt. Gut, das wäre hilfreich gewesen, falls ich mal vergessen hätte, wo ich mich befinde. In Amerika, AMERIKA.

Der Name Clint Eastwood klingt eben auch viel amerikanischer als Martin Scorsese. In Brooklyn hatte ich eine John-Wayne-Grundschule gesehen. John Wayne, Clint Eastwood – yeah, aber Martin Scorsese? Obwohl: New York, der Melting Pot? Und der Film „Gangs of New York“, der Beginn des Melting Pots? Für den hatte Scoresese 2002 aber auch keinen Oscar bekommen. Vielleicht war der Film wiederum zu amerikanisch gewesen mit seinem Haudrauf. „Gangs of New York“ setzt an der amerikanischen Wurzel an, und jeder, der schon mal eine Wurzelbehandlung hatte, weiß, dass er das nie wieder haben will.

Das Haudrauf ist in New York verschwunden, wie ich fand ich. Aber in einem Melting Pot müsste doch auch etwas melten, verschmelzen eben. Meine Beobachtungen waren dagegen, dass jedes Metall in seiner eigenen Ecke sitzt und seine mitgebrachte Kultur pflegt: die Chinesen, die Hispanics, die Juden.

Die Amis sind ein komisches Volk: Fingerabdrücke abgeben, um ins Land zu kommen, Fragebögen im Flugzeug ausfüllen (Führen Sie Schnecken ein?) und immer wieder als Rechtfertigung auf das Loch in der Stadt hingewiesen werden – dort, wo mal die großen Twin-Towers-Zähne standen. Wurzelbehandlungen sind eben schmerzhaft. Als ich wieder einmal aufwachte, weil Anke Engelke kicherte, waren schon wieder andere Menschen auf der Bühne. Laudatoren, dann andere Laudatoren. Als ob in ganz Hollywood niemand aufzutreiben war, der mehr als drei Sätze am Stück sagen kann. Also teilten sich alle möglichen Schönheiten und Wichtigkeiten den Moderatorenjob. Aber wie sollte es auch sonst zu bewerkstelligen sein, an einem Abend so viele Kleider zu zeigen.

Ach, so schöne Kleider. In den New Yorker Schaufenstern gibt es auch so schöne Sachen und ich habe mich dumm gekauft. Als „Aviator“ dann den alleramerikanischsten Oscar von allen gewann – den Oscar für die Kostüme – war ich zufrieden und schlief ein. Ich träumte von Schnecken. Million Dollar Snail. Warum sollte jemand Schnecken einführen wollen?

Fragen zu New York? kolumne@taz.de Morgen: Philipp Maußhardt über GERÜCHTE